GESUNDHEIT: «Der Zuwachs ist bedenklich»

Seit gut einem Jahr können Spezialisten unbeschränkt Praxen eröffnen. In Zürich und im Tessin hat sich die Zahl der Zulassungen mehr als verdreifacht.

Barbara Inglin
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Es gibt immer mehr Ärzte in der Schweiz. (Bild: Grafik: Oliver Marx, Quelle: Saisa, Bild: Keystone)

Es gibt immer mehr Ärzte in der Schweiz. (Bild: Grafik: Oliver Marx, Quelle: Saisa, Bild: Keystone)

Im Jahr 2012 haben über 2000 Ärzte eine Praxiszulassung erhalten – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr (siehe Grafik). Das zeigen die neuesten Zahlen aus dem entsprechenden Zahlstellenregister, die unserer Zeitung exklusiv vorliegen.

Erst Anfang 2012 wurde der Zulassungstopp für Spezialärzte aufgehoben (siehe Kasten). Dies hat einen Ansturm auf die Bewilligungen ausgelöst. In den Vorjahren, als jeweils nur jene Praxen zugelassen wurden, die nachweislich gebraucht wurden, lag die Zahl der Bewilligungen jeweils bei rund 700.

«Der Zuwachs ist bedenklich», sagt Anne Durrer, Mediensprecherin des Krankenkassendachverbandes Santésuisse. Gemäss Schätzungen generiert jede Arztpraxis zusätzliche Kosten von rund einer halben Millionen Franken pro Jahr für das Gesundheitswesen. «Vor allem in gewissen Städten gab es einen grossen Ansturm, was zu einem Überangebot führt. Ein grösseres Angebot verbessert aber nicht automatisch die Gesundheit der Bevölkerung. Es führt einfach zu mehr Behandlungen, was sogar kontraproduktiv sein kann; in den Randregionen fehlt es weiterhin an Ärzten», sagt Durrer.

Besonders in Grenzkantonen und grossen Städten ist der Zuwachs gross. In den Kantonen Zürich und Tessin hat sich die Zahl der Praxisbewilligungen im letzten Jahr mehr als verdreifacht. In St. Gallen stieg sie von 57 auf 109, in Bern von 92 auf 224, in Genf von 98 auf 270. «Gleichzeitig gibt es in gewissen Randregionen immer noch eine Unterversorgung. Die Verteilung der Ärzte ist bedenklich», sagt Anne Durrer. Im Kanton Uri etwa, gab es im letzten Jahr gerade einmal zwei Anträge für neue Praxen.

Spitzenverdiener legen zu

Die neue Statistik zeigt weiter: Vor allem bei den Spitzenverdienern unter den Spezialisten sind die Zulassungen in die Höhe geschnellt. So haben im Jahr 2011 nur zwei Neurochirurgen eine Bewilligung erhalten, nach Aufhebung des Zulassungsstopps waren es 28. Die Zahl der Spezialisten-Bewilligungen für Schönheitsoperationen, Anästhesie und Krebs stieg rund um das Fünffache. 99 Röntgenspezialisten (Radiologen) erhielten im 2012 eine Zulassung, im Vorjahr waren es 15.

Bei den entsprechenden Fachorganisationen relativiert man die Zahlen aber. «Durch den fast zehnjährigen Zulassungsstopp gab es einen Rückstau, darum wurden nun viele Anträge auf einmal eingereicht», sagt René L. Bernays, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neurochirurgie. «Zudem kenne ich Kollegen, die zwar eine Zulassung auf Vorrat eingeholt haben, aber weiterhin im Spital arbeiten. Andere arbeiten nur Teilzeit.» Es könne also nicht von einem Ansturm und einer grossen Mengenausweitung gesprochen werden. Ähnlich äussert sich Markus Trutmann, Generalsekretär des Chirurgen-Dachverbandes FMCH: «Wir kennen nur die Anzahl der Zulassungen, wissen aber nicht, wie viele Praxen tatsächlich eröffnet worden sind. Jetzt wird munter drauflos spekuliert.»

Genaue Zahlen kann Christoph Lüssi von der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie vorweisen: «Im Kanton Zürich wurden 2012 26 Zulassungsbewilligungen für Radiologen erteilt. Im gleichen Jahr ist jedoch gerade ein einzelnes Institut mit zwei Radiologen eröffnet worden.» Auch das Argument, dass die zusätzlichen Praxen die Kosten in die Höhe trieben, lässt Lüssi nicht gelten – zumindest was seinen Fachbereich betrifft: «Im Bereich der Radiologie ist die Angebotsinduzierung faktisch ausgeschlossen. Aufgrund einer bestimmten Indikation oder eines bestehenden Verdachtes, welche es abzuklären gilt, erhalten die Radiologie-Institute Zuweisungen zur diagnostischen Abklärung.» Das heisst: Nur weil es mehr Radiologen gibt, wird nicht mehr geröntgt.

Bundesrat will Zulassungsstopp

Gesundheitsminister Alain Berset aber sieht Handlungsbedarf. Denn er rechnet aufgrund des Spezialistenansturms mit einem Kostenanstieg. Geht es nach Berset, soll der Praxisstopp bereits im April wieder eingeführt werden – beschränkt auf drei Jahre. In dieser Zeit soll nach besseren Lösungen gesucht werden.

In der kommenden Frühlingssession wird das Parlament über die Wiedereinführung entscheiden. Doch die Zustimmung ist keineswegs sicher, wie die Diskussion in der vorberatenden Kommission des Nationalrates zeigt. Viele Parlamentarier sind unzufrieden mit der Datengrundlage. «Die statistischen Grundlagen sind ungenügend. Wir wissen nicht, wie viele Spezialisten tatsächlich eine Praxis eröffnet haben», sagt etwa der Zuger FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti. «Da nicht einmal klar ist, ob eine Notsituation herrscht oder nicht, werde ich auch der Wiedereinführung nicht zustimmen.» Pezzatti fordert gemeinsam mit 11 anderen Nationalräten, dass der Bundesrat innert zwei Jahren Alternativvorschläge zum Zulassungsstopp unterbreitet – erst dann wolle man entscheiden. Auch der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi hat den Antrag unterstützt: «Wenn der Zulassungsstopp eingeführt wird, passiert wieder drei Jahre lang nichts. Wir müssen den Druck erhöhen.»

Auch die CVP-Nationalrätin Ruth Humbel AG ärgert sich über die fehlenden Fakten. Trotzdem will sie für den vorübergehenden Zulassungsstopp stimmen, damit in der Zwischenzeit nach besseren Lösungen gesucht werden könne. Insbesondere bei den Ärzten aus dem Ausland sieht sie noch Handlungsspielraum (siehe Kasten).