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GLAUBEN: «Die Sehnsucht nach Weihnachten ist gross»

Trotz schnelllebiger Zeit: Für Bischof Felix Gmür hat das Weihnachtsfest nichts von seiner Bedeutung eingebüsst. Dem Luzerner liegen vor allem Familien und Flüchtlinge am Herzen.
Interview Jérôme Martinu
Bischof Felix Gmür (49) vor dem Weihnachtsbaum in der Eingangshalle des Bischöflichen Ordinariats in Solothurn – dem Schloss Steinbrugg. (Bild Boris Bürgisser)

Bischof Felix Gmür (49) vor dem Weihnachtsbaum in der Eingangshalle des Bischöflichen Ordinariats in Solothurn – dem Schloss Steinbrugg. (Bild Boris Bürgisser)

Bischof Felix Gmür, mit den Weihnachtstagen steht immer auch das eine oder andere Festtagsessen an. Wie halten Sie es am liebsten? Fondue chinoise oder Filet im Teig?

Felix Gmür*: Ich nehme gerne das, was auf den Tisch kommt. Ein Lieblingsmenü habe ich nicht – nur gut muss es sein!

Der Messwein während der Eucharistiefeier ist in der Regel weiss. Auch der Wein auf Ihrem Esstisch?

Gmür: Je nach Speise. Aber auch hier gilt: Gut muss er sein (lacht).

Wie sieht Ihr Weihnachtsfest aus?

Gmür: Das ist bei mir ziemlich durchgetaktet. Ich darf verschiedene Weihnachtsgottesdienste hier in Solothurn feiern, los geht es am Nachmittag mit einem Krippenspiel mit Kindern.

Sie haben Ihre Familie in der Stadt Luzern: Die drei Brüder Philipp, Thomas und Peter, seit neustem mit Schwägerin Andrea Gmür-Schönenberger auch eine Nationalrätin. Gibt es im Hause Gmür eine grosse Familienfeier?

Gmür: Ich werde am Weihnachtstag und an den Festtagen alle Familienmitglieder sehen, und darauf freue ich mich.

Nach Ostern und der Auferstehung ist die Geburt Christi das zweite grosse Hochfest im römisch-katholischen Kirchenjahr. Täuscht der Eindruck, wonach sich das Weihnachtsfest zunehmend vom christlichen Kern entfremdet? Konsum und Halligalli statt Einkehr anlässlich der Menschwerdung Gottes?

Gmür: Es gibt nach wie vor eine grosse Sehnsucht nach Weihnachten. Nach Ruhe, Harmonie und Frieden – das ist die Botschaft von Christi Geburt. Die Vorbereitung auf das Fest ist tatsächlich auffallend schneller, hektischer geworden wie alles in der Welt.

Es geht um das Weihnachtswunder, den Wunsch nach Frieden. Projizieren wir zu viel auf das Weihnachtsfest? Droht die Freude wegen des Erwartungsdrucks zu schwinden?

Gmür: Das glaube ich nicht. Zwar leben wir zunehmend in einer Instantgesellschaft, aber die Bereitschaft fürs Fest, für die weihnächtliche Botschaft ist ungebrochen. Gott wird wie wir. Er wird menschlich und damit verwundbar. Mit dem Baby in der Krippe erkennen die Menschen: Wir alle sind sehr verletzlich. Und das Geburtswunder geht von der Krippe aus in die ganze Welt via die drei Magier oder Könige, die das Christkind besuchen.

Was meinen Sie mit Instantgesellschaft?

Gmür: Wir leben enorm schnell, von Punkt zu Punkt. Beantworte ich ein Mail nicht umgehend, gibts eins aufs Dach. Auch Beziehungen bleiben vom Tempo nicht verschont.

Zu Jesu Geburt in der Krippe bringen die Heiligen Drei Könige edle Gaben. Weihnachtsgeschenke machen also auch aus kirchlicher Sicht Sinn.

Gmür: Ja, sie sind ein schönes Zeichen der Zuwendung und der Wertschätzung. Aber es kann auch zu viel sein. Weihnachten ist kein Konsumfest, sondern ein Menschenfest.

Sind Sie für Weihnachtsgeschenke empfänglich?

Gmür: Durchaus, am liebsten habe ich etwas Praktisches.

Die Weihnachtsfeier hat insbesondere für die Familie eine ganz besondere Bedeutung. Gerade für Kinder sind die Rituale und die Symbole rund um Weihnachten wichtig. Wie aber kann man beim Nachwuchs auch mit dem eigentlichen Sinn, der frohen Botschaft, durchdringen?

Gmür: Die Kinder haben vielleicht am wenigsten Probleme damit, die Botschaft zu verstehen. Sie sehen das bedürftige Jesuskind und erkennen sich darin sehr gut selber. Vater und Mutter sind dabei und behüten das Baby, die Familie bietet Schutz. Als Beschützer fungieren aber auch Hirten, weiter gibt es noch Ochs und Esel. In der kleinen Krippe kommt alles zusammen – dieses Bild ist zum Anfassen, es ist universal.

Ganz im Zeichen der Familie stand die Bischofssynode in Rom. Barmherzig sein und unterstützen statt verurteilen, etwa was den viel diskutierten Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexuellen angeht. Das ist eine Kernbotschaft von Papst Franziskus. Wie werten Sie die Erkenntnisse der Weltbischofskonferenz?

Gmür: Die Familien sind sehr verletzlich geworden. Sie verändern sich ständig, es gibt neue Formen, die nicht zu den Vorstellungen der Kirchenlehre passen. Das zu merken und zu spüren, ist das Wichtigste, was die Synode hervorgebracht hat. Es gibt nicht nur Modell und Theorie, sondern Lebensrealität. Als Kirche müssen wir darauf zugehen. Die Familienformen sind enorm unterschiedlich bei uns, in Afrika, Asien und so weiter. Die Familie hat auch ganz unterschiedliche Funktionen. In vielen Südländern etwa sind die Familien auch wirtschaftliche Einheiten, sie garantieren das Überleben der Mitglieder.

Und diese grossen kulturellen Unterschiede passen alle unter einen Hut, den der römisch-katholischen Kirche?

Gmür: Der Hut ist sehr gross, das geht. Er ist vielfarbig und hat ganz verschiedene Ecken.

Es gibt eine Debatte, einige würden sogar sagen Streit, um die Synodenschlusserklärung. Je nach Position, ob reformfreudig oder wertkonservativ, versucht man die Erkenntnisse zu den eigenen Gunsten zu deuten.

Gmür: Die Synodenteilnehmer haben in Rom einen Text erarbeitet und ihn dann quasi in die Freiheit entlassen. Sie kennen das ja auch aus Ihrer Arbeit als Zeitungsjournalist: Es gibt verschiedene Arten, wie ein Text im Publikum gelesen wird. Über die Umsetzung in der Kirche entscheidet der Papst. Hierauf sind wir alle gespannt (schmunzelt).

Papst Franziskus hat am 8. Dezember das heilige Jahr 2016 ausgerufen, das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit. Er will raus aus den kirchlichen Palästen.

Gmür: Die Barmherzigkeit ist das Lieblingsthema des Papstes. Dem einzelnen Gläubigen soll die Wichtigkeit der Barmherzigkeit – wir können auch von Empathie oder Solidarität reden – in Erinnerung gerufen werden.

Neu ist die Botschaft ja nicht. Franziskus verfolgt hier durchaus einen gewissen missionarischen Impuls. Was heisst das für die Kirchenbasis?

Gmür: Das «Updaten» der Heilsgeschichte ist eine zentrale Aufgabe der Kirche. Werte wieder neu und aktuell machen. Ob in der Schweiz oder in Europa: Wieder neu in unser Bewusstsein getreten ist die grosse Verletzlichkeit der Welt. Ein Beispiel ist die Luftverschmutzung. Die können wir mit lokalem Handeln nicht verhindern. Hier brauchts ein weltumspannendes Denken. Und dieses ist, so glaube ich, mit dem an der Weltklimakonferenz von Paris von allen Staaten unterzeichneten Vertrag erwacht.

Was soll das heilige Jahr in unserem Land bewirken?

Gmür: Für das Bistum will ich drei Haltungen ins Bewusstsein bringen: Öffnung, Güte, Solidarität. Gott in die Welt hinaustragen, so sollen wir uns als Kirche öffnen. Gütig sein gilt für jeden Einzelnen. Und als Gesellschaft gilt es, solidarisch zu sein mit allen in der Schweiz, in Europa, in der Welt. Das hat ganz viel mit einer soliden Bodenhaftung zu tun.

Verletzlichkeit, Solidarität – reden wir von den Flüchtlingsströmen. Die Flüchtlinge liegen Ihnen besonders am Herzen. Warum?

Gmür: Es geht nicht allein um Flüchtlinge, sondern um die Migration insgesamt. Wanderarbeiter, Pendler – die weltweiten Bewegungen sind extrem. Die gab es schon zu Jesu Zeiten, etwa die Flucht vor Herrscher Herodes. Und damals mussten genauso umfassende Lösungen her wie heute. Mauern hat man in der Geschichte schon wiederholt zu bauen versucht – ohne Erfolg.

Sie scheuen sich nicht vor politischen Aussagen: Im Sommer etwa sagten Sie öffentlich, manche Politiker seien in Steuer- und Asylthemen «engstirnig». Und den Vorschlag der SVP, die Grenzen zu schliessen, bezeichneten Sie als «völlig daneben». Andererseits: Die Solidarität hat in der kleinen Schweiz auch Grenzen.

Gmür: Das stimmt. Wir können nicht einfach alle Migranten und Flüchtlinge aufnehmen. Die kleine Schweiz merkt, dass sie zur grossen Welt gehört und mit ihr kommunizieren muss – beim Austausch von Gütern und Waren, genauso bei Flüchtlingen. Was können wir als Bewohner der bevorteilten Nordhalbkugel bewegen, damit die anderen nicht Opfer werden? Dies will ich offen ansprechen. Klar und wichtig ist: Es braucht Kompromisse. Hilfeleistungen der Starken für die Schwachen.

Konkret: Finanzielle Hilfe auch in den Krisengebieten vor Ort?

Gmür: Ja, die Schweiz hat eine Mitverantwortung. Die Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes sind zwar gekürzt worden. Aber es gibt auch andere Wege. Etwa via Spenden an Hilfswerke oder direkte Investitionen an den betreffenden Orten.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den «eigenen» Flüchtlingsfamilien aus Eritrea und Syrien gesammelt, die seit Anfang November im bischöflichen Schloss wohnen?

Gmür: Gute, das läuft unkompliziert. Wir lassen sie bewusst unbehelligt, sie brauchen ihre Ruhe.

Sie gehen als «Chef» in Sachen kirchlichem Engagement voraus. Aber fruchtet Ihr Vorangehen auch?

Gmür: Erstens nützt der angebotene Wohnraum der Stadt Solothurn. Zweitens ist es ein Signal an die Pfarreien und die Kirchgemeinden, die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu prüfen. Schaut, dass ihr helfen könnt! Ich sage das schon seit Ostern – auch wenn ich keinen direkten Einfluss auf die Kirchgemeinden habe.

Ist da ein Bedauern herauszuhören?

Gmür: Wenn ich könnte, würde ich gerne mehr tun.

Zum Schluss nochmals zum Weihnachtsfest: Was schreiben Sie auf den Wunschzettel fürs Christkind?

Gmür: Zufriedenheit für mich, für die Kirche Menschennähe und für die Welt Frieden.

Und wenn es auch etwas Weltliches, Praktisches sein darf?

Gmür: (überlegt und lacht dann) Neue Skistöcke! Meine alten sind kaputt.

Interview Jérôme Martinu

* Der gebürtige Luzerner Theologe Felix Gmür (49) ist seit der Weihe am 16. Januar 2011 Bischof von Basel. Er ist ab 2016 zudem Vizepräsident der Schweizer Bischofskonferenz. Der Sitz des Bistums ist in Solothurn im Schloss Steinbrugg. Das römisch-katholische Bistum Basel ist mit über einer Million Gläubigen das grösste Bistum der Schweiz. Zehn Kantone gehören dazu, darunter Luzern und Zug.

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