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GESUNDHEIT: Neuer Plan gegen Ärztemangel

Zu wenig Ärzte, immer mehr Patienten: Um dieses Problem zu lösen, soll speziell ausgebildetes Pflegepersonal gewisse Aufgaben der Ärzte übernehmen. Der Pflegefachverband sieht jedoch nicht alle Projekte gern.
Maja Briner
Eine Spitex-Mitarbeiterin betreut eine betagte Person. Künftig könnte auch Pflegepersonal der Spitäler zum Einsatz kommen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (10. Juli 2012))

Eine Spitex-Mitarbeiterin betreut eine betagte Person. Künftig könnte auch Pflegepersonal der Spitäler zum Einsatz kommen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (10. Juli 2012))

Maja Briner

«Im Moment ist viel Fantasie da, einfach aus der Not heraus», sagt Helena Zaugg, Präsidentin des Pflegeverbands SBK. Die Not, das ist der Ärztemangel: Auf dem Land etwa fehlt es an Hausärzten. Gesucht sind neue Lösungen. Und hier kommt das Pflegepersonal ins Spiel: Es könnte gewisse Aufgaben der Hausärzte übernehmen – und diese so entlasten. Das Potenzial sei gross, sagt Zaugg: «Pflegefachpersonen mit erweiterter Ausbildung können eine optimale Lösung sein, um den Hausärztemangel zu entschärfen.» In Uri läuft bereits ein Pilotprojekt: Es wird getestet, ob der Einsatz von Pflegepersonal in Hausarztpraxen funktioniert.

Auch manche Spitäler greifen auf Pflegepersonal zurück, um die Ärzte zu entlasten. Im Kantonsspital Winterthur etwa arbeiten aktuell gut zwanzig sogenannte klinische Fachspezialisten. Die speziell ausgebildeten Pflegefachpersonen übernehmen Arbeiten, die traditionell von Ärzten ausgeführt werden – sie machen zum Beispiel Visiten bei Patienten und erledigen ärztlich-organisatorische Arbeiten. «Unser Ziel ist, zum Beispiel angehende Chirurgen präziser und schneller auszubilden», sagt Spitaldirektor Rolf Zehnder. «Sie sollen sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können.» Das Pilotprojekt wurde 2014 angestossen.

Arzt dank Video-Schaltung dabei

Künftig möchte das Spital noch einen Schritt weiter gehen: Die Fachspezialisten sollen Patienten, die aus dem Spital entlassen wurden, zu Hause besuchen und betreuen. Via Video-Schaltung könnte bei Bedarf ein Arzt zugeschaltet werden. Noch sei das mehr eine Vision als ein Konzept, sagt Zehnder. Vieles sei noch offen, etwa die Finanzierung.

Laut Zehnder ist es aber notwendig, neue Wege zu gehen. «Wegen der Alterung der Bevölkerung werden wir in zehn, zwanzig Jahren mehr Patienten haben, aber nicht mehr Betten.» Daher müsse die Aufenthaltsdauer gesenkt werden – ohne dass die Patienten darunter litten. Der Austritt soll früher erfolgen, die Patienten zu Hause aber besser begleitet werden. In vielen Ländern sei das heute schon so, sagt Zehnder.

In der Schweiz ist der Einsatz von klinischen Pflegeexperten hingegen noch nicht weit verbreitet, wie Iren Bischofberger sagt. Sie war eine der Ersten, die an der Uni Basel den Pflege-Master abschloss. Heute ist sie Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, die beim Urner Projekt Bildungspartner ist. Die Masterausbildung zum klinischen Pflegeexperten – auch Advanced Nur­sing Practice genannt – gibt es seit gut fünfzehn Jahren an der Uni Basel, die Uni Lausanne und Fachhochschulen folgten.

Bisher arbeiten die klinischen Pflegeexperten vor allem in Spitälern, manche auch in der Spitex oder in Pflegeheimen. «Seit einigen Jahren sind auch Hausarztpraxen daran interessiert, Pflegeexperten einzustellen», sagt Bischofberger. Das Ziel sei nicht der Ersatz von Hausärzten. «Sie ergänzen sich mit ihrem unterschiedlichen Wissen», sagt sie. Gerade bei Patienten, die an mehreren Krankheiten litten, sei das Vieraugenprinzip nötig. Und Pflegeexperten brächten Wissen mit, das Ärzte nicht unbedingt hätten – etwa, wie sich eine Krankheit auf den Alltag auswirkt.

Die Ärzteverbindung FMH erachtet Projekte wie jene in Winterthur oder Uri als «innovativ und zukunftsgerichtet». Auch Michael Jordi, Zentralsekretär der kantonalen Gesundheitsdirektoren, findet es gut, dass an verschiedenen Orten Versuche mit Pflegeexperten laufen. Er sagt aber auch: «Es braucht eine klare Regelung der Kompetenzen und eine Aufgabenabgrenzung etwa gegenüber Fachärzten, Medizinischen Praxisassistentinnen oder der Spitex-Pflege.» Es müsse klar sein, wann eine Rücksprache mit dem fachärztlichen Personal nötig sei.

Und der Personalmangel in der Pflege?

Noch gibt es einige Stolpersteine auf dem Weg hin zum breiten Einsatz von Pflegeexperten in der Grundversorgung. Einer davon ist die Tarifierung: Pflegeexperten können nicht über den ambulanten Ärztetarif Tarmed abrechnen. Zudem locken in der Bildung und im Management höhere Löhne. Wenn der breite Einsatz aber klappt – verschärft sich dann nicht der Personalmangel in der Pflege? Das müsse nicht sein, sagt Helena Zaugg. Die neuen Möglichkeiten seien auch eine Chance: «Das macht den Beruf für manche attraktiver.» Nicht jeder Einsatz von Pflegefachpersonen zur Entlastung der Ärzte sei aber gut, sagt Zaugg. «Wir müssen genau schauen, was sinnvoll ist – auch aus Kostensicht», sagt sie. Das Winterthurer Projekt etwa sieht sie kritisch. «Ich verstehe, dass die Ärzte Entlastung brauchen», sagt sie. «Aber wenn Pflegefachkräfte rein ärztliche Assistenzfunktion übernehmen, gehen sie der Pflege verloren.» Sie wünscht sich eine andere Weiterentwicklung des Pflege-Berufs: «Wir wollen nicht wieder zurück unter die Fittiche der Ärzte, sondern mehr Eigenverantwortung.»

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