GOTTHARD: Airolo setzt alles auf den zweiten Tunnel

Göschenen und Airolo befinden sich am Nord- und Südportal des Gotthard-Strassentunnels. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Im Süden wird die zweite Röhre vehementer gefordert.

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Blick auf das verschneite Airolo. (Bild Keystone/Pablo Gianinazzi)

Blick auf das verschneite Airolo. (Bild Keystone/Pablo Gianinazzi)

gerhard Lob

Es hat geschneit. Endlich. Erstmals in diesem Winter ist die Bergbahn Airolo–Pesciüm in Betrieb. «Viele unserer Gäste sind Deutschschweizer», sagt Gemeindepräsident Franco Pedrini – und will damit unterstreichen, wie wichtig der Gotthard-Strassentunnel für die Tessiner Gemeinde Airolo ist. Denn Skitouristen reisen im Regelfall mit dem Auto an. Das Gleiche gilt für den legendären Eishockey-Club Ambri-Piotta, wenige Kilometer talwärts. Viele Fans kommen aus der deutschen Schweiz. «In Ambri wird jetzt ein neues Stadion gebaut, aber ohne Strassentunnel werden die Deutschschweizer Fans ausbleiben», prophezeit Pedrini.

Schlechte Erfahrung 2001

Im Falle einer Ablehnung der Vorlage zum Sanierungstunnel müsste eine Verladelösung geschaffen werden, während der bestehende Gotthard-Basistunnel 980 Tage oder rund drei Jahre geschlossen bliebe. «Nicht auszumalen», klagt der CVP-Gemeindepräsident und verweist auf die Erfahrungen nach dem verheerenden Brandunfall im Gotthard-Strassentunnel im Oktober 2001. Zwei Monate blieb der Tunnel damals geschlossen, der Autoverlad Göschenen–Airolo wurde zwar temporär reaktiviert. Doch im Dorf lief fast nichts mehr. Das Gewerbe spürte das Ausbleiben der Transitreisenden. Dabei zählt hier oben jeder Arbeitsplatz.

Intensive Zusammenarbeit mit Uri

Neben der Bergbahn Pesciüm steht die Käserei Airolo mitsamt Schaukäserei. Die Aussicht auf eine längere Vollsperrung des Gotthardtunnels bereitet Direktor Aramis Andreazzi Bauchweh. Die Käserei hat in den letzten Jahren ihre Zusammenarbeit mit Uri stark intensiviert, mit dem Halbhartkäse «Gottardo Grotta» sogar ein gemeinsames Regionalprodukt entwickelt. «Wir verarbeiten sehr viel Frischmilch aus dem Nachbarkanton», sagt Andreazzi, «und 75 Prozent unserer Produktion geht auf die andere Seite des Gotthards.» Im Sommer, wenn die Tessiner Alpen bestossen sind, verarbeitet die Käserei für drei Monate ausschliesslich Urner Milch. Die Frischprodukte werden per Camion in die Verteilzentren der Deutsch- und Westschweiz gebracht. «Das wäre mit einer Verladelösung und auch über die Passstrasse schlicht nicht möglich», so Andreazzi.

Die Landwirtschaft ist nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig für ­Airo­lo. Ari Lombardi vom Käsereibetrieb Agroval hat im ehemaligen Bahnhofbuffet von Airolo eine topmoderne Joghurt­fabrik installiert und 2011 in Betrieb genommen. «Muhhh» steht auf dem lang gestreckten Gebäude. Die Bergjoghurts aus Airolo mit 20 Geschmackssorten finden über die Grossverteiler Migros, Coop und Manor ihren Weg in die Verkaufsregale der ganzen Schweiz. «Doch ohne den Gotthard-Strassentunnel hätten wir ein echtes Problem», meint Lombardi.

«Wir könnten dicht machen»

Am Dorfausgang in Richtung Ambri befindet sich die Sägerei Filippi mitsamt Bauunternehmung. Firmenbesitzer Roberto Filippi und Sohn Luca sehen der Abstimmung mit Bangen entgegen: «Wenn es eine Vollsperrung ohne Sanierungstunnel geben sollte, können wir unseren Betrieb dichtmachen.» Das Sägewerk erhält sehr viel Rundholz zur Verarbeitung aus dem Kanton Uri, aber auch aus anderen Deutschschweizer Kantonen. Holzschnitzel werden nach Norden in die Heizwerke Göschenen und Schattdorf transportiert. Täglich bedeutet dies zwischen vier und sechs Camiontransporte durch den Gotthard-Strassentunnel. «Wir sind absolut keine Gegner der Bahn, aber das lässt sich einfach nicht mit einem Verlad bewältigen», sagen die beiden. Die Vollsperrung des Tunnels nach dem Unfall im Jahr 2001 sei bereits ein Drama gewesen. So etwas dürfe sich nicht wiederholen.

Ganz Airolo also für den Gotthard-Sanierungstunnel? Nicht ganz. Zumindest am Haus von Fabio Pedrina flattert das Plakat «No al raddoppio» mit der Silhouette des Steinbocks. Der alt SP-Nationalrat und langjährige Präsident der Alpeninitiative ist in Airolo zu Hause und gehört zu den vehementesten Gegnern der zweiten Röhre. Er prophezeit im Falle des Baus eines Sanierungstunnels «eine Transithölle». Die Transportprobleme im Falle einer Verladelösung werden seiner Meinung nach bewusst aufgebläht.

Doch der Eindruck ist, dass die Gegner der zweiten Röhre in Airolo eine Minderheit darstellen. Das Municipio hat sich einstimmig für die zweite Röhre ausgesprochen. Allerdings ist man dort parteipolitisch rein bürgerlich: Drei Gemeinderäte gehören der CVP, zwei der FDP an.

Göschenen wird Leben eingehaucht

Es geht mit dem Auto die 17 Kilometer durch den Gotthard-Strassentunnel auf die Nordseite. In dieser Jahreszeit sind ausgesprochen wenige Fahrzeuge unterwegs. Nur gelegentlich kommt ein Camion entgegen. Fast ausgestorben präsentiert sich der Ort Göschenen. Doch schon bald könnte mehr Leben ins Dorf kommen. Bei der letzten Gemeindeversammlung hat Gemeindepräsident Felix Cavaletti präventiv angefragt, ob die Einwohner allenfalls Wohnraum für Arbeiter bereitstellen könnten. Im Gespräch präzisiert er, dass dies nicht spezifisch in Hinblick auf den Bau eines Gotthard-Sanierungstunnels geschehen ist. «Egal, welche Variante kommt, es wird für uns eine Baustelle bedeuten», so Cavaletti.

Im Gegensatz zu Airolo hat die Gemeindeexekutive von Göschenen nicht offiziell Position zur Abstimmungsvorlage bezogen. Der Gemeindepräsident selbst befürwortet aber die zweite Röhre, damit generell der Verkehrsfluss verbessert wird. Denn: «Wir haben schon heute Probleme mit dem Stau, vor allem im Sommer.» Der Stau dehne sich zudem immer mehr auch in den Frühling und den Herbst aus. Cavaletti hat den Eindruck, dass die Mehrheit der Göschener einen zweiten Tunnel befürworten.

Im Dorf lässt sich nur ein einziges Plakat zur Abstimmung entdecken. Es hängt im Fenster eines Wohnhauses an der Gotthardstrasse. «Ein sicherer Gotthard für die ganze Schweiz» wird dort für die zweite Röhre geworben. Daneben knien zwei Engel und beschützen etliche Spielzeugautos. Einige Meter weiter, im Hotel Krone nahe dem Bahnhof, sitzen an diesem Nachmittag einige Mütter beisammen und spielen mit ihren Kindern. Die Meinungen sind gemacht: Man ist klar für eine zweite Röhre, und dies in der Hoffnung, dass dadurch weniger Stau generiert wird. «Der Gotthard steht in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen gleichbedeutend für Stau, und das ist für uns als Tourismusregion ein Riesenproblem», sagt Hotelier Kai Stubenrauch.

Ein Knabe räumt im Dorf Schnee. (Bild: Keystone / Pablo Gianinazzi)

Ein Knabe räumt im Dorf Schnee. (Bild: Keystone / Pablo Gianinazzi)

Ein Plakat im Fenster eines Wohnhauses in Göschenen wirbt für ein Ja zur zweiten Gotthardröhre. (Bild Gerhard Lob)

Ein Plakat im Fenster eines Wohnhauses in Göschenen wirbt für ein Ja zur zweiten Gotthardröhre. (Bild Gerhard Lob)