GOTTHARD-INSZENIERUNG: «Vorstellungen waren riesige Erfolge»

Der Regisseur Volker Hesse hat die Gotthard-Eröffnung inszeniert. Über die Aufregung um Busen und Derwische kann er nur den Kopf schütteln.

Interview Fabian Fellmann
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Der Todesengel in der Eröffnungszeremonie des Gotthard-Basistunnels bei der Aufführung in Rynächt am letzten Mittwoch. (Bild Nadia Schärli)

Der Todesengel in der Eröffnungszeremonie des Gotthard-Basistunnels bei der Aufführung in Rynächt am letzten Mittwoch. (Bild Nadia Schärli)

Interview Fabian Fellmann

Volker Hesse, Ihr Eröffnungsspektakel «Sacre Gottardo» sorgt für Gesprächsstoff. Zuerst wurden nackte Busen und kopulierende Gehörnte zum Thema, jetzt ist es der Derwisch, der muslimische Tanzmönch. Sind Sie überrascht?

Volker Hesse: Ich empfinde jedenfalls eine riesige Diskrepanz zwischen den Aufführungen am Volksfest und dem, was jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die Vorstellungen vom Wochenende waren riesige Erfolge mit Tausenden Zuschauern, die Reaktionen waren unglaublich positiv. Die Normalmenschen aus Uri und dem Tessin und all die Festbesucher konnten die Aufführung ganz mühelos emotional und intellektuell nachvollziehen. Wenn nun eine wild gewordene SVP-Nationalrätin sich über islamistische Propaganda äussert oder der scheinheilige Boulevard wegen eines nackten Busens einen Sexskandal konstruiert, kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Die Reaktion der Aargauer Politikerin ist armseliges Herumkeifen.

SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger hat nicht von Islamismus gesprochen, sie sieht aber in der Anspielung auf ein muslimisches Ritual einen Verrat schweizerischer Grundwerte. Was sagen Sie dazu?

Hesse: Es ist völlig legitim, wenn meine Show arabische kulturelle Assoziationen enthält. Ich bin der festen Überzeugung, dass archaische Kulte sich in verschiedenen Kulturen berühren. Ich wollte im Spektakel das Ausser-sich-Sein beschreiben – dazu dienen die Drehungen der Derwische und der Heuhaufen-Figuren. Diese Tänze, die nun als fremde arabische Einflüsse dargestellt werden, sind elementar menschliche Ekstaseformen: Jedes Kind weiss, dass man in einen anderen Zustand gerät, wenn man sich lange um sich selbst dreht. Ich habe nie an eine politische Polemik gedacht oder mit der Möglichkeit gerechnet, dass einige Zuschauer deswegen xenophobische Anfälle kriegen könnten.

Zur Nacktheit: Warum geht es denn nicht ohne?

Hesse: Die barbusige Gestalt mit den weissen Flügeln schwebt über Bauarbeitern, die sich vorher zu Tode gearbeitet haben, während ein Mann wütend und verzweifelt gegen den Todesengel ankämpft. Die Assoziation, die ich wecken möchte, ist jene auf den Angelus Novus des deutschen Philosophen Walter Benjamin. Er repräsentiert die dunkle Welt. Die Engelfigur erhält durch ihre Nacktheit und die Maske eine gewisse Fremdheit. Ich hoffe, dass jeder einigermassen sensible Mensch dabei nicht an Sexualität denkt. Als Vorbild für andere Szenen diente der französische Künstler Auguste Rodin, dessen Studien Körper zeigen, die von starker Anstrengung gezeichnet sind. Ich erkläre das so ausführlich, weil das von der abendländischen Kultur geprägte Bilder sind. Das sind doch keine wohlfeilen pornografischen Sachen, mit denen ich meine Inszenierungen zu würzen versuche.

Auch wer Rodin nicht kennt, versteht das?

Hesse: In Florenz fotografieren Hunderttausende Touristen den nackten David von Michelangelo. Körperstudien gehören zur Antike und wurden in der Renaissance wieder intensiv aufgenommen. Das ist abendländische Kultur. Wer in diesem Kontext lebt, kann das ganz selbstverständlich verarbeiten.

Sie haben urschweizerische Theater wie die Tellspiele und das Volkstheater Einsiedeln inszeniert. Was sind für Sie schweizerische Grundwerte?

Hesse: Ich habe lange in der Schweiz gelebt, meine Frau und meine Kinder sind Schweizer, meine ganze Lebensgeschichte ist von Schweizerischem geprägt. So sehr der Gotthardtunnel eine grosse politisch-ökonomisch-technische Leistung ist, auf welche die Schweiz stolz sein kann, kann ich nicht anders als daran erinnern, dass an diesem Werk unzählige Ausländer mitgearbeitet haben. Ich liebe die alpenländische Kultur. Aber ich bin auch ein Mensch, der auf eine Internationalität hin lebt und weiss, dass viele Probleme national nicht mehr lösbar sind. Darum finde ich es unerträglich, wie diese Aargauer Politikerin ein Ereignis wie die Gotthard-Eröffnung als ausschliesslich nationales Ereignis sehen will. Der Hass gegen Fremdes und gegen Internationales, der aus Abstimmungen wie derjenigen über die Ausschaffungsinitiative spricht, ist schon verstörend.

In der Schweiz dienen Abstimmungen als Ventil, die politischen Mechanismen verhindern aber extreme Umsetzungen. Funktioniert dieser Ausgleich noch?

Hesse: Wenn Ängste und Ressentiments vorhanden sind, nimmt man die sicher besser in öffentlichen Auseinandersetzungen auf, als es brodeln zu lassen. In etlichen europäischen Ländern, die keine solchen Abstimmungen kennen, ist die Situation vielleicht gefährlicher als in der Schweiz. Aber ich bedaure, dass so viel Hass vorhanden scheint. In einem Leserbrief wurde beklagt, dass ich als Deutscher dieses Eröffnungsspiel inszeniert habe und die Schweizer Fahne dabei nicht sichtbar geworden sei. Ich kann nichts anderes tun, als mich als Künstler immer wieder mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. In Düsseldorf bringe ich derzeit Bertolt Brechts Stück «Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui» auf die Bühne, das den Aufstieg eines faschistischen Führers nach einer Wirtschaftskrise beschreibt. Ich habe das so inszeniert, dass Pegida und die deutschen Rechtsextremen sehr deutlich angesprochen werden.

Und hat die Kontroverse Folgen für Ihr Schaffen in der Schweiz?

Hesse: Ich sollte in den nächsten Jahren wohl mehr Themen über den spanisch-arabischen Raum bearbeiten, zum Beispiel Leon Feuchtwangers «Die Jüdin von Toledo». Es gibt verschiedene Zeugnisse über jene grandiose Phase, in welcher die christliche, jüdische und arabische Kultur sehr fruchtbar zusammen gewirkt haben und grossartige Leistungen des Abendlandes hervorbrachten. Wir verarmen, wenn wir solche Dinge nicht mehr wahrnehmen wollen.