GESUNDHEIT: Hausärzte als Bewegungscoaches

Übergewicht und Fettleibigkeit verursachen Gesundheitskosten in Milliardenhöhe. Ein gesünderer Lebensstil könnte Abhilfe schaffen. Deshalb will der Verein Paprica nun möglichst viele Hausärzte zu Bewegungsexperten weiterbilden.

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Ein Hausarzt untersucht eine Patientin. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Ein Hausarzt untersucht eine Patientin. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

In Europa sind nur die Schweden sportlicher als die Schweizer. Gleichwohl bewegt sich hierzulande rund ein Viertel der Erwachsenen zu wenig. Das kann Übergewicht und Fettleibigkeit zur Folge haben. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veranschlagt die Folgekosten für diese Zivilisationskrankheiten auf insgesamt 8 Milliarden Franken pro Jahr, hinzu kommen 2,3 Milliarden für Diabetes, eine mögliche negative Begleiterscheinung von Übergewicht.

Der Name Paprica steht für «physical activity promotion in primary care», zu Deutsch heisst das «Bewegungsförderung über die Arztpraxis». Seit 2009 hat der Verein Paprica in der Westschweiz rund 250 und in der Deutschschweiz rund 140 Ärzte zu Bewegungsexperten weitergebildet. An der letzten Generalversammlung hat der Vorstand nun beschlossen, eine nationale Fortbildungsoffensive zu lancieren. Das Ziel: Möglichst viele Hausärzte, vor allem auch in der Deutschschweiz, sollen dazu befähigt werden, bewegungsarme Patienten zu identifizieren und eine Verhaltensänderung quasi als Coach zu unterstützen.

Eva Martin-Diener arbeitet am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich und engagiert sich bei Paprica. In einem ersten Schritt gehe es darum, möglichst viele Ärzte zu gewinnen, welche die Weiterbildung zu Bewegungsexperten anböten, sagt sie. Paprica kann auf eine breite Trägerschaft zählen, neben der Universität Zürich sind zum Beispiel auch die Schweizerische Gesellschaft für Sportmedizin und das Kollegium für Hausarztmedizin mit an Bord. Längerfristig strebt der Verein ein Budget von jährlich 300 000 Franken an.

Motivierende Gespräche anstatt Mahnfinger

Der Weiterbildungskurs vermittelt den Ärzten nicht nur Hintergrundwissen zu Bewegung und Gesundheit, sondern auch Techniken zur motivierenden Gesprächsführung. Die Ärzte sollen also nicht jemanden mit dem Mahnfinger auf den Vitaparcours prügeln, sondern vielmehr durch eine unterstützende Gesprächsführung aufzeigen, wie ihre Patienten mehr Bewegung in ihren Alltag einbauen können. Die Ärzte können etwa auch zusammen mit den Patienten herausfinden, ob jemand lieber regelmässig schwimmt, joggt oder Velo fährt.

Genügt ein Nachmittag, um die Ärzte nachhaltig zu erfolgreichen Bewegungscoaches zu befähigen und damit – so die Hoffnung – einen Beitrag zur Eindämmung der Gesundheitskosten zu leisten? «Die Ärzte bringen bereits sehr viel Vorwissen mit. Es geht darum, ihre Kompetenzen zu stärken», so Martin-Diener.

Auch der Bund hat sich die Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten auf die Fahne geschrieben. Die Ärzte spielen dabei eine Schlüsselrolle. Rund 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betreten jährlich mindestens einmal eine Praxis. «Die Chancen, Patienten auf ein präventives Verhalten anzusprechen und zu Verhaltensänderungen zu motivieren, sind durch den Arzt am besten gegeben», schreibt Carlos Quinto, Mitglied des Zentralvorstandes des Verbandes der Schweizer Ärzte, in einem Beitrag für die «Ärztezeitung».

Die Wirksamkeit von Paprica in ihrer jetzigen Form wurde in der Schweiz bis jetzt nicht wissenschaftlich untersucht. Studien mit Vorläuferprojekten und Studien aus dem Ausland würden aber zeigen, dass die gezielten ärztlichen Kurzinterventionen zur Bewegungsförderung wirksam und kosteneffizient seien, sagt Martin-Diener. Illusionen gibt sie sich aber keinen hin: «Wenn einer von zehn Patienten, die sich zu wenig bewegen, dank der Intervention des Arztes nachhaltig körperlich aktiver und dadurch gesünder wird, ist schon viel erreicht.»

 

Kari Kälin