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Interview

Glaziologe: «Kleine Gletscher sind verloren»

Mit Klimaschutz könne man zumindest die grossen Schweizer Gletscher noch retten, sagt der ETH-Glaziologe Matthias Huss.
Bruno Knellwolf
Matthias Huss ist Gletscherforscher an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes (GLAMOS). (PD)

Matthias Huss ist Gletscherforscher an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes (GLAMOS). (PD)

Matthias Huss, diesen Winter lag in den Bergen ausserordentlich viel Schnee. Hat das den Schweizer Gletschern genützt?

Unsere Messungen zeigen, dass die Gletscher am Ende des Winters in gutem Zustand waren. Wir haben mit den Messungen im Rahmen des schweizerischen Gletschermessnetzes festgestellt, dass es im April 20 bis 60 Prozent mehr Schnee hatte als in einem gewöhnlichen Jahr. Der Winter war schneereich, weshalb die Gletscher Anfang Sommer gut gerüstet waren.

Allerdings erleben wir seit April eine Phase von Wärme und Trockenheit. Was sind die Folgen davon?

Die hohen Temperaturen im Frühling sind kontraproduktiv. Wir hatten zwar sehr viel Schnee im April, mehr als in anderen Jahren. Aber heuer hat es im Mai und Juni in hohen Lagen nur selten geschneit, und die Schmelzperiode hat ausserordentlich früh angefangen. Deshalb ist viel von dieser Schneerücklage aus dem schneereichen Winter schon wieder verloren.

Unter dem Strich bleibt also nichts?

Das können wir jetzt noch nicht sagen. Die Situation ist für die letzten zehn Jahre nicht aussergewöhnlich und weder besonders gut noch besonders schlecht. Letztes Jahr waren wir zu diesem Zeitpunkt schlechter dran, weil im Winter zuvor weniger Schnee gefallen ist und der Frühling auch warm war. Dieses Jahr kommt es nun darauf an, wie kühl oder warm der Sommer noch werden wird. Bleiben auch August und September warm, kann es zu grossen Massenverlusten kommen – trotz des vielen Schnees aus dem Winter.

Der Gletscherschwund lässt sich, ähnlich wie ein Meeresdampfer, nicht sofort stoppen. Gletscher haben ein klimatisches Gedächtnis, sie schmelzen auch, wenn wir mit Klimamassnahmen die Erwärmung stoppen. Wird es in der Schweiz in einigen Jahrzehnten keine Gletscher mehr geben?

Es gibt nicht nur die Trägheit der Gletscher, sondern auch jene des Klimas selbst. Wenn wir sagen, wir hören heute auf, CO2 auszustossen, dann ist das Klima nicht von heute auf morgen auf konstantem Niveau. Das dauert Jahrzehnte. Und erst dann können die Gletscher anfangen, sich wieder zu stabilisieren. Unsere Gletscher sind mit Blick auf das aktuelle Klima zu gross. Wenn das Klima so bleibt, werden sich die Gletscher weiter zurückziehen. Gletscher, die bis in grosse Höhen reichen, können sich vielleicht noch stabilisieren, für die kleinen und tiefer gelegenen ist die Erderwärmung aber schon zu weit fortgeschritten. Wir haben einen Zeitverlust von mehreren Jahrzehnten.

Was bedeutet das für unsere Schweizer Gletscher?

Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es für die kleinen Gletscher, wie zum Beispiel den Pizolgletscher, keine Rettung mehr gibt. Solche Gletscher sind viel zu klein, um sie noch mit Klimaschutzmassnahmen zu retten. Mit Klimaschutz kann man aber trotzdem einen Unterschied machen bis ins Jahr 2100: zwischen gar keinen Gletschern oder wenigstens noch ein paar Gletschern.

Und weltweit?

Wenn die Eisschilde in Grönland und der Antarktis abschmelzen, dann wären alle Küstenstädte der Erde unter Wasser. Aber das Eis der Polkappen ist viel dicker und träger als die Gletscher in der Schweiz. Gegen den Schwund dieser riesigen Eisschilde kann man mit Klimaschutz noch etwas unternehmen.

Was droht, wenn die Schweizer Gletscher verloren gehen?

Bei kleinen Gletschern nicht allzu viel, das Landschaftsbild verändert sich. Der Rückgang hat aber Einfluss auf die Hangstabilität, und deswegen können Steinschläge häufiger werden. Das gilt auch für kleinere Gletscher und noch mehr für grössere. Solche grossen wie der Aletschgletscher sind ausserdem wichtig für den Wasserhaushalt. Ihr Schwund verändert die Wasserabflüsse. Das Wasser fliesst im Sommer nicht mehr ins Tal, wenn es gebraucht wird.

Ist der Gletscherschwund überall in der Schweiz gleich, oder gibt es regionale Unterschiede?

Die Verlustraten sind überall ungefähr gleich. Es gibt keine Region, in der die Gletscher besonders schnell schwinden. Aber es gibt Unterschiede von einzelnen Gletschern, auch von solchen, die gleich nebeneinander liegen.

Warum?

Das hat verschiedene Gründe, die noch nicht alle erforscht sind. Gletscher zeigen unterschiedliche Verletzlichkeiten. Das hängt unter anderem damit zusammen, ob sie nord- oder südexponiert sind, steil oder flach.

Verändern sich die Gletscher mehr in der Länge oder der Dicke?

Beides, wie unsere Messungen zeigen. Die Länge ist relativ einfach zu beobachten und verändert sich aus verschiedenen Gründen schneller oder langsamer: schneller, wenn die Gletscherzunge über einer steilen Felsstufe liegt; langsamer, wenn die Zunge in eine Mulde führt. Die Messung der Länge zeigt den generellen Trend an. Die aufwendigere Messung der Veränderung der Eisdicke zeigt, was sich im Gletscher durch das Jahr hindurch abspielt. Die Dicke wird bei etwa einem Dutzend Gletscher gemessen, die Länge an hundert Gletschern.

Seit wann gehen Gletscher deutlich zurück?

Es gab mehrere Phasen der Beschleunigung. In den 40er-Jahren gab es schon starke Verluste. Bis 1985 waren viele Gletscher dann aber im Gleichgewicht. Danach folgte ein starke Beschleunigung des Schwunds. Und seit 2011 geht es mit den Verlusten nun noch schneller. Wir messen eine Häufung der extremen Jahre, wie zum Beispiel 2011, 2012, 2015 sowie 2017. Am schlimmsten war aber immer noch das Jahr 2003 mit seinem Hitzesommer.

Und der Grund für den Verlust ist die Erderwärmung?

Ja, die Gletscher folgen ziemlich genau der Veränderung der Lufttemperatur. Es gibt noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen, wie der Schnee im Winter oder die Sonneneinstrahlung. Aber ausschlaggebend ist die Temperatur.

Gibt es auch wachsende Gletscher?

Bei uns in der Schweiz nicht. Weltweit gibt es einzelne Gletscher, die wachsen. Aber nicht aus klimatischen Gründen, sondern aus fliessdynamischen. Das sind Gletscher, die vorstossen, weil sie periodisch schneller fliessen. Das hat nicht direkt mit dem Klima zu tun. Sie stossen in Phasen von vielleicht 20 Jahren vor und gehen wieder zurück. Im Himalaja gibt es solche, die dieses Verhalten zeigen. Zudem gibt es im Karakorum-Gebirge Regionen, wo die Gletscher nicht so viel verlieren wie in den Alpen. Global kann man aber sagen, dass die Gletscher praktisch überall auf dem Rückzug sind. Und die Alpen gehören zu den Regionen, wo es aktuell am schlimmsten ist.

In der Schweiz werden Teile von Gletschern an einigen Orten mit Folien abgedeckt. Wirkt das?

Lokal ist das sehr effizient. Wenn man die Folie anbringt, kann man die Schmelze darunter um 50 bis 70 Prozent reduzieren. Um eine Skipiste über den Sommer zu erhalten, kann sich das auf einer Fläche von zum Beispiel 100 mal 100 Metern durchaus lohnen. Der Aletschgletscher aber bedeckt eine Fläche von 80 Quadratkilometern – die Kosten dafür wären enorm und würden den wirtschaftlichen Nutzen bei weitem übersteigen Mit Folien hält man den Gletscherrückgang also nicht auf.

Wie könnte man den Gletschern denn helfen?

Mit Klimaschutz kann man wenigstens die grossen Schweizer Gletscher noch retten – halt nicht mehr in der Grösse und Form von heute. Aber wenn man das Pariser Abkommen umsetzt, könnten eventuell 30 Prozent des Schweizer Eisvolumens gerettet werden. Macht man nichts, geht bis auf ein paar Eisflecken auf über 4000 Metern Höhe praktisch alles verloren.

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