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GESUNDHEIT: Viele Demente, aber kaum Daten

Mit den steigenden Zahlen von Demenzkranken wachsen auch die Anforderungen an Gesellschaft und Politik. Alzheimer Schweiz will die Kantone stärker in die Pflicht nehmen.
Eva Novak
Eine ältere Frau in einem Malkurs speziell für demente Menschen. (Bild: Getty)

Eine ältere Frau in einem Malkurs speziell für demente Menschen. (Bild: Getty)

Eva Novak

Im Kampf gegen die «Volkskrankheit Krebs» soll ein Register mithelfen, Prävention, Früherkennung und Behandlung zu verbessern: Mit dieser Begründung hat der Bundesrat diese Woche eine Verordnung in die Vernehmlassung geschickt, wonach Krebserkrankungen künftig schweizweit einheitlich erfasst werden. Im Kampf gegen die «Volkskrankheit Demenz» ist man noch lange nicht so weit. «Wir wissen nicht, wie viele Menschen mit einer diagnostizierten Demenz in der Schweiz leben», sagt Stefanie Becker, Gerontologin und Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz.

Die Vereinigung hat jüngst neue Schätzungen über die Häufigkeit von Demenz publiziert. Danach sind zurzeit 144 000 Menschen an Demenz erkrankt, rund 25 000 mehr als bisher angenommen. Bis 2045 werden es voraussichtlich weit mehr als 300 000 sein (siehe Ausgabe vom 2. April). Dabei handelt es sich nicht um gesicherte Erkenntnisse aus Studien, denn solche gibt es in der Schweiz nicht, sondern um Hochrechnungen, die auf Meta-Analysen einer Reihe von Untersuchungen in anderen europäischen Ländern beruhen.

Fehlende Daten erschweren Planung

Genaue Zahlen auch für die Schweiz wären nach Becker wichtig, um die Versorgung der hiesigen Betroffenen angemessen planen zu können: «Der Sinn jeder Versorgungsleistung misst sich am Bedarf. Wenn ich den nicht kenne, kommen Planungen entweder zu spät oder sind nicht bedarfsgerecht – das ist gesundheitsökonomischer Blödsinn», sagt sie. Von gesicherten Erkenntnissen zur Demenzhäufigkeit ist man hierzulande noch weit entfernt. Das hängt auch damit zusammen, dass Zentren wie die Memory-Kliniken nur eine Kapazität von etwa 5000 Diagnosen pro Jahr aufweisen, was bei geschätzten 27 000 Neuerkrankungen bei weitem nicht ausreicht. Ein grosser Teil der Diagnosen wird vom Hausarzt gestellt, einige vom Neurologen, vom Alterspsychiater oder Geriater, und wieder andere vom Pflegepersonal im Heim. Auch dies sind indes nur Vermutungen: «Wir wissen es einfach nicht», so Becker.

Eine bessere Datenlage gehört zwar zu den Zielen der nationalen Demenzstrategie, die der Bund seit 2014 verfolgt. Doch Geld wurde dafür keines zur Verfügung gestellt, also geht die Umsetzung nur «sehr, sehr langsam voran», wie es die Geschäftsführerin von Alzheimer Schweiz formuliert. Dennoch nennt sie die Strategie einen «Meilenstein». Dank ihr habe man es geschafft, die wichtigen Player im Demenzbereich an einen Tisch zu bringen und zu gemeinsamen Projekten zu animieren. Zudem habe sie zu einem stärkeren Bewusstsein von Demenz geführt.

Mit den Fallzahlen steigt der Handlungsbedarf

Bereits heute sind Alzheimer und andere demenzielle Erkrankungen der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit im Alter. Sie ­stellen auch die dritthäufigste ­Todesursache, nach Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs. Mit den Fallzahlen steigt auch der politische Handlungsbedarf: Alzheimer Schweiz möchte vor allem die Kantone stärker in die Pflicht nehmen. Die kantonalen Sektionen versuchen, Leistungsverträge abzuschliessen, um die Versorgung, Beratung und Begleitung von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen besser sicherzustellen.

Dies ist bisher erst in neun Fällen gelungen, wobei sich Art und Anzahl der Leistungen ebenso stark unterscheiden wie deren Entschädigung. So hat die Sektion St. Gallen-Appenzell von Alzheimer Schweiz einen dreijährigen Leistungsvertrag für den Aufbau von Netzwerken abgeschlossen, was mit jährlich 25 000 Franken honoriert wird. Nid- und Obwalden haben ebenfalls eine Leistungsvereinbarung, in Luzern steht eine solche noch aus.

Ein weiteres Defizit hat Alzheimer Schweiz bei der fehlenden Koordination ausgemacht. Eine Person mit Demenz habe heute viel zu viele Ansprechpartner und müsse sich die Informationen an vielen verschiedenen Stellen zusammensuchen. Das sei ein grosses Problem, so ­Becker, das mit Koordinationszentren gelöst werden müsse.

Mit den wachsenden Fallzahlen werde allerdings auch das Verständnis steigen, ist die Spezialistin überzeugt. Da an jedem Erkrankten mindestens zwei bis drei Personen im nahen Umfeld hängen, multipliziere sich die Zahl jener, die in ihrem persönlichen Umfeld mit Demenz konfrontiert sind, enorm. «All diese Betroffenen kennen die Probleme und sind bereit, sich für deren Lösung einzusetzen», prophezeit die Alzheimer-Schweiz-Fachfrau und fügt an die Adresse der Politik hinzu: «Schliesslich sind das alles Wählerinnen und Wähler.»

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