GESUNDHEITSWESEN: Pharmasuisse-Präsident: «Kunden dürfen Kopfwehtabletten nicht wie Brotaufstrich einkaufen»

Der Präsident des Schweizerischen Apothekerverbandes sagt, dass über ein Viertel der Apotheken in der Schweiz ums Überleben kämpft. Beklagen mag sich Fabian Vaucher darüber nicht – er wehrt sich aber gegen die Vorstellung, die Apotheker kassierten bloss ab. Vielmehr sei es so, dass diese als einzige Gesundheitsdienstleister transparente Kosten auswiesen.

Balz Bruder
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Der Scheint trügt: Mit der Gemütlichkeit in den Schweizer Apotheken ist es vorbei. Das Angebot-Nachfrage-Prinzip schlägt durch – ohne staatlichen Sicherungsfallschirm. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 13. Februar 2014))

Der Scheint trügt: Mit der Gemütlichkeit in den Schweizer Apotheken ist es vorbei. Das Angebot-Nachfrage-Prinzip schlägt durch – ohne staatlichen Sicherungsfallschirm. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 13. Februar 2014))

Interview: Balz Bruder

Fabian Vaucher, wo drückt Sie der Schuh derzeit am meisten?

Danke, ich pflege vernünftiges Schuhwerk zu tragen (lacht). Im Ernst: Die Digitalisierung ist eine grosse Herausforderung des Detailhandels, wie das Beispiel bereits in der Bekleidungsbranche gezeigt hat. Heute orientieren wir uns alle vor dem Kauf online. Deshalb gilt es, die digitale Sichtbarkeit der Apotheken zu stärken und zu verbessern – nicht nur im Produkt-, sondern auch im Dienstleistungs- und Gesundheitsbereich.

Die Apotheker sind unter Druck. Migros geht mit der Versandapotheke Zur Rose zusammen. Coop ist mit Vitality auf dem Vormarsch. Wo bleibt da die althergebrachte Offizinapotheke?

Der Gesundheitsmarkt ist dynamisch und ein Wachstumsmarkt. Und wir haben in der Schweiz eines der liberalsten Gesundheitssysteme – europaweit. Ob die Apotheken in zwanzig Jahren dunkelgrün oder hellgrün sind, wird sich zeigen, ist aber nicht entscheidend. Sondern: Die Nachfrage nach schnellen und zuverlässigen Zugängen zur medizinischen Grundversorgung und die kompetente Fachberatung werden auch in Zukunft das Hauptkapital sein, auf dem die Apotheken stehen. Die Kunden und Patienten vertrauen den Apotheken.

Ihr Optimismus in Ehren. Auf 100000 Einwohner kommen heute noch gut 20 Apotheken. Tendenz sinkend.

Absolut gesehen ist die Anzahl der Apotheken in den letzten zehn Jahren leicht ansteigend, de facto ist sie aber rückläufig, wenn man sie in Relation zur Anzahl der Bevölkerung setzt – trotz der Zunahme der Wohnbevölkerung und der steigenden Lebensdauer, die auch mehr kranke und mehr mehrfach kranke Menschen mit sich bringt. Im Vergleich mit dem Ausland ist die Apothekendichte in der Schweiz tief: Wir liegen bei 22 Apotheken pro 100 000 Einwohner. In der Schweiz kämpfen 26 Prozent der Apotheken ums Überleben.

Dabei ist es ja nicht so, dass weniger Medikamente verkauft würden, im Gegenteil. Aber die Verkaufskanäle verlagern sich, zum Beispiel zu den Grossverteilern. Warum braucht es überhaupt noch Apotheken?

Weil die Gesundheit unser allerhöchstes Gut ist! Über 300 000 Kunden holen sich täglich in der Apotheke Rat und Unterstützung. Sie wollen Qualität und schätzen eine kompetente Beratung. Zudem eignet sich die Apotheke auch hervorragend in der Prävention. Die Frage ist: Wollen Sie sich von einem Laien an der Kasse des Grossverteilers zu Darmkrebsvorsorge oder Blutzuckermessung beraten lassen oder lieber von einem Profi an einem diskreten Ort?

Sie sprechen es an: Wo es geschulte Fachleute wie Apotheker gibt, findet professionelle Beratung statt. Doch reicht das zum Überleben?

Die Anzahl der Apotheken richtet sich rein nach dem Angebot-Nachfrage-Prinzip. Es besteht keine Garantie der Kostendeckung durch den Staat. Defizitäre Apotheken können somit auch nicht überleben. Mitbewerber, die behaupten, deutlich tiefere Preise anbieten zu können, werfen zahlreiche Fragen auf, zumal der Spielraum für weitere Senkungen der Margen beschränkt ist. Tiefere Preise sind nur möglich, wenn gleichzeitig eine massive Mengenausweitung stattfindet, also mehr Medikamente verkauft werden. Dies ist nicht im Sinn einer effizienten Gesundheitsversorgung.

Die «Apothekerpreise» waren einst sprichwörtlich. Betriebswirtschaftliche Analysen zeigen aber: Wenn Apotheken von Ketten übernommen werden, steigt ihre Rentabilität. Was machen die Apotheker falsch?

Da muss ich mal klarstellen: Auch in den Ketten arbeiten sehr gute Apothekerinnen und Apotheker, die bestens ausgebildet sind und sich zudem laufend fortbilden, um ihre Kompetenzen à jour zu halten und zu erweitern, ich denke etwa ans Impfen. Mit der leistungsorientierten Abgeltung, die wir 2001 eingeführt haben, ist sichergestellt, dass Apotheker ihre Leistungen bei der Abgabe eines rezept-und kassenpflichtigen Medikaments weitgehend preisunabhängig verrechnen können. Dank diesem Tarifvertrag haben die Apotheken seit 2001 gut 1 Milliarde Franken zu Gunsten der Prämienzahler eingespart.

Was machen die Ketten besser?

Nicht besser, aber: Mit Skaleneffekten beim Einkauf und Marketing als auch effizientem Personaleinsatz lassen sich Kosten senken.

Der Druck kommt nicht nur vom Grossverteiler, der den Fachhandel schleichend ablöst. Auch die Ärzte mischen schmerzhaft mit bei der Medikamentenabgabe.

Die Apotheke hat als einziger Akteur in diesem Bereich absolut transparente Kosten auszuweisen. Wer kennt schon den Preis einer Blinddarmoperation oder eines Besuchs beim Hausarzt? Preissensibilität gibt es fast nur bei den Medikamenten. Die Medikamentenpreise stagnieren oder sinken aber seit Jahren, und die Apotheken haben den grössten Sparbeitrag von allen Akteuren geleistet. Bisher war das Gesundheitswesen für die Spitäler und Ärzte ein Selbstbedienungsladen, dank der Grundversicherung, die alle verursachten Kosten übernimmt.

Das ist nicht das einzige Ärgernis. Die Heilmittelbehörde Swissmedic arbeitet an den Ausführungsbestimmungen zum revidierten Heilmittelgesetz. Rezeptfreie Medikamente sollen künftig auch beim Grossverteiler über den Ladentisch.

Medikamente sind keine harmlosen Konsumgüter. Es darf nicht sein, dass Patienten durch verkaufsfördernde Slogans getäuscht werden und Kopfwehtabletten und Hustensirup wie Joghurts und Brotaufstrich einkaufen und sich unbewusst Schaden zufügen. Die Sicherheit muss oberste Priorität geniessen.

Der Trend ist klar: Durch die Neuregelung der Verkaufskanäle verlagern sich Umsatz und Gewinn. Wie geben Sie Gegensteuer?

Neue Verkaufskanäle sind marktorientiert und haben mit der Gesundheitsversorgung der Wohnbevölkerung wenig bis gar nichts zu tun. Im Gegenteil, durch Täuschung werden nicht effiziente Medikamente als Lösungen beworben. Die Kunden wiegen sich in falscher Sicherheit. Grossverteiler und ihre Industrie verdienen mehr, die Kosten für Gesundheitsschäden dürfen dann die Prämien- und Steuerzahler übernehmen. Das sind skandalöse amerikanische Verhältnisse, die nicht erwünscht sind.

Schön und gut. Die Patienten und Konsumenten wissen aber, dass die Tarifzuschläge bei den Apotheken immer noch kräftig einschenken. Weshalb sollen wir für bestimmte Medikamente ein Mehrfaches des Fabrikpreises zahlen, nur damit wir es in der Apotheke kaufen dürfen?

Der Irrtum hält sich hartnäckig, dass der Apotheker abgarniert. Primär geht es den Apotheken darum, ihre Infrastruktur-, Personal- und Logistikkosten zu decken. Anders als zum Beispiel bei den Ärzten verdient der Apotheker via Tarifvertrag über die leistungsorientierte ­Abgeltung immer gleich viel für seine Dienstleistung. Egal, ob er ein teures oder billiges Medikament verkauft bzw. eine einfache oder komplizierte Beratung durchführt. Die Gleichung «Hohe Gewinne der Pharmabranche gleich hohe Gewinne in den Apotheken» stimmt nicht. Die Apotheken sind Teil der Lösung, wenn es darum geht, den Kostenanstieg im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen.

Trotzdem: Die Medikamente sind hierzulande rund 50 Prozent teurer als im Ausland. Zudem werden teure Originale statt günstigerer Generika bevorzugt – die beste Marge lässt grüssen.

Die Schweiz und das Ausland sind nur bedingt vergleichbar. Bis vor der Freigabe des Wechselkurses waren die Preisunterschiede zu Deutschland praktisch über das gesamte kassenpflichtige Sortiment eliminiert. Die Frankenstärke macht nun allen Detailhändlern sehr zu schaffen. Der Apotheker verdient nicht primär am Verkauf von Medikamenten, sondern er will seine Fachberatung fair entschädigt haben. Die Entwicklung muss in Richtung preisunabhängige Abgeltung gehen. Ausserdem ist es schon jetzt ein Teil unseres Beratungsalltags, Generika zu empfehlen, aber nach wie vor sind die Anreize durch den Bund falsch gesetzt.

Welche Strategie verfolgen Sie als Präsident einer Branche, die nicht nur ökonomisch unter Druck kommt, sondern auch um ihren Platz in der Versorgungskette zwischen Hausärzten und Spitalambulatorien kämpft?

Dank der Digitalisierung lässt sich Fachwissen schnell und sehr individuell austauschen; Apotheker können sich untereinander vernetzen, aber auch mit anderen Gesundheitsdienstleistern. Von Fachperson zu Fachperson fliessen die Informationen rascher und in noch besserer Qualität. Das spart wertvolle Zeit und verhindert Fehler.

Das sagen aber alle Gesundheitsdienstleister.

Das mag sein, aber: Die Apotheken sind Teil der Lösung unseres Gesundheitssystems: Als praktische Anlaufstelle bei allen gesundheitlichen Fragen entlasten sie Hausärzte und Spitalnotfallaufnahmen, welche die kommenden Patientenzahlen nicht mehr stemmen können.

Fabian Vaucher

Der 49-jährige Apotheker ist seit 2015 Präsident des Schweizerischen Apothekerverbandes Pharmasuisse. Der Offizinapotheker führte zuvor eine Top-Pharm-Apotheke im aargauischen Buchs.