Thurgauer Gesundheitsdirektor übt Kritik an Ausnahme von Quarantänepflicht: «Bei uns werden VIPs gleich behandelt wie Herr und Frau Meier»

Gewisse Kantone nehmen Manager, Spitzensportler oder Künstler von der Quarantänepflicht aus, wenn diese aus einem Risikogebiet einreisen. Das stösst dem Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin sauer auf.

Doris Kleck
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Thurgauer SVP-Regierungsrat Urs Martin.

Thurgauer SVP-Regierungsrat Urs Martin.

Bild: TBM

Die Regel gibt zu reden: Wer aus einem Corona-Risikogebiet in die Schweiz einreist, muss für zehn Tage in die Quarantäne. Das heisst: Zu Hause bleiben, soziale Kontakte vermeiden. Gerade diese Woche gingen in der Westschweiz die Wellen hoch, weil Frankreich eigentlich auf die Risikoliste gehört.

Die Kantone können allerdings Ausnahmen von der Quarantänepflicht bewilligen. Und das tun sie auch, wie der «Sonntagsblick» publik gemacht hat. Der Kanton Graubünden etwa für israelische Surfer, Basel-Stadt für Musiker oder Zentralschweizer Kantone für Manager. Der Eindruck entsteht: Manche sind vor dem Gesetz eben ein bisschen gleicher.

Diese Praxis kommt nicht überall gut an. Der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin moniert: «Man muss sich fragen: Was ist der Zweck der Quarantäneregel? Wollen wir die Pandemie wirksam bekämpfen oder je nach Prominenz der Anfrage Ausnahmen gewähren? » Der SVP-Politiker gibt die Antwort gleich selbst:

«Wir wollen die Pandemie wirksam bekämpfen. Das gelingt nur, wenn es keine Ausnahmen gibt. Ansonsten ist die Massnahme löchrig wie ein Schweizer Käse.»

Martin bekomme viele Anfragen für Ausnahmen von Quarantäneregeln. Etwa für Erntehelfer, Manager, Pauschalbesteuerte oder auch Spitzensportler. Der Kanton Thurgau lehnt alle Gesuche ab, ausser es geht bei der Einreise um humanitäre Gründe. Wie das Abschiednehmen von einem Familienangehörigen, der im Sterben liegt. Martin sagt:

«Bei uns werden VIPs genau gleich behandelt wie Herr und Frau Meier.»

Martin stört sich vor allem daran, dass gewisse Kantone Ausnahmen bewilligen und gleichzeitig mit neuen Massnahmen gegen die Pandemie «überschiessen».

Die Bundesverordnung gibt den Kantonen die Möglichkeit, Ausnahmebewilligungen zu erteilen. In anderen Kantonen betont man indes, dass man zurückhaltend umgeht damit. So agiert der Kanton Bern ähnlich wie der Thurgau. Er hat in etwa fünf Fällen Erleichterungen von der Quarantäne gewährt, dies für Personen, die zum letzten Besuch sterbender Angehörigen eingereist sind. Doch auch diese Bewilligung wurde mit Einschränkungen verknüpft: Diese Personen durften keine Covid-19-Symptome aufweisen und mussten sich vor oder nach dem Besuch umgehend wieder in Quarantäne begeben.

Thurgauer Volleyballer bald in Zürich?

Der Kanton Zug wiederum hat vier Fälle bewilligt. Alle im Zusammenhang mit der Arbeit, wegen einer beruflich notwendigen und unaufschiebbaren Tätigkeit. Die Gesundheitsdirektion des Kantons betont, dass man eine restriktive Praxis pflege. Die Gesuche müssten gut begründet sein. Zudem werde die Bewilligungen an Auflagen geknüpft.

Die konsequente Linie des Thurgauer Gesundheitsdirektors bekommt im Moment auch Volley Amriswil zu spüren. Der Volleyball-Spitzenclub möchte im Oktober seine Europacup-Spiele gegen eine belgische und weissrussische Mannschaft in Amriswil durchführen. Vizepräsident Peter Bär war wegen der Quarantäneregel schon im Kontakt mit Gesundheitsdirektor Martin. Dieser hat aber abgewinkt.

Bär hat deshalb seine Fühler nach Zürich ausgestreckt: Volley Amriswil zieht die Durchführung der Spiele in Winterthur in Betracht. Wenn denn der Kanton Zürich eine Ausnahmebewilligung geben würde. Noch hat Bär die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Thurgauer Gesundheitsdirektor doch noch einlenken wird und den Fall individuell betrachtet.