GOTTHARD: Der «Vater des Tropfenzählers» warnt

Mit einer zweiten Röhre würde der Gotthard sicherer. Deshalb könnten mehr Laster durchgeschleust werden, warnt der Mann, der das Dosiersystem entwickelt hat. Und weniger PWs.

Eva Novak
Drucken
Teilen
Das Südportal des Gotthard-Strassentunnels bei Airolo. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Das Südportal des Gotthard-Strassentunnels bei Airolo. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

«Für den Schwerverkehr durch den Gotthard-Strassentunnel ist ein Dosiersystem einzurichten», steht in der Gesetzesvorlage vom kommenden Abstimmungssonntag. Damit werde das Maximum an möglichen Lastwagen limitiert, versicherte Verkehrsministerin Doris Leuthard in der Abstimmungs-«Arena». Mit diesem Argument wollen die Befürworter Ängste zerstreuen, dass mit der zweiten Röhre ein Kapazitätsausbau erfolge. Das Gegenteil könnte eintreffen, warnt jetzt der pensionierte Verkehrsingenieur Matthias Rapp. «Das könnte zu einer massiven Vermehrung von Lastwagen führen», sagt der Mann, der das Dosiersystem einst entwickelt hat.

Mit dem sogenannten «Tropfenzähler» reagierte der Bund auf den verheerenden Brand im Gotthardtunnel vom 24. Oktober 2001, bei dem nach der Frontalkollision zweier Lastwagen elf Menschen ums Leben gekommen waren. Wegen des Landverkehrsabkommens zwischen der Schweiz und der EU musste das Regime allerdings zuerst mit dem Ausland abgestimmt werden. «Die Schweizer Verhandlungsdelegation hat immer nur mit der Erhöhung der Sicherheit argumentiert», erinnert sich Rapp. Denn das Landverkehrsabkommen erlaubt nur solche Massnahmen, verbietet aber Eingriffe zur Beschränkung der Kapazität.

Das führte am Ende zum Dosiersystem, wie es jetzt am Gotthard gilt: Je nach Verkehrsaufkommen – konkret je nach Andrang der Personenwagen – werden pro Stunde 60 bis höchstens 150 Lastwagen durchgelassen. Das garantiert jederzeit einen genügend grossen Abstand zwischen zwei Lastwagen, was mit dem Brandschutz begründet wird. Mit einer zweiten Röhre aber wird der Tunnel sicherer, da der Gegenverkehr wegfällt. Und der Mindestabstand könnte verringert werden.

Künftig 300 Laster pro Stunde?

Wenn das Sicherheitsargument wegfalle, werde der Druck steigen, die Maximalzahl der Lastwagen, die pro Stunde durchfahren, zu erhöhen, fürchtet der Verkehrsingenieur: «Bei geringem PW-Verkehr, und das ist an vielen Stunden pro Jahr der Fall, könnte man bis zu 300 Lastwagen durchlassen, wenn man dürfte.» Was letztlich dazu führen würde, dass die Gesamtmenge der Lastwagen durch den Gotthard steigt. Das liegt daran, dass das Gesetz zwar das Dosiersystem festschreibt, nicht aber die Dosis. «Wenn der Arzt die Dosis falsch einstellt, kann der Patient an einer Überdosis leiden oder gar sterben», kommentiert Rapp.

Leidtragende könnten am Ende auch die Autolenker sein, mahnt Manuel Herrmann von der Alpen-Initiative unter Berufung auf andere Experten. Weil das Landverkehrsabkommen eine künstliche Beschränkung des Güterverkehrs verbiete, werde das Dosiersystem im Gotthardtunnel mit zwei Röhren und zwei Spuren dazu führen, dass mit der zweiten Röhre viel mehr Kapazität für Lastwagen entstehen würde, dafür umso weniger für Personenwagen. Die Folge davon wäre eine noch grössere Verkehrsüberlastung auf den Zufahrtsrouten.

Der Bund winkt ab

Das Bundesamt für Strassen (Astra) weist diese Sorgen als unbegründet zurück. «Die Nachfrage ist im Moment gar nicht da», erklärt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach unter Hinweis auf die seit fünf Jahren sinkenden LKW-Fahrten durch den Gotthard. Die geltenden 150 Meter Mindestabstand hätten sich bewährt, darüber wolle man nicht diskutieren, sagt er und verspricht: «Die Kapazität bleibt unangetastet.» Der Lastwagenverkehr sei im Gotthard kein Problem mehr, sekundiert der Aargauer SVP-Nationalrat und Transportunternehmer Ulrich Giezendanner, der seit Jahren an vorderster Front für die zweite Röhre kämpft und selber auf den Containerverkehr setzt.

Ruedi Lustenberger hingegen sieht seine Befürchtungen bestätigt. Der ehemalige Luzerner CVP-Nationalrat hatte vor der Behandlung der Vorlage im Parlament vergeblich gefordert, dass nicht nur die Gesamtkapazität des Verkehrs durch die Alpen, sondern explizit auch jene durch den Gotthard in der Verfassung festgeschrieben werde. Dass man damals darauf verzichtet hat, könnte sich nun rächen, fürchtet der Befürworter der zweiten Röhre: «Wenn es jetzt ein Ja gibt, was ich hoffe, so hat der Bundesrat zwar eine Abstimmung gewonnen, aber an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren.»