Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

GESUNDHEIT: Versicherungen sollen Gentest-Resultate von Kunden erhalten

Sollen Versicherungen erfragen dürfen, wie hoch das Risiko Einzelner ist, Erbkrankheiten wie Brustkrebs zu bekommen? Über diesen lange nicht beachteten «Dammbruch» muss der Nationalrat befinden.
Eva Novak
Im Nationalrat wird debattiert, ob die Resultate von Gentests Lebensversicherern vorgelegt werden müssen. (Bild: Anthony Kwan/Bloomberg (Hongkong, 20. Juni 2017))

Im Nationalrat wird debattiert, ob die Resultate von Gentests Lebensversicherern vorgelegt werden müssen. (Bild: Anthony Kwan/Bloomberg (Hongkong, 20. Juni 2017))

Eva Novak

Die Warner vor dem «gläsernen Menschen» sehen ihre Befürchtungen bestätigt: Morgen entscheidet der Nationalrat, ob Versicherungen Personen benachteiligen dürfen, deren Gene auf ein erhöhtes Risiko für Krebs, Alzheimer oder andere Erbkrankheiten hinweisen.

Für den Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer wäre dies ein «Dammbruch». Dieser ist Teil der Revision des Gesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen – eines Regelwerks, dessen Abkürzung «Gumg» schwierig auszusprechen und dessen Inhalt so sperrig ist, dass ihn die wenigsten wirklich kennen oder gar verstehen.

Gentest immer weiter verbreitet

Alarmiert wurden Politiker und Fachorganisationen vor zwei Wochen, als die Sendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens vom Antrag berichtete, den eine Mehrheit der vorberatenden Kommission dem Nationalrat beliebt machen will. Danach sollen künftig sämtliche Personen, die eine Lebensversicherung abschliessen möchten, die Resultate von Gentests bekanntgeben müssen, sofern sie solche gemacht haben. Das Gleiche gilt für die private Invaliditätsversicherung. Dagegen steigen nun die Krebsliga, Alzheimer Schweiz sowie die Patientenstellen auf die Barrikaden.

Denn Gentests verlieren zunehmend den exklusiven Anstrich. Immer mehr Menschen, in deren Familie gehäuft Brustkrebs oder Eierstockkrebs vorkommt, möchten wissen, ob es sich um die vererbbare Form handelt und sie ebenfalls ein höheres Risiko haben, daran zu erkranken. Wie die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich aus diesem Grund die Brüste amputieren liess. Auch einige seltene Demenzformen sind auf Genmutationen zurückzuführen.

Wer weiss, dass er solche in sich trägt, plant sein Leben anders. Bei anderen Erbkrankheiten wie Chorea Huntington – einer unheilbaren Nervenkrankheit, die meist erst um die 40 ausbricht und zum Tod führt – wollen Betroffene häufig Gewissheit, bevor sie sich den Kinderwunsch erfüllen. Inzwischen sind derlei Informationen über das Erbgut für ein paar hundert Franken zu haben, und die Preise sinken weiter.

Gegner sehen Diskriminierung

Den Versicherungen blieb der Zugriff auf die Testergebnisse bisher verwehrt, ausser der Kunde wollte eine aussergewöhnlich hohe Lebensversicherung über mehr als 400'000 Franken abschliessen. Neu sollen sie alle vorhandenen Gentests verlangen dürfen. Weisen diese ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erbkrankheiten auf, kann die Versicherungsgesellschaft die Prämien für die Lebensversicherung oder private Invalidenversicherung erhöhen oder gar den Abschluss verweigern.

«Das wäre ein gefährlicher Schritt in Richtung Zweiklassengesellschaft», warnt Franziska Lenz, Verantwortliche für Politik bei der Krebsliga Schweiz. Diskriminierung aufgrund einer genetischen Vorbelastung dürfe nicht sein. Alzheimer Schweiz sieht es ähnlich. Der Antrag der Kommission «verhindert die für die Versorgungsplanung wesentliche Früherkennung, behindert medizinische Demenzforschung und bietet keinen ausreichenden Datenschutz», heisst es in einem Schreiben an die 200 Nationalrätinnen und Nationalräte.

Stefanie Becker, Geschäftsführerin von Alzheimer Schweiz, zeigt sich überzeugt, «dass diejenigen, die fürchten, Träger eines mutierten Gens zu sein, sich nicht mehr trauen werden, die gentechnische Abklärung zu machen, aus Angst davor, es würde gegen sie verwendet». Das aber belaste nicht nur die Betroffenen, sondern letztlich auch die Krankenkassenprämien. Denn wer um eine mögliche Erkrankung wisse, könne sein Leben vorausschauend planen und könne beim Auftreten erster Symptome diese gleich richtig interpretieren und so eine Odyssee falscher Therapieversuche vermeiden, welche seine Gesundheit gefährde. «Damit hilft ein Gentest auch, nachfolgende Gesundheitskosten zu reduzieren», erklärt die Alzheimer-Schweiz-Geschäftsführerin.

Ein Test sei nie eine Diagnose, sondern zeige ­gegebenenfalls ein Risiko an, gibt Erika Ziltener zu bedenken, Präsidentin des Dachverbands schweizerischer Patientenstellen. Aufgrund eines Risikos dürfe man aber niemanden benachteiligen. Um ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen, haben sich die Patientenstellen zusammen mit der Stiftung für Konsumentenschutz ebenfalls schriftlich an die Mitglieder des Nationalrats gewandt.

Versicherer klagen über Informationslücke

«Wir zwingen niemanden zum Gentest», hält dem Bruno Soltermann entgegen, Chefarzt beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV). Es gehe um eine Abschätzung des Risikos, wie sie heute schon vorgenommen werde, wenn zum Beispiel Menschen mit multipler Sklerose eine Lebensversicherung abschliessen möchten. Darüber müssten alle Auskunft geben, die wenigsten aber müssten nach geltendem Recht die Frage nach einem Gentest beantworten. Bei einem Prämienvolumen von über 30 Milliarden sei das eine grosse Informationslücke. Werde diese nicht geschlossen, müssten die Prämien für alle Versicherten vorsorglich erhöht ­werden. Man wolle niemanden ausschliessen, so ­Soltermann, «sondern Informationssymmetrie, damit die Prämien risikogerecht berechnet werden können».

Wichtig sei, dass alle gleich behandelt würden, formuliert es Andrea Gmür. Die Luzerner CVP-Nationalrätin, deren Ehemann die Helvetia-Versicherung leitet, hat den Antrag in die vorberatende Kommission ihres Rats eingebracht. Sie erinnert daran, dass schon seit über hundert Jahren von Gesetzes wegen gelte: Wer aufgrund eines herkömmlichen Tests wie zum Beispiel eines EKG wisse, dass er herzkrank sei, müsse dies auch seiner Versicherung mitteilen. «Wer über dasselbe Resultat aufgrund eines Gentests verfügt, darf das geheim halten. Das ist ungerecht, Ersterer ist klar benachteiligt», sagt Gmür.

Für eine heisse Debatte im Nationalrat ist morgen gesorgt – zumal für die Kommissionsmehrheit die Schaffhauser Sozialdemokratin Martina Munz sprechen wird, deren Partei dagegen ist, dass «gewisse Bevölkerungsschichten aus der Versicherung ausgeschlossen werden». Sie werde die Position der Mehrheit dennoch loyal vertreten, versichert Munz auf Anfrage. Auf ihre persönliche Meinung angesprochen, verweist sie auf die Altersvorsorge, bei der man immer argumentiere, dass sie auf drei Säulen basiere: «Zur dritten Säule gehört auch die Lebensversicherung – dann müssen wir sie aber auch allen zugänglich machen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.