GESCHLECHTERROLLEN: «Frauen bereichern den Sport»

Weshalb erreichen Frauen im Sport nicht die gleiche Aufmerksam- keit wie Männer? Walter Mengisen, Rektor der Eidgenössischen Hochschule für Sport, über die Rolle der Frau im Sport.

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«Mit einer Frauenquote würden wir grandios scheitern.» Walter Mengisen (60), Rektor der Eidgenössischen Sporthochschule in Magglingen (Bild: pd)

«Mit einer Frauenquote würden wir grandios scheitern.» Walter Mengisen (60), Rektor der Eidgenössischen Sporthochschule in Magglingen (Bild: pd)

Interview Kari Kälin

Walter Mengisen, diese Woche fand der Magglingertag zum Thema Frauen im Sport statt. Beim Weltfussballverband Fifa ist keine einzige Frau im Gespräch als Nachfolgerin von Sepp Blatter. Ist das typisch?

Walter Mengisen: Ja. Aber nicht nur für die Fifa, sondern für sämtliche Sportorganisationen. Im Internationalen Olympischen Komitee werden von rund 200 Mitgliedstaaten nur 21 von Frauen vertreten, in Europa sind es 5. Diese Zahlen widerspiegeln eine Tatsache, die sich bereits auf Vereins- und Verbandsebene manifestiert. Auf diesen Stufen, auch in der Schweiz, sind die Frauen in den Führungsgremien in der Unterzahl.

Wie präsentiert sich die Lage in der Schweiz?

Mengisen: 84 Verbände sind Mitglied der Dachorganisation Swiss Olympic. Nur in 4 Verbänden sitzt eine Frau auf dem Präsidentenstuhl: Beim Schweizerischen Alpen-Club (SAC), bei zwei Schiesssportverbänden und beim Twirlingverband. Bei immerhin 17 Verbänden wirkt eine Frau als Geschäftsführerin. Und der FC Vaduz sowie der HC Lugano werden von einer Frau präsidiert. Beim Formel-1-Rennstall Sauber ist Monisha Kaltenbronn CEO. Der Sport bietet also eine Möglichkeit für eine Managerkarriere.

Haben wir im Sport ein Gleichstellungsproblem?

Mengisen: Ja. Es verhält sich im Sport ähnlich wie in der Wirtschaft. Frauen sind häufig bis 30 Jahre in den Vereinen sehr aktiv, auch als Athletinnen. Danach ziehen sie sich zu Gunsten der Familie oft zurück, während die Männer im Verein bleiben, nach der Aktivkarriere etwa als Funktionär.

Die Frauen schmieren die Butterbrote, während die Männer den Kindern die Taktik für den Fussballmatch vorgeben. Kann man das – überspitzt – so sagen?

Mengisen: Ja. Frauen üben in Vereinen weniger offizielle Tätigkeiten aus, leisten aber mehr Helferdienste als Männer. Sie arbeiten oft im Clubrestaurant und fahren ihre Kinder ins Training. Ohne diese Fahrdienste könnten zum Beispiel die Kinder kaum Eishockey spielen.

Braucht es Frauenquoten in Verbänden?

Mengisen: Mit solch einer Forderung würden wir grandios scheitern. Aber für den Sport wäre es eine Bereicherung, wenn in Führungsgremien mehr Frauen mitwirken würden. In einer gemischten Gruppe entwickelt sich eine andere Dynamik, Frauen bringen eine andere Perspektive in die Diskussionen ein. Es ist wichtig, dass wir für dieses Thema auf die Agenda setzen.

Bei Wettkämpfen geniessen die Männer mehr Aufmerksamkeit, in Verbänden sind sie übervertreten, das Gleiche gilt zum Beispiel auch für den Journalismus. Zementiert der Sport veraltete Rollenbilder?

Mengisen: Auf eine gewisse Weise schon. Es gab zum Beispiel bei Wettkämpfen nie einen Sextest für Männer, für Frauen aber schon. Und ich bin überzeugt, dass Frauen das journalistische Handwerk, zum Beispiel für die Fussballberichterstattung, ebenso gut beherrschen wie Männer.

Es gibt also historische Gründe für die Randstellung der Frauen im Sport?

Mengisen: Ich mache ein paar ­Beispiele: Schon im 14. Jahrhundert gab es in der Schweiz Frauenläufe. Sehr schnell wurden sie aber als Hurenläufe bezeichnet. Wer ­einen Wettkampfsport betreibt, begibt sich an die Öffentlichkeit – und das gehörte sich für Frauen nicht. Bei den ersten Olympischen Spielen der Moderne 1896 in Athen durften Frauen nicht mitmachen. Vier Jahre später in Paris beteiligten sich immerhin zwölf Frauen an den Tennis- und Golfwettbewerben. Noch im Jahr 1931 wetterte der renommierte deutsche Gynäkologe Hugo Selheim, durch zu viel Sport werde der weibliche Körper vermännlicht.

Es wurde also lange das Bild des Sport treibenden Mannweibs kultiviert.

Mengisen: Mangels wissenschaftlicher Erkenntnis war dies der Fall. Man betrachtete den weiblichen Körper als zu schwach für Sport. Eine wichtige Rolle spielte auch die Frauenmode. Das Schnürkorsett aus dem 19. Jahr­hundert war sportfeindlich. Erst als sich Frauen kleiden durften, wie sie wollten, konnten sie einfacher Sport treiben.

Ist es gerecht, dass Roger Federer mehr verdient als die Nummer eins im Frauentennis?

Mengisen: In den 1980er-Jahren sagte mir ein Sportmanager in den USA auf Fragen solcher Art: «Bringe mir zwei Schwinger, fülle damit ein Stadion, und ich zahle ihnen gleich viel wie Baseball-Stars.» Bei den Löhnen von Sportlern dreht sich alles um die Vermarktung. Wenn man Frauentennis gleich vermarkten kann wie das Männertennis, steigen auch die Einkünfte.

Was muss geschehen, damit die Frauen im Sport künftig mehr Beachtung finden?

Mengisen: Man muss ganz bewusst auf den unteren Ebenen – nicht nur im Wettkampfsport – Frauen fördern und sie für Vorstandsarbeit gewinnen. Am besten auch Präsidentinnen anstatt «nur» Protokollführerinnen. Noch heute transportiert der Sport allerdings bekannte Rollenbilder. Das offenbart sich etwa bei den berühmten Nacktkalendern bis hin zur Bekleidung im Beachvolleyball.