GOTTHARD: Frontmann der Tunnelgegner

Er ist das neue Gesicht der Alpen-Initiative und gilt als grosse Hoffnung der SP Schweiz: Jon Pult. Der Bündner Grossrat will im Februar die zweite Gotthardröhre zu Fall bringen.

Deborah Stoffel
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Jon Pult, Bündner SP-Politiker und Präsident der Alpen-Initiative, hier aufgenommen über der Autobahn A 13 in Zizers. (Archivbild) (Bild: ARNO BALZARINI)

Jon Pult, Bündner SP-Politiker und Präsident der Alpen-Initiative, hier aufgenommen über der Autobahn A 13 in Zizers. (Archivbild) (Bild: ARNO BALZARINI)

Deborah Stoffel

Sieht so die Zukunft der Schweizer SP aus? Jon Pult trägt Hemd, Pullover, Jeans und eine schwarze Lederjacke. Die Frisur ist kurz und aufgeräumt, das freundliche Gesicht des 31-Jährigen hat noch Züge eines Lausbuben. Wache Augen und ein rundes Kinnbärtchen stechen einem zuerst ins Auge. Spätestens aber wenn er spricht, merkt man ihm sein jugendliches Alter nicht mehr an. Pult hat rhetorisches Talent, ist ein Schnelldenker. Und vielsprachig wie die Schweiz.

Kampf um die Röhre

Jetzt wird Pult ins nationale Rampenlicht katapultiert. Als Präsident des Vereins Alpen-Initiative kämpft er an vorderster Front gegen den zweiten Gotthard-Strassentunnel. Und er ist zuversichtlich, die Volksabstimmung vom 28. Februar gegen eine bürgerliche Front und ihre «grossen Werbemittel» zu gewinnen.

Die Gegner haben kürzlich argumentative Schützenhilfe von unerwarteter Seite erhalten. Ein Bericht, den ein Beratungsbüro im Auftrag des Bundesamts für Strassen (Astra) ausgearbeitet hat, zeigt, dass es nicht eilt mit der Gotthard-Sanierung. Der bestehende Strassentunnel kann demnach bis 2035 mit kleinen Reparaturen weiterbetrieben werden. «Das ändert die gesamte Ausgangslage», sagt Pult. Bei einem Nein bliebe genug Zeit, um die Sanierungsplanung noch einmal neu aufzurollen, und zwar in Kenntnis aller Faktoren, weil dann der neue Eisenbahntunnel in Betrieb sei. «Wir haben schon immer gesagt: Die Abstimmung über die zweite Röhre kommt zu früh und zum dümmsten Zeitpunkt.»

«Mann der Zukunft»

Bereits stehen 20 Podien zur Gotthard-Abstimmung auf Pults Agenda. «Und es werden bestimmt noch mehr», sagt er amüsiert. Der Bündner liebt die Debatte. Letztes Jahr war er Gast in Victor Giacobbos Late-Night-Sendung, in der er dem Talkmaster locker und unverfroren Paroli bot. Giacobbo traut ihm eine grosse Karriere zu: «Sie sind ein Mann der Zukunft.» Peter Bodenmann, die grau gelockte Eminenz der Partei, hatte es einmal so gesagt: «Vorerst wird Christian Levrat Parteipräsident bleiben, Pult braucht noch etwas Zeit.» In der SP, in den Medien, ja selbst bei der Konkurrenz hält man grosse Stücke auf den 31-jährigen Bündner. Fabio Pedrina (ehemaliger Tessiner SP-Nationalrat), sein Vorgänger bei der Alpen-Initiative, sagt, Pult habe sich schnell eingearbeitet und wisse, «wie man sich positioniert». Gleichzeitig hatte Pult in Pedrinas Augen aber noch nicht die Chance, zu beweisen, was in ihm steckt. So schiebt der Tessiner denn auch nach: «Ich verteile grundsätzlich keine Lorbeeren, bevor sich jemand auf dem Schlachtfeld bewiesen hat.»

Nationalrat Martin Candinas (CVP, Graubünden) bezeichnet Pult als «rhetorisch stark und intelligent». Er verschweigt aber auch nicht, dass er den Bündner Kollegen, den er aus seiner Zeit bei der Jungen CVP kennt, für «stark ideologisch geprägt» hält. «Jon ist ein Genosse, von Kopf bis Fuss», sagt Martin Candinas.

Anhaltender Martullo-Ärger

Zuletzt, bei den Wahlen im letzten Herbst, verfehlte Pult jedoch den Einzug in den Nationalrat. Es war der erste Dämpfer in einer steilen Karriere: 2005 war er in den Churer Gemeinderat gewählt worden, 2009 wurde er kantonaler Parteipräsident, 2010 zog er in den Bündner Grossrat ein. Seine kürzliche Niederlage habe er «relativ schnell weggesteckt», sagt Pult. «Bis heute aber macht mich der Erfolg der SVP wütend.» Die schiere Macht des Geldes habe Magdalena Martullo Blocher, der Tochter des alt Bundesrats Christoph Blocher und EMS-Chemie-Chefin, in den Nationalrat verholfen. «Dabei ist sie weder in Graubünden geboren, noch wohnt sie hier, noch zahlt sie hier ihre Steuern.» Pult kann also auch austeilen. Dem Bündner werden Stammtischqualitäten nachgesagt – eine Eigenschaft, die unter Sozialdemokraten so verbreitet ist wie die Fans von Eveline Widmer-Schlumpf bei der SVP. Aber Pult poltert nicht. Seiner Martullo-Blocher-Schelte schiebt der Historiker eine staatspolitische Analyse nach. Die Blocher-Tochter habe als grösste private Arbeitgeberin im Kanton zu viel politischen Einfluss. «Genau diese Verquickung von Politik und Wirtschaft ist etwas vom Gefährlichsten für die Demokratie.»

Im pragmatischen Flügel

Seine ersten Jahre als Kind verbrachte Pult in Mailand, dann zog die Familie nach Chur. Mit der Mutter sprach Pult Italienisch, mit dem Vater Rätoromanisch. Politik macht er heute im Bündnerdialekt – der Sprache seiner Einschulung. Deutsch habe ihm als Kind viel Mühe bereitet, sagt Pult gerne. Innerhalb der SP zählt sich Pult zum liberalen, pragmatischen Flügel. Er war als junger Mann Gründungsmitglied der Juso Graubünden. Das Präsidium der Juso Schweiz überliess er aber Cédric Wermuth, einem zweiten jungen Redetalent der Schweizer Sozialdemokratie, und verzichtete damit auf das Etikett eines kämpferischen, provokanten Linken.

Pult sagt, es gebe für ihn zwei Sorten von Politikern: «Die einen halten immer die Fahne hoch und ‹sterben› wiederholt im Namen ihrer Ideologie. Die anderen schaffen es, sich auf Kompromisse einzulassen, ohne ihre Prinzipien aufgeben zu müssen.» Bislang, sagt er, sei ihm dieser zweite Weg geglückt. «Aber ich kenne die Gefahr, dass man als Politiker von seiner Spur abkommt, weil man vor lauter Sachzwängen die Handlungsspielräume nicht mehr sieht.» Die Politik beanspruche viel Zeit und Energie, sei vereinnahmend. Nach der Gotthard-Abstimmung gibt er deshalb das Bündner Parteipräsidium ab, um im Berufsleben Fuss zu fassen. «Ich will ein Milizpolitiker sein», sagt er. Auch die Zukunft seiner Partei sieht Pult in einer Öffnung. «Wir müssen wieder als breite, progressive Volkspartei wahrgenommen werden. Und es muss wieder eine stärkere, offenere Debatte geben, anders als in den letzten Jahren.»

Gegner sehen «Riesenschwindel»

Abstimmung sda. Nach Ansicht der Gegner ist die Gotthard-Vorlage, über die am 28. Februar abgestimmt wird, ein «Riesenschwindel». Dem Parlament sei 2014 vorgemacht worden, dass eine Notsanierung nötig sei, was eine 140-tägige Totalschliessung zur Folge hätte, sagte die Berner SP-Nationalrätin und VCS-Präsidentin Evi Allemann gestern in Bern.

Inzwischen sei das Bundesamt für Strassen aber zum Schluss gekommen, dass die nötigen Sanierungen im Rahmen der üblichen Nachtsperren gemacht werden könnten. Der bestehende Tunnel liesse sich so noch für mindestens 20 Jahre ganz normal betreiben.