GESELLSCHAFT: Den Vereinen gehen die Freiwilligen aus

Immer weniger Schweizer engagieren sich in Vereinen. Vor allem Junge scheuen sich vor verbindlichen Verpflichtungen. Eine Chance, den Trend umzukehren, bietet das Internet.

Lukas Leuzinger
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Ohne den Einsatz von Freiwilligen läuft bei vielen Feuerwehren nichts. (Symbolbild) (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Ohne den Einsatz von Freiwilligen läuft bei vielen Feuerwehren nichts. (Symbolbild) (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

«Mir hei e Verein, i ghöre drzue», sang Mani Matter einst. Der 1972 verstorbene Chansonnier spricht mit seinen Worten allerdings immer weniger Schweizerinnen und Schweizern aus dem Herzen. Denn die Mitgliedschaft und das freiwillige Engagement in Vereinen nehmen ab. Im Jahr 2014 waren noch zwei Drittel der Schweizer über 15 Jahre Mitglied in mindestens einem Verein. Dies geht aus der gestern publizierten dritten Ausgabe des «Freiwilligen-Monitors» hervor – einer Studie, welche von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) finanziert wird. Bei der ersten Befragung 2006 hatten sich noch 80 Prozent als Vereinsmitglieder bezeichnet. Der Anteil der Personen, die sich freiwillig in einem Verein oder einer Organisation engagieren – im Fachjargon spricht man von formellem freiwilligem Engagement –, nahm in diesem Zeitraum von 28 auf 25 Prozent ab (siehe Grafik).

Bild: Grafik: Martin Ludwig

Bild: Grafik: Martin Ludwig

Freiwillige Arbeit verschiebt sich

Ein anderes Bild zeigt sich bei der informellen freiwilligen Arbeit – darunter verstehen die Studienautoren unentgeltliches Engagement ausserhalb von Vereinsstrukturen. Das kann darin bestehen, die Kinder des Cousins zu hüten oder einer Arbeitskollegin beim Umzug zu helfen. Der Anteil der 5700 Befragten, die sich informell freiwillig engagieren, lag mit 38 Prozent gleich hoch wie 2006, nachdem er bei der zweiten Umfrage 2009 stark gesunken war. Die Studienautoren vermuten, dass der zwischenzeitliche Rückgang mit der damaligen Wirtschaftskrise zu tun haben könnte. Sie stellen aber auch eine längerfristige Tendenz fest, dass sich die Leute lieber spontan und unverbindlich engagieren, anstatt sich langfristig zu etwas zu verpflichten, wie es in Vereinen in der Regel der Fall ist. Für diese Erklärung spricht auch, dass der durchschnittliche Zeitaufwand der Befragten für informelles Engagement gesunken ist, und zwar von 15 Stunden pro Monat im Jahr 2009 auf noch 11 Stunden.

Frauen leisten insgesamt mehr informelle freiwillige Arbeit, während beim Engagement in Vereinen die Männer die Nase vorn haben. Insgesamt, so schätzen die Studienautoren, werden in der Schweiz pro Jahr 700 Millionen Stunden freiwillige Arbeit geleistet. Diese sei auch gesellschaftlich von Bedeutung, betonte Markus Freitag, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern und wissenschaftlicher Leiter des Freiwilligen-Monitors, gestern bei der Präsentation der Studie. So sei beispielsweise die Arbeitslosigkeit in Ländern und Regionen, wo es viele Freiwillige gebe, tendenziell tiefer.

Junge sind seltener in Vereinen

Besonders markant ist der Rückgang des freiwilligen Engagements in Vereinen bei den Befragten unter 40 Jahren, wie Freitag erklärte. Demgegenüber blieb der Anteil derer, die sich formell freiwillig engagieren, bei den über 40-Jährigen konstant oder nahm noch zu. Und wenn sich Junge freiwillig engagieren, spielen «selbstbezogene» Motive eine grössere Rolle. So geben unter 35-Jährige viel häufiger an, mit ihrem Engagement die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern oder sich persönlich weiterentwickeln zu wollen. Oft wird auch der Nutzen für die berufliche Laufbahn als Motivation genannt. Demgegenüber nennen ältere Befragte eher altruistische Motive für ihr Engagement.

Jeder Vierte engagiert sich online

Der Befund, dass die Jungen heute lieber asozial vor dem Computer sitzen, anstatt die Junioren des lokalen Fussballclubs zu trainieren, ist dennoch zu relativieren. Das zeigen die Untersuchungen zum freiwilligen Engagement im Internet, welche die Wissenschaftler zum ersten Mal in den Freiwilligen-Monitor einbezogen. Demnach engagiert sich ein Viertel der Schweizer freiwillig im Internet – betreut zum Beispiel eine Vereinswebsite, ist in einem Internetforum über Gartenarbeit aktiv oder verfasst Wikipedia-Beiträge.

Wenig überraschend gehen jüngere Leute deutlich häufiger solchen Aktivitäten nach als ältere. Bei den unter 30-Jährigen beträgt der Anteil über 40 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen liegt er bei 33 Prozent.

Allerdings könne nicht gesagt werden, dass sich das freiwillige Engagement ins Internet verlagere, sagte Markus Freitag. Denn die meisten, die sich im Internet freiwillig engagieren, tun das auch in der realen Welt. Nur 3 Prozent der Befragten engagieren sich ausschliesslich online (wobei dieser Anteil unter den jungen Leuten höher liegt).

Zwischen Offline- und Online-Freiwilligkeit besteht also ein enger Zusammenhang. Unklar ist, was zuerst kommt: Wird jemand online aktiv, weil er sich bereits in einem Verein oder sonst freiwillig engagiert? Oder erleichtert es das Internet, im «realen» Leben ehrenamtlich tätig zu werden? Diese Frage müssten weitere Untersuchungen klären, sagte Freitag. Für beide Varianten gebe es Beispiele. So erzählt er von einer Gruppe junger Leute, die übers Internet ein Fussballturnier für Flüchtlinge organisierten.

«Das Internet ist nicht unbedingt ein Ersatz für freiwilliges Engagement in der realen Welt», bilanziert Freitag. «Es ist aber auf jeden Fall eine Chance.»
 

Lukas Leuzinger