GOTTHARD: Die kleinen und die grossen Fehltritte am Eröffnungsfest

Trouvaillen von der Gotthard-Eröffnung: Die diplomatischen Fehltritte der Politiker.

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Bundesrat Didier Burkhalter, rechts, neben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Italiens Premierminister Matteo Renzi und Österreichs Kanzler Christian Kern (von rechts nach links). (Bild: Peter Klaunzer/Pool Photo via AP)

Bundesrat Didier Burkhalter, rechts, neben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Italiens Premierminister Matteo Renzi und Österreichs Kanzler Christian Kern (von rechts nach links). (Bild: Peter Klaunzer/Pool Photo via AP)

Fern des Scheinwerferlichts lief bei der Gotthard-Eröffnung ein Einheimischer zu Höchstform auf. Weil die Prominenz aus Bern und den Nachbarländern Vorrang hatte, blieb den Vertretern der Kantone Uri und Tessin die Ehre einer Ansprache verwehrt. Dafür wandte sich im Extrazug ein Urner über die Sprechanlage an die Bundesparlamentarier. Zahlreiche Persönlichkeiten suchten die Bühne und die Mikrofone, sagte CVP-Ständerat Isidor Baumann: «Dazu braucht es keine Urner und keine Tessiner.»

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Es werde noch ein Wetteifern geben um die Titel der Neat-Väter oder -Mütter, prophezeite Baumann. «Ist es ein Berner, ein Zürcher, eine Aargauerin?», fragte er in Anspielung auf die früheren und amtierenden Bundesräte Adolf Ogi, Moritz Leuenberger und Doris Leuthard. «Oder sind es, was am wenigsten vermessen wäre: die Mineure, die Tunnelarbeiter, die Damen und Herren Ingenieure und die Bewohnerinnen und Bewohner, die Boden geopfert und Immissionen weit über ein Jahrzehnt zum Wohl der Allgemeinheit toleriert haben?» Immerhin, bemerkte Baumann versöhnlich, habe der Bund eine uralte Beleidigung «endlich wiedergutgemacht»: Zur Eröffnung des alten Tunnels im Mai 1882 war die Urner Regierung nicht eingeladen – bis sie sich mit Protest zwei Plätze erzwang.

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Die europäische Politprominenz bekam die Rede Baumanns nicht zu hören. Vielen entging auch ein diplomatischer Fehltritt von Österreichs Bundeskanzler Christian Kern. Dieser richtete ein Lob für den Gotthard-Basistunnel an SBB-Chef Andreas Meyer: «Ich möchte meinem Freund Andreas Meyer und seinem Team ganz besonders gratulieren, was er hier erreicht hat.» Das war Manager-Tunnelblick: Der Ex-Chef der Österreichischen Bundesbahnen kennt Meyer gut. Der aber hatte mit dem Tunnelbau wenig zu tun. Zwar ist die Baufirma Alptransit eine SBB-Tochter, doch haben dort Chef Renzo Simoni und Verwaltungsratspräsident Werner Marti das Sagen.

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Diplomatisch grenzwertig war der Besuch des italienischen Premierministers Matteo Renzi. Der italienische Tausendsassa oder «Buffone» (Hanswurst) – je nach Sichtweise – wollte seine Teilnahme dem Vernehmen nach kurzfristig absagen, um zu Hause Wahlkampf zu betreiben. Schliesslich machte er der Schweiz doch noch die Aufwartung. Die Begrüssungen spulte er zackig ab, auf die Einführung eines Bundesratsmitglieds als «Ueli Maurer, Finanzminister» antwortete er knapp mit einem «How are you?», bevor er Bundesrätin Simonetta Sommaruga erklärte, er werde sogleich wieder abreisen. Die versuchte ihn vergeblich mit perfektem Italienisch zu ködern: «Aber zwei Minuten hast du für mich, oder?»

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Einen buchstäblichen Fehltritt beging Bundesrat Didier Burkhalter. Der Neuenburger stolperte beim Aussteigen aus dem Festzug derart unglücklich, dass er anderntags mit Krücken und Beinschiene durch das Bundeshaus humpelte. Er habe sein Bein schon neunmal verletzt, verriet der Bundesrat dem Urner FDP-Ständerat Josef Dittli. Der konnte seinem Parteifreund nachfühlen: Beim Antrittsmatch im FC Nationalrat am Dienstag hatte sich der passionierte Outdoor-Sportler eine Muskelzerrung zugezogen.

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Stolperfrei überstand CVP-Nationalrat Alois Gmür die Feier. Dabei habe er gleich zwei Biere mehr getrunken, als er erstaunt feststellte, dass das Festbier aus seiner Brauerei stammte, scherzte er am Tag danach. Der Politprominenz wurden lokale Spezialitäten aufgetischt: das Urner «Stiär-Biär» aus Schattdorf und das «Gottardo», das Gmür in Einsiedeln nach Tessiner Rezept braut. Ein grosser Konkurrent Gmürs kam am Wochenende beim Volksfest zum Zug.

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Mit einer Flasche Bier in der Hand verfolgten die Parlamentarier schliesslich die Kunststücke der Patrouille Suisse im engen Livinental, darunter der Kampfjet-Gegner und SP-Ständerat Roberto Zanetti. Die Leistung sei beeindruckend, gestand er der Luzerner Sicherheitspolitikerin und CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann. Vom Nein zu ­neuen Jets rückt er aber nicht ab: Die Armee mustere die Tiger aus, doch habe die Patrouille Suisse soeben bewiesen, dass das Flugzeug noch immer leistungsfähig genug sei.

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So klang ein Tag locker aus, der mit Anspannung begonnen hatte. Das Eröffnungsspektakel von Regisseur Volker Hesse missfiel mehreren Politikern. Der grüne Ständerat Robert Cramer stiess sich an kopulierenden Gehörnten, und SVP-Nationalrätin Natalie Rickli urteilte: «rausgeworfenes Geld». Cool verweigerte der Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali den Kulturkampf: Das Spektakel habe volkstümliche Elemente modern umgesetzt, sagte der Präsident der IG Volkskultur. Dennoch folgt ein Nachspiel: SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger will wissen, was der Bundesrat vom Tanz eines Derwischs hält. Die muslimischen Ordensleute suchten die Annäherung an Allah, was schweizerische Grundwerte verrate. Im 32 Minuten langen Stück kreiste während 2 Minuten ein Mann mit Derwisch-Rock und Bau-Helm. Dass die Aargauerin darin eine unschweizerische Reverenz an Allah zu erkennen vermag, nährt den Verdacht, sie sei stärker auf den Islam fixiert als die meisten Muslime in der Schweiz.

ffe