GESUNDHEIT: Helsana mischt den Markt auf

Der grösste Schweizer Krankenversicherer bietet bald eine Zusatzversicherung für den ambulanten Spitalbereich an. Das sorgt für Unmut.

Sermin Faki
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Ein Arzt untersucht den Rücken einer Patientin (gestellte Aufnahme). (Bild: Keystone)

Ein Arzt untersucht den Rücken einer Patientin (gestellte Aufnahme). (Bild: Keystone)

Kürzere Wartefristen, Wunschtermine beim Chefarzt und exklusiver Komfort nach einer ambulanten Behandlung im Spital – das verspricht die Helsana ihren Versicherten bei Abschluss einer Primeo-Police. Diese Zusatzversicherung will die grösste Krankenkasse der Schweiz ab dem 1. Januar 2014 anbieten. Im Moment prüft die Finanzmarktaufsicht Finma – die Versicherungsprodukte genehmigen muss – das Angebot. Erste Rückmeldungen stimmen die Helsana aber zuversichtlich, dass Primeo wie geplant lanciert werden kann.

Der Branchenprimus nimmt damit eine Vorreiterrolle in der Krankenversicherungslandschaft ein. Zusatzversicherungen im ambulanten Bereich gibt es heute für Leistungen, für welche die Grundversicherung nicht aufkommt, etwa Zahnarztbehandlungen oder Anwendungen aus der Alternativmedizin. Auch im stationären Bereich sind Zusatzversicherungen schon lange bekannt. In den Spitalambulatorien der Krankenhäuser hingegen sind bisher aber alle Patienten gleich.

Nachfrage ist vorhanden

Das will Helsana ändern. So sollen Zusatzversicherte schneller einen Termin für einen ambulanten Eingriff erhalten und sich in einer exklusiven Lounge bei feinem Essen und Trinken von der Behandlung oder Operation erholen, bevor sie auf Kosten der Versicherung nach Hause chauffiert werden. Gemäss Sprecher Rob Hartmans besteht eine Nachfrage nach solchen Privatversicherungen. «Unsere Kundenbefragungen haben ergeben, dass auch im ambulanten Bereich der Wunsch nach Mehrwerten wie freie Wahl des Facharztes und zusätzliche Komfortleistungen bestehen und die Kunden bereit sind, dafür zu zahlen», sagt er. Helsana selbst schätzt das Potenzial für Mehrleistungen auf 300 Millionen Franken.

Überdurchschnittliches Wachstum

Mit dem Primeo-Angebot hat Helsana zweifellos einen neuen Trend gesetzt. Der spitalambulante Bereich wächst in der Schweiz seit Jahren überdurchschnittlich. Möglich macht dies der technologische Fortschritt. Immer mehr Operationen können mit minimalen Nachwirkungen durchgeführt werden, etwa bei Leistenbrüchen und Blinddarmentzündungen. Der Patient kann noch am gleichen Tag wieder nach Hause. Die Kehrseite: Den Spitälern entgehen Einnahmen, weil ambulante Behandlungen günstiger sind als stationäre. Entsprechend haben sie ein Interesse an neuen Verdienstmöglichkeiten wie Primeo.

Der Chefarzt kostet extra

Man werde das Produkt zu einem erschwinglichen Preis anbieten, verspricht Hartmans. Dennoch dürfte Primeo den Versicherten mehrere hundert Franken pro Jahr kosten. Das ruft Kritiker auf den Plan. So befürchtet Yvonne Gilli, Hausärztin und grüne Nationalrätin aus St. Gallen, dass Helsana damit zur Zweiklassenmedizin beitrage. «Chef- und Oberärzte werden dann vermehrt Privatsprechstunden anbieten», prognostiziert sie. «Wer sich die Zusatzversicherung nicht leisten kann, landet bei den weniger erfahrenen Assistenzärzten.»

Helsana-Sprecher Hartmans hält dagegen, dass Primeo die Grundversorgung in keiner Art und Weise antaste oder unterlaufe. «Uns geht es einzig um Mehrwert für die Kunden.» Zu diesem Schluss kommt auch FDP-Ständerat Joachim Eder. Der ehemalige Zuger Gesundheitsdirektor findet das Produkt denn auch «innovativ»: «Die Helsana orientiert sich am Markt», sagt er. «Solange die Qualität der medizinischen Versorgung stimmt und das Angebot freiwillig ist, sehe ich keine Nachteile.»

Grundversorgung in Gefahr

Dezidiert anderer Meinung ist Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen. «Solche Angebote führen zu einer Mengenausweitung, treiben die Kosten in die Höhe und gefährden die Gleichbehandlung der Patientinnen und Patienten in der Grundversorgung», ist sie überzeugt. Zudem versuchten die Versicherungen, mit solchen Policen garantierte Leistungen der Grundversicherung in die Zusatzversicherungen zu verschieben.

Noch mehr Kosten befürchtet

Gesundheitspolitikerin Gilli betrachtet einen weiteren Aspekt mit Sorge: Angebote wie Primeo würden zum bereits überdurchschnittlich grossen Wachstum im spitalambulanten Bereich beitragen. «Zusatzversicherte gehen dann direkt zum Spezialisten ins Spital und nicht zum Hausarzt, der wesentlich günstiger arbeitet.» Damit steigen Gesamtkosten des Gesundheitssystems.

Patientenschützerin Margrit Kessler hofft auf den gegenteiligen Effekt. Heute würden Spitäler Privatversicherte oft auch dann stationär behandeln, wenn dies medizinisch nicht notwendig sei. «Nur dann können sie von der Zusatzversicherung profitieren», erklärt die St. Galler GLP-Nationalrätin. Angebote wie jenes von Helsana könnten somit dazu beitragen, dass die für den Patienten optimale Option gewählt werde.

Keine Angst vor «Britannisierung»

Dass die Auswirkungen von Primeo nicht klar sind, bestreitet auch Eder nicht. «Wir müssen abwarten, welche Dynamik das bei den anderen Versicherern auslöst und ob es überhaupt ein Bedürfnis ist. Eine ‹Britannisierung› unseres Gesundheitssystems müssen wir aber sicher nicht fürchten», sagt er in Anspielung auf Grossbritannien. Dort ist heute jeder zusatzversichert, der es sich nur irgendwie leisten kann, um sicherzustellen, dass er nicht Monate oder Jahre auf einen Operationstermin warten muss.«Solche Angebote gefährden die Gleichbehandlung der Patienten in der Grundversorgung.»