Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Glarus: Der vergessene Nachbar

Diese Woche hält der Bundesrat seine Sitzung in Glarus ab. Ein Besuch im Tal des Schwyzer und Urner Nachbarkantons, der mit seiner Lage und der Geschichte als Industriehochburg kämpft.
Dominic Wirth
Das Glarner Stimmvolk an der Landsgemeinde im Mai 2013. Im Hintergrund ist das «Glarnerstübli» zu sehen. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Das Glarner Stimmvolk an der Landsgemeinde im Mai 2013. Im Hintergrund ist das «Glarnerstübli» zu sehen. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Dominic Wirth

Der Himmel über Glarus gehört an diesem Werktagmorgen ganz der Sonne. Am Stammtisch des «Glarnerstüblis» aber sitzt der Trübsinn schon mit am Tisch, als es kaum 11 Uhr ist. Es zwicke da und dort, sagt einer. Jeder habe sein Rucksäcklein zu tragen, meint ein anderer, und dann: «Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.» Nicken hier und da, und noch einen Schluck Kaffee.

Der Kanton Glarus, 40 000 Einwohner auf 685 Quadratkilometern Fläche, ist ein Winzling, ein versteckter noch dazu. Auch mit Schwyz und Uri teilt er eine Grenze, doch gross beachtet wird er dort nicht. Mehr oder weniger in der Mitte des Kantons liegt Glarus, der Hauptort, der aus der Not eine Tugend macht und mit dem Slogan «Die kleinste Hauptstadt» für sich wirbt.

Glanz vergangener Tage

Dort, im Herzen von Glarus, steht auch der trübselige Stammtisch des «Glarnerstüblis». Ist er repräsentativ für die Stimmung im Kanton? «Ich höre immer wieder das Wort Krise», sagt Rolf Kamm, der Präsident des Historischen Vereins des Kantons Glarus. «Dabei geht es den Glarnern eigentlich so gut wie nie zuvor. Trotzdem haben sie das Gefühl, dass etwas passieren müsse.» Kamm glaubt, dass das mit der Glarner Geschichte zusammenhängt. Einst war Glarus eine Textilhochburg. Doch die Textilfabriken, die im 19. Jahrhundert noch das Glarner Wirtschaftswunder befeuerten und in alle Welt exportierten, sind fast alle eingegangen. Der Preisdruck aus dem Ausland hat einer nach der anderen den Garaus gemacht.

Geblieben sind nur die mächtigen Fabrikanlagen. Viele stehen leer – wie Erinnerungen an eine Zeit, als die Dinge vermeintlich noch besser waren. «Ständig führen die alten Fabriken den Leuten den Glanz vergangener Tage vor», sagt Kamm. «Kein Wunder, ist man dann mit der Gegenwart nicht zufrieden.»

In Diesbach, ein paar Kilometer talabwärts, steht Urs Keiser vor einem einstigen Fabrikhauptgebäude. Er breitet die Arme aus, lässt den Blick über die alten hohen Mauern schweifen. «Hier gibt es doch Potenzial», sagt er. Einst wurde hier gesponnen, gewoben und gefärbt. Doch heute regt sich hinter den hohen Fenstern kein Leben mehr. In der ganzen Schweiz führt die Schweizer Industriebrachen-Plattform noch 46 Standorte auf. Nicht weniger als 22 liegen in Glarus, fast die Hälfte in der Gemeinde Glarus Süd.

Hier kommt Urs Keiser ins Spiel. Der Standortförderer von Glarus Süd soll den Brachen wieder Leben einhauchen, und ein wenig gilt das auch für die ganze Gemeinde. Früher, als die Textilindustrie noch florierte, war der Süden tonangebend im Kanton. Heute aber boomt die Gemeinde im Norden, die näher an Zürich liegt. Der Süden leidet derweil an seiner «psychologischen Distanz», wie Keiser es formuliert. Bis vor einigen Jahren sind die Leute weggezogen aus dem hinteren Teil des Tals, weil es keine Arbeit mehr gab. Immerhin dieser Trend ist laut Keiser gestoppt.

Der Tag der Revolution

Natürlich haben sie Keiser, der Beratungsbüros in Zug und Zürich hat, nicht nur für das engagiert, was er «Bestandespflege» nennt. Es sollen auch neue Jobs her. Das Problem ist nur: Für Firmen, die auf gute Transportwege angewiesen sind, liegt der Grossteil von Glarus Süd schlicht zu weit ab vom Schuss. Schon weiter nördlich im Tal, in Glarus, warten sie sehnlichst auf eine neue Strasse, die den Weg zur Autobahn verkürzen soll.

Glarus Süd muss nehmen, was es bekommt. Er spricht von den Chancen der Digitalisierung, die sich auch in der Peripherie der engen Glarner Täler bieten. Er will ein «Labor für die Mobilität der Zukunft» aufbauen und den Tourismus in Braunwald und Elm ankurbeln. «Es geht langsam aufwärts», sagt er.

Früher einmal, da gab es Glarus Süd nicht, sondern: Braunwald und Elm und Luchsingen und Schwanden – 13 Gemeinden insgesamt. Dann kam die Revolution. Am Tag, der alles veränderte, im Mai 2006, standen bei der Landsgemeinde auf dem Zaunplatz Tausende Menschen. Bis um 4 Uhr morgens hatte Kurt Reifler, der einfache Bürger, damals an seinem Redetext gefeilt, ihn beim Zmorgen ein letztes Mal der Frau vorgetragen – und schliesslich eine Landsgemeinde erlebt, an deren Ende von den 25 Glarner Gemeinden nur noch drei übrig geblieben waren: Glarus Nord, Glarus und Glarus Süd – sie sind das Produkt des Antrags von Reifler.

Die Regierung hatte eigentlich auf zehn Gemeinden reduzieren wollen. Es war eine Gemeindereform, wie die Schweiz sie noch nie gesehen hat. Die einstigen Industriepioniere im Glarnerland machten wieder einmal als Vorreiter von sich reden. Nur ein Jahr später gelang ihnen das erneut, als sie das Stimm- und Wahlrecht auf 16 Jahre senkten. «Unsere Landsgemeinde ist die Bühne des Volkes», sagt Reifler, und dabei schwingt ein Stolz mit, den man im Kanton stets antrifft, wenn es um die Landsgemeinde geht. Weil sie als einzige Änderungsanträge aus dem Ring zulässt, ist sie berühmt für ihre Unberechenbarkeit.

Ein rotes Tuch

Für Reifler änderte jener Tag im Mai 2006 alles. Er musste seine Stelle als Glarner RAV-Leiter kündigen, weil er in Glarus Süd Gemeinderat wurde, um mitzugestalten, was er angestossen hatte. Bis heute ist er für manche im Kanton ein rotes Tuch, weil seine Revolution die alten Gemeinden zum Verschwinden gebracht hat. Und doch sagt Reifler, dass er alles wieder gleich machen würde. Für ihn ist die Reform, die 2011 in Kraft trat, ein Erfolg. Für Reifler steht die Fusion indes noch für etwas anderes: den Mut und die Offenheit, etwas zu wagen, Dinge zu verändern. Diesen Geist, sagt er, wünscht er sich von den Glarnern auch in Zukunft.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.