GESUNDHEIT: Kampagne gegen Cannabis gefordert

Der Bund macht Kampagnen gegen Tabak und Alkohol, aber nicht gegen Cannabis. Eine SVP-Nationalrätin will dies ändern. Experten äussern sich skeptisch.

Carole Gröflin
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Der Rauch von Joints erhitzt hierzulande die politischen Gemüter. (Bild: Getty)

Der Rauch von Joints erhitzt hierzulande die politischen Gemüter. (Bild: Getty)

Carole Gröflin

9 Millionen Franken für die aktuelle Anti-Tabak-Kampagne «Ich bin stärker». 650 000 Franken jährlich bis 2017 für die Alkoholpräventionskampagne, welche in zwei Wochen vorgestellt wird. So viel ist dem Bund die Suchtbekämpfung wert. Dass dabei der Cannabis-Konsum nicht thematisiert wird, stört SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler: «Kiffen wird in unserer Gesellschaft verharmlost.» So würde ein falsches Signal gesendet. Der Cannabis-Konsum in der Schweiz ist gemäss diversen Erhebungen seit 2002 zwar eher rückläufig oder stabil. Der Bernerin ist es dennoch ein Dorn im Auge, dass der Bund nicht auf die Gefahren von Cannabis hinweist: «Es gab nie eine flächendeckende Aufklärung zu den möglichen Schäden.» Dies sei indes beim Nikotin und beim Alkohol passiert.

Prävention zeigt Resultate

Das soll sich ändern. Deshalb fordert sie den Bundesrat in einer Motion auf, «eine Cannabis-Präventionskampagne zu lancieren analog zu den ‹Alkohol am Steuer›- und Anti-Tabak-Kampagnen». Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) hätten es verpasst, bei diesen Kampagnen auch auf die Gefahren von Cannabis hinzuweisen. Kiffen sei etwa Auslöser für Konzentrations- und Lernschwierigkeiten bis hin zu Psychosen. «Nun muss eine Anti-Cannabis-Kampagne lanciert werden, schliesslich meldete Sucht Schweiz in ihrer neuen Studie, dass dank der Präventionskampagnen Jugendliche seit 2010 eindeutig weniger rauchen und trinken.»

Kleine Zielgruppe

Die Anti-Cannabis-Kampagnen umsetzen sollen dann Experten. Diese stehen dem Unterfangen kritisch gegenüber. «Wir freuen uns immer, wenn Politiker sich für die Prävention interessieren», sagt Markus Meury, Mediensprecher von Sucht Schweiz. Allerdings müsse man bedenken, dass viel weniger Personen Cannabis konsumieren als Alkohol oder Tabak. Eine Kampagne für eine kleine Gruppe zu entwickeln, sei nicht nur technisch schwierig, «sondern es stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, die rund 97 Prozent, die nicht regelmässig Cannabis konsumieren, bezüglich dieser Substanz anzusprechen». Meury sieht in einer massenmedialen Kampagne das Risiko, dass der Eindruck erweckt werden könne, dass ein Grossteil der Schweizer kifft, sodass es als normal angesehen wird, was zu einem Konsumanreiz führen könne.

Für Meury wäre es in diesem Bereich wirkungsvoller, wenn man sich frühzeitig auf mögliche Risikogruppen konzentrieren würde. Das kann in Form von Bezugspersonen in Schulen oder Arbeitgebern passieren, die auf Cannabis aufmerksam gemacht werden und die Augen offen halten. Zu den Risikogruppen gehören Jugendliche, die schulische oder psychische Schwierigkeiten haben oder in deren Familien bereits Suchtprobleme bestehen. «Mehr Geld hierfür würden wir begrüssen, um die Suchtprobleme in der Schweiz inklusive der Cannabis-Probleme zu vermindern», fügt Meury an.

Alkohol bleibt Hauptproblem

Ähnliche Bedenken äussert das BAG: Eine gross angelegte Anti-Cannabis-Kampagne sei kaum wirksam. «11,9 Prozent der Schweizer konsumieren fast täglich (an mehr als 20 Tagen des letzten Monats) Alkohol, bei Cannabis liegt dieser Wert bei 0,5 Prozent», sagt Markus Jann, Leiter der Sektion Drogen beim BAG.

Drogen im Strassenverkehr bleiben ein Thema. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Fahrausweisentzüge wegen des Einflusses von Medikamenten oder Drogen mehr als verdoppelt: von 1837 im Jahr 2009 auf 4019 im Jahr 2014.

Doch die BfU plant derzeit keine Kampagne, die sich dem Fahren unter Drogeneinfluss widmet. «Nach wie vor sind im Verkehr diejenigen Lenker, die alkoholisiert unterwegs sind, eines der Hauptprobleme», sagt Mediensprecher Daniel Menna. Die Reaktionszeit werde durch Alkoholeinfluss erwiesenermassen stärker reduziert als durch das Kiffen. «Sitzt jedoch jemand betrunken und bekifft hinter dem Lenkrad, ist die Ausgangslage eine andere», gibt er zu bedenken. Dieses Zusammenspiel sei besonders verhängnisvoll.

Details im September

Für Kampagnen, die zu mehr Sicherheit im Verkehr beitragen, ist der Fonds für Verkehrssicherheit (FVS) verantwortlich. Der FVS ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt mit einem gesetzlichen Auftrag des Bundesrates. Ob es in naher Zukunft die Möglichkeit gibt, das Thema Cannabis-Konsum in eine Kampagne zu integrieren, ist noch offen. «Wir legen erst im September fest, in welche Richtung unsere neue Kampagne zielen soll», sagt Geschäftsführer Dieter Lüthi. Derzeit sei man daran, die gesammelten Daten aus Verkehrsstatistiken auszuwerten. «Unsere Kampagnen sollen auf reale Probleme im Verkehr abzielen», erklärt Lüthi. Dem FVS stehen jährlich rund 20 Millionen Franken für seine Arbeit zur Verfügung. Das Geld kommt von den Verkehrsteilnehmern selber: 0,75 Prozent der Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungsprämie fliesst in die Präventionsarbeit des FVS.