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GESUNDHEIT: Allein im Strahlenmeer der Handyantennen

Das Parlament könnte die Grenzwerte für Schweizer Handyantennen schon bald erhöhen. Das macht Elektrosensiblen, die ihr Leben heute schon als Hindernislauf sehen, Sorgen.
Dominic Wirth
Die moderne Kommunikation bringt es mit sich, dass Mobilfunkantennen den Lebensraum landauf, landab prägen. (Bild: Ralph Ribi)

Die moderne Kommunikation bringt es mit sich, dass Mobilfunkantennen den Lebensraum landauf, landab prägen. (Bild: Ralph Ribi)

Dominic Wirth

Eigentlich sind sie es leid, sich zu vergraben. Doch die Stadt über ihnen gleicht für sie einem Meer aus lästigen Strahlen. Und so sitzen sie jetzt unter der Erde zusammen, im Keller eines Hauses in Winterthur, der für sie so etwas wie Geborgenheit bedeutet. Jemand hält ein Messgerät in die Höhe, doch das regt sich nicht, zeigt keine Belastung an. Die Luft ist rein von elektromagnetischen Strahlen. «Fast ideal» sei es hier unten im Keller, sagt die Frau, die den Raum präpariert hat. Und «fast ideal», das ist schon sehr viel für dieses Grüpplein von Menschen im Raum, denn darum dreht sich für sie fast alles: die Strahlen fernzuhalten aus ihrem Leben.

Es ist der dritte Donnerstagabend im Februar, unter einem Mehrfamilienhaus in der Winterthurer Innenstadt trifft sich die Selbsthilfegruppe für Elektrosensible. «Nur ein totes Handy ist ein gutes Handy», sagt jemand und lacht. Elektrosensible reagieren empfindlich auf elektromagnetische Strahlen, sie leiden deshalb unter einer Reihe gesundheitlicher Beschwerden. Der so genannte Elektrosmog wird etwa von WLAN-Netzen, Mobilfunkantennen, Handys oder Stromleitungen verursacht. In der Schweiz glauben laut einer Studie fünf Prozent der Bevölkerung, dass der Elektrosmog sie gesundheitlich beeinträchtigt.

Unter Wissenschaftern ist umstritten, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Elektrosmog und den Symptomen der Betroffenen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt auf Anfrage, ein kausaler Zusammenhang sei angesichts der Studienlage «nicht etabliert», könne aber auch nicht ausgeschlossen werden. Elektrosensible Probanden seien bei Experimenten etwa nicht in der Lage, zuverlässig anzugeben, ob das elektromagnetische Feld an- oder abgeschaltet sei. Peter Kälin, der Präsident von Ärzte für Umweltschutz (Aefu), sagt, ein konkretes Krankheitsbild fehle, es bestehe noch «riesiger Forschungsbedarf». Für Kälin ist aber sicher: «Wir werden eines Tages eine Diagnose Elektrosensibilität haben.» Heute ist Elektrosensibilität keine anerkannte Krankheit.

Seit einem Jahr ohne Schlaf

Im Winterthurer Keller stehen auf einem Festbanktisch Krüge mit Wasser; jemand hat Guezli auf einen Teller verteilt. Acht Menschen sitzen auf Stühlen und einem Sofa, acht Menschen, die anonym bleiben wollen. Sie verbindet wenig und doch viel, weil die Strahlen ihr Leben in einen einzigen Hindernislauf verwandelt haben. Da ist die junge Frau im roten Sakko, die zum ersten Mal gekommen ist und die Kommunikationsabteilung eines KMU führt. Da ist der Jurist, kariertes Hemd, randlose Brille, seit einiger Zeit ohne Job. Da ist der Informatiker, der am liebsten barfuss durch die Welt geht und so oft wie möglich im Wald schläft. Da sind die zwei ergrauten Damen, der Lehrer, der in einem früheren Leben auch Informatiker war, der ehemalige Videotechniker, die Pädagogin und Supervisorin.

Sie alle berichten von heftigen Symptomen, wenn sie zu lange mit Strahlung «beschossen» werden, wie es in der Elektrosensiblensprache heisst. Die junge Frau im roten Sakko schläft seit einem Jahr nicht mehr, weil unter ihrer neuen Wohnung Stromleitungen verlaufen; sie sagt, wenn sie am Morgen in den Spiegel schaue, erkenne sie sich mittlerweile kaum noch. Jemand erzählt vom stechenden Schmerz im Kopf, der schon nach einer halben Stunde in der Innenstadt einsetzt und dann lange nicht mehr verschwindet. Eine der grauhaarigen Frauen sagt, dass sie schon mal «wie eine Besoffene» durch Zürich torkle. Und dann ist da noch die Müdigkeit, die sich in den Kopf krallt und in die Knochen und mit der alle acht Elektrosensiblen in der Runde zu kämpfen haben. «Es ist wie bei einem Fässli, das nicht überlaufen darf: Ich muss immer schauen, dass ich mich nicht zu sehr den Strahlen aussetze, sonst kommen die Symptome», beschreibt der Jurist.

Den Gang in die Stadt meiden die meisten aus der Selbsthilfegruppe deshalb wenn immer möglich. Sie tragen ein Strahlenmessgerät statt dem Handy in der Hosentasche, fahren nur im Notfall Zug und steigen so gut wie nie ins Flugzeug. Ihre Häuser und Wohnungen haben sie gegen die Strahlung abgeschottet, so gut es eben geht. Einer hat ein Haus auf einem Hügel gekauft, weit weg vom nächsten Nachbarn. Andere schlafen unter einem so genannten Baldachin, einer Art Zelt, das die Strahlung abhalten soll. Und sie alle haben diesen Moment erlebt, der für sie Segen und Fluch zugleich war; Segen, weil sie nun mit ihrer Elektrosensibilität eine Erklärung hatten für rätselhafte Beschwerden. Fluch, weil sie seither auf der Flucht sind vor den Strahlen. Und vor denen gibt es in Zeiten der drahtlosen Kommunikation vielerorts kaum mehr ein Entrinnen.

«Hier werde ich verstanden»

Den meisten Menschen ist das egal, weil die Strahlen ihnen nichts ausmachen. In der Runde in Winterthur sagen sie, das erschwere ihr Leben zusätzlich: Oft müssten sie dagegen ankämpfen, als Spinner abgetan zu werden, am Arbeitsplatz, in der Familie, sogar in der Beziehung. «Und der Staat lässt uns sowieso im Stich. Wir wollen endlich ernst genommen werden», sagt eine der Frauen. Ein paar aus der Gruppe haben deshalb mitgeholfen, über 3800 Unterschriften für eine Petition zu sammeln, die antennenfreie Wohnzonen fordert. Gegen die Pläne des Parlaments, den Anlagegrenzwert für Mobilfunkantennen zu erhöhen (siehe Kasten), wehren sich Elektrosensible aus der ganzen Schweiz schon länger – und das so heftig, dass Parlamentarier in Bern ob der «Mailflut» die Nase rümpfen. «Ich habe Angst davor, dass ich bei einer Erhöhung nicht mehr lebensfähig bin», sagt jemand.

In Winterthur wird es an diesem Abend spät, man diskutiert und lacht, zuweilen sogar über den eigenen Galgenhumor. Irgendwann sagt jemand: «Es ist schön hier, weil ich hier verstanden werde.»

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