GESUNDHEIT: «Meinetwegen kann jeder ein Kilo Zucker pro Tag essen»

Im Müesli hat es viel Zucker. Aber auch im Joghurt. Das will Bundesrat Alain Berset ändern. Er sagt, weshalb er dabei auf die Freiwilligkeit der Lebensmittelindustrie setzt.

Interview Sermîn Faki
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«Kultur ist kein Luxus oder Zeitvertreib», sagt Alain Berset. (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)

«Kultur ist kein Luxus oder Zeitvertreib», sagt Alain Berset. (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)

Alain Berset, mögen Sie Müesli?

Alain Berset: Ja, sehr sogar. Das letzte Mal habe ich am Dienstagmorgen eines gegessen. Und bevor Sie fragen: Ich esse auch viel Joghurt, am liebsten mit Mokka-Geschmack.

Sie wissen also, was die Frage bezweckt. Es geht um die Vereinbarung, die Sie diese Woche mit der Nahrungsmittelbranche zur Reduktion des Zuckeranteils in Müesli und Joghurt abgeschlossen haben. Doch bleiben wir noch bei Ihnen: Finden Sie Ihr Müesli und Ihre Joghurts zu süss?

Berset: Man merkt selber nicht unbedingt, wie viel Zucker darinsteckt. Aber ich weiss, dass es zu viel ist.

Und was tun Sie persönlich dagegen?

Berset: Ich kann ein Müesli wählen, das weniger gezuckert ist. Das Gute ist: Man merkt den Unterschied meist gar nicht. Aber darüber hinaus wird es für den einzelnen Konsumenten schwierig. Politisch hingegen kann man eine Menge gegen den zu hohen Zuckerkonsum tun, was wir mit der Vereinbarung angehen wollen. Und zwar ohne Zwang, ohne Vorschriften, ohne Regulierung. Die wichtigen Schweizer Unternehmen – von Nestlé über Coop, Migros und Emmi bis hin zu Cremo, Lanz Molkerei oder Bossy Céréales – haben sich freiwillig verpflichtet, ein gemeinsames Reduktionsziel zu erreichen. Sie zeigten sich sehr interessiert an dieser «Initiative von Milano».

Kein Zwang, sagen Sie. Aber doch wird der Konsument künftig weniger gezuckerte Müesli bekommen. Er hat keine Wahl.

Berset: Jeder kann essen, was er will, meinetwegen ein Kilo Zucker pro Tag. Doch wir ernähren uns immer mehr von stark verarbeiteten Lebensmitteln, denen man den Zuckergehalt nicht ansieht. Ich habe neulich ein Glas Cornichons gekauft. Da hat es ziemlich viel Zucker drin. In Cornichons! Die Leute sind sich dessen gar nicht bewusst und können dies kaum vermeiden. Oder haben Sie schon einmal versucht, Zucker aus einem Joghurt zu entfernen?

Aber haben wir wirklich keine drängenderen Probleme als Zucker?

Berset: Zucker spielt eine grosse Rolle bei der Zunahme verschiedenster Krankheiten, die pro Jahr Kosten von über 50 Milliarden Franken generieren. 80 Prozent der Gesundheitskosten – und damit 80 Prozent Ihrer Krankenkassenprämie – fallen allein für die Behandlung von solch nicht übertragbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes an. Wenn das keine zentrale Frage für die Politik unseres Landes ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr! Das Verbesserungspotenzial ist riesig: In der Schweiz wird deutlich mehr Zucker konsumiert als in den Nachbarländern, auch im weltweiten Vergleich haben wir einen hohen Verzehr.

Das Gesundheitsbewusstsein steigt. Die Industrie sollte aus Eigeninteresse tätig werden, um ihre Produkte als besonders gesund anzupreisen. Warum braucht es da die Politik?

Berset: Weil es für ein Unternehmen nicht so einfach ist, den Zucker zu reduzieren. Erstens haben sich die Konsumenten an den Geschmack gewöhnt, und kein Unternehmen kann sich einen Alleingang leisten. Da mit der Vereinbarung alle wichtigen Hersteller an Bord sind, gibt das gleich lange Spiesse unter Konkurrenten. Zweitens brauchen die Unternehmen Zeit, um die Produktionsprozesse umzustellen, und auch Forschung, die sich nicht jeder Hersteller leisten kann. Der Bund kann dies unterstützen. Ausserdem stehen die Schweizer Unternehmen in einem internationalen Wettbewerb. Das heisst, es braucht hier eigentlich eine internationale Zusammenarbeit. Die kann die Politik bieten. Auf Basis dieser Vereinbarung kann ich die Zuckerstrategie in den Gesprächen mit meinen Amtskollegen aus anderen Ländern nun thematisieren.

Aktuell konsumiert der Durchschnittsschweizer 115 Gramm Zucker pro Tag. Wie viel weniger soll es werden?

Berset: Konkrete Ziele müssen wir noch im Gespräch mit den Unternehmen festlegen. Eine abrupte Reduktion um 15 Prozent in einem Jahr wäre sicher zu viel und würde von den Konsumenten nicht akzeptiert. Wir setzen darauf, gemeinsam mit den Herstellern kleine Schritte in die richtige Richtung zu machen. Beim Salz tun wir das bereits mit Erfolg.

Aber wie sinnvoll sind solche Zielwerte überhaupt? Nehmen wir das Beispiel Salz. Neue Studien zeigen, dass es nicht schadet, wenn man mehr als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angegebenen 5 Gramm täglich zu sich nimmt.

Berset: Beim Salz wird darum gestritten, ob 5 oder 7 Gramm zu viel sind. Geschenkt! Ich wäre froh, wenn wir unseren Konsum auf 7 Gramm reduzieren könnten, denn der durchschnittliche Schweizer Mann nimmt heute über 10 Gramm zu sich. Und beim Zucker ist wirklich allen klar, dass wir reduzieren müssen. Und noch einmal: Wir wollen niemanden umerziehen! Es geht darum, den unbewusst konsumierten Zucker- und Salzanteil in verarbeiteten Produkten zu reduzieren.

Wie halten Sie es persönlich mit Zucker und Salz?

Berset: Ich salze kaum nach. Und trinke auch Kaffee und Tee ohne Zucker, weil es mir so besser schmeckt. Ich schaue aber nicht fanatisch darauf. Mir ist klar, dass es nicht ganz ohne geht. Das habe ich spätestens gemerkt, als ich einmal beim Brotbacken das Salz vergessen habe – es war ungeniessbar.

Begehen Sie andere Ernährungssünden?

Berset: Ich trinke wahrscheinlich zu viel Kaffee. Aber beim Essen erlege ich mir keine Diktate auf. Essen muss Spass machen. Allerdings esse ich viel Obst und Gemüse.

Die berühmten fünf Portionen am Tag schaffen Sie also?

Berset: Ja. Aber ich esse Früchte und Gemüse, weil sie mir schmecken. Ich habe also «Glück», dass ich das Gesunde mag.

Sie sind häufig zu Apéros und Banketten eingeladen. Ihre Bundesratskolleginnen haben sich Strategien zurechtgelegt, um mit der Menge Essen umzugehen, und essen beispielsweise nur die Hälfte von jedem Teller. Was ist Ihr Trick?

Berset: Ich habe keinen, mir ist aber Sport zum Ausgleich sehr wichtig. Ich habe meistens meine Laufschuhe dabei. Ich fühle mich jedoch auch nie gezwungen, zu essen. Bei Apéros ist oft das Gegenteil der Fall, wie meine Kolleginnen sicher bestätigen können: Als Bundesrat ist man ein gefragter Gesprächspartner, sodass man es kaum je ans Buffet schafft. Bei der Eröffnung des Filmfestivals hier in Locarno musste ich beinahe um jeden Schluck Wasser kämpfen.

Kommen wir zu aktuellen Themen. Während Sie in Locarno sind, startet die SVP einen Angriff auf das Bundesamt für Statistik, das zu Ihrem Departement gehört. Die Partei will Budget und Personal um die Hälfte kürzen, weil Statistiken ohnehin nichts bringen würden. Was antworten Sie?

Berset: Ich will Politik machen, die auf Fakten basiert und nicht auf Eindrücken. Das ist vielleicht nicht für jeden so. Ohne verlässliche Daten, etwa zu gesellschaftlichen Entwicklungen oder Zahlen zu Landwirtschaft und Tourismus, laufen Politik und Wirtschaft – wir alle – Gefahr, die falschen Entscheide zu fällen. Objektive Zahlen können emotionale politische Debatten wieder auf den Boden der Realität holen und verzerrte kollektive Wahrnehmungen korrigieren. Und das ist, wie sich gerade aktuell zeigt, sehr wichtig. Natürlich ist es wichtig, dass der administrative Aufwand, etwa für die Unternehmen, so gering wie möglich bleibt. Dafür sorgen wir auch.

Hier in Locarno geht es um Kultur, konkret um Filmkultur. Da ist die Schweiz seit dem 10. Februar 2014 etwas abgehängt, weil die EU das Kulturabkommen Media sistiert hat. Gibt es Neuigkeiten?

Berset: Auf technischer Ebene sind die Verhandlungen sehr weit fortgeschritten, rein technisch wäre ein Abschluss Ende Jahr realistisch. Aber die EU hat sehr deutlich gemacht, dass es zuvor Fortschritte in den zentralen Fragen Personenfreizügigkeit und Institutionelles braucht.

Wäre eine provisorische Teilnahme an Media möglich?

Berset: Wir arbeiten daran, denn damit wäre der Filmbranche sehr geholfen. Im Moment ist es allerdings schwierig zu sagen, ob es gelingt.

Das Problem ist ja, dass Schweizer Filme ohne Media kaum an europäischen Festivals gezeigt werden. Wie schlimm ist das? Wirklich gute Filme schaffen es ja trotzdem.

Berset: Spitzenproduktionen haben in der Tat keine Probleme. Aber sehr viele gute Produktionen haben kaum mehr Chancen auf eine Teilnahme an einem Festival, weil dort die Konkurrenz auch international am grössten ist.

Aber was ist das Problem dabei?

Berset: An einem Festival teilzunehmen, bedeutet nicht nur, dort gezeigt zu werden. Auf den Festivals sind auch die Verleiher, die die Filme in die Kinosäle bringen. Kein Zugang zu Festivals bedeutet: kein Zugang zu den Kinosälen. Kein Zugang zu Media bedeutet auch, dass Koproduktionen schwieriger werden, weil das Risiko für Investoren grösser ist. Und das betrifft auch die grossen Schweizer Filme, die fast alle Koproduktionen sind.

Gibt es schon konkrete Zahlen, wie gross die wirtschaftlichen Verluste für die Branche sind?

Berset: Nein, es ist noch zu früh, eine Bilanz zu ziehen. Und die Verluste zu messen, ist auch nicht einfach, weil sich die Qualität und die Anzahl der produzierten Filme von Jahr zu Jahr unterscheiden. Aber die Rückmeldungen aus der Branche sind eindeutig. Deshalb haben wir ja kurz nach dem Ausscheiden aus Media Massnahmen im Umfang von 5 Millionen Franken getroffen, die einen Teil des Abkommens kompensieren können.

Sie wollen diese Förderung nun um 1,5 Millionen Franken aufstocken. Ist das Versprechen nicht für die Galerie? Sie müssen ein Sparprogramm schnüren, und bei der Kultur liesse sich leichter sparen als bei den Sozialversicherungen.

Berset: Es gibt keine Tabus bei den Sparvorschlägen. Doch die Ausgaben für die Kultur belaufen sich auf etwas mehr als 200 Millionen. Das sind rund 0,3 Prozent des gesamten Bundeshaushalts von etwa 64 Milliarden Franken. Selbst wenn man die Kulturbeiträge komplett streichen würde, wären die Sparziele nicht annähernd erreicht. Kultur ist kein Luxus oder Zeitvertreib. Sie ist in unserem vielfältigen Land wichtig für den Zusammenhalt.

Interview Sermîn Faki

Alain Berset: «Als Bundesrat ist man ein gefragter Gesprächspartner, sodass man es kaum je ans Buffet schafft.» (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)

Alain Berset: «Als Bundesrat ist man ein gefragter Gesprächspartner, sodass man es kaum je ans Buffet schafft.» (Bild: Ex-Press/Heike Grasser)