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GOTTHARD: Kürzere Reise, weniger Güter

Je schneller die Personen durch den Neat- Tunnel in den Süden brausen, desto weniger Platz bleibt für die Güter. Politik und Nachfrage bestimmen, ob sich dieser Konflikt zuspitzt.
Archivbild: Testbetrieb im Gotthard-Basistunnel in Erstfeld. Am 1. Juni wird die Neat offiziell eröffnet. (Bild: Christian Beutler / Keystone)

Archivbild: Testbetrieb im Gotthard-Basistunnel in Erstfeld. Am 1. Juni wird die Neat offiziell eröffnet. (Bild: Christian Beutler / Keystone)

Hanspeter Guggenbühl

Auf einem Schienenstrang können sich die Züge im Zweiminutentakt folgen. Das ergäbe 30 Züge pro Stunde und Richtung – zumindest theoretisch. Die Theorie setzt voraus, dass alle Züge im gleichen Tempo fahren. Die Praxis aber ist anders: Personenzüge verkehren in der Schweiz mit bis zu 200 km/h. Güterzüge hingegen bummeln mit 80 bis 100 km/h durchs Land. Damit die Personenzüge überholen können, müssen Güterzüge immer mal wieder auf Abstellgleise ausweichen oder werden – wie etwa zwischen Olten und Bern – auf langsamere Routen umgeleitet.

Personen- contra Güterverkehr

Dieses Problem akzentuiert sich bei der Neat. Theoretisch können die Personenzüge mit 250 km/h durch den neuen Gotthard-Basistunnel rasen; ihre Fahrzeit durch die 57 Kilometer lange Röhre betrüge damit nur 14 Minuten. Doch weil es in diesem längsten Eisenbahntunnel der Welt kein Abstellgleis gibt, bliebe wenig Platz für Güter. Denn die Güterzüge mit Tempo 100 benötigen für die Tunneldurchfahrt 34 Minuten.

Daraus lässt sich eine einfache Regel ableiten: Je grösser die Differenz der Geschwindigkeit auf einer Bahnstrecke ist, desto weniger Züge können darauf fahren und desto kleiner ist deren Kapazität. Zwischen dem Wunsch, die Reisenden möglichst schnell durch die Alpen ins Tessin oder nach Mailand zu transportieren, und dem politischen Ziel, möglichst viele Güter von der Strasse auf die Schiene zu verlagern, besteht also ein Konflikt.

Das Fahrplan-Konzept der SBB

Um diesen Konflikt zu entschärfen, planen die SBB für die Gotthard-Basislinie folgendes Fahrplan- und Betriebskonzept:

  • Angebot: Ab Ende 2016, wenn der Gotthard-Basistunnel in Betrieb geht, verkehren auf dieser neuen Linie pro Stunde und Richtung zwei Personen- plus vier Güterzüge. Ab Ende 2020, wenn zusätzlich der Ceneri-Basistunnel aufgeht und alle Zufahrtslinien auf 4 Meter Eckhöhe (4-Meter-Korridor) ausgebaut sind, wird die Zahl der Güterzüge auf sechs pro Stunde und Richtung erhöht. Auf der Bergstrecke über Göschenen– Airolo bleibt pro Stunde weiterhin ein Interregio-Zug.

  • Tempo: Die beiden Personenzüge – ein Intercity pro Stunde ins Tessin und ein Euro-City nach Mailand – fahren im Gotthard-Basistunnel mit 200 km/h; sie benötigen damit 3bis 4Minuten mehr Zeit als beim250-km/h- Tempo. Die Güterzüge fahren mit 100 km/h. Noch langsamere Güterzüge werden auf die Zeit zwischen 24 und 6 Uhr verbannt, wenn der Personenverkehr ruht.

  • Betrieb: Die Güterzüge halten vor dem Tunnelportal auf einem Abstellgleis und lassen sich vom jede halbe Stunde folgenden Personenzug überholen. Dann beschleunigen sie aus dem Stand auf 100 km/h und fahren mit wachsendem Abstand dem Personenzug nach, während von hinten der nächste Personenzug mit sinkendem Abstand folgt.

Dieses Betriebskonzept soll bei störungsfreiem Betrieb just aufgehen. Je nach Nachfrage lassen sich an Sonn- und Feiertagen zusätzliche Personen- und nachts zusätzliche Güterzüge durch den Gotthard leiten. Die SBB halten dazu auf Anfrage fest: «Die Kapazität im Güterverkehr wird sich pro Tag schrittweise von heute 180 auf 210 Trassees Ende 2016 und auf 260 Trassees Ende 2020 erhöhen. Das entspricht insgesamt einer Kapazitätszunahme von 44 Prozent.»

Politische Vorgaben

«Mit der Neat kann der überwiegende Teil des Gütertransitverkehrs von der Strasse auf die Schiene verlagert werden», versprach der Bundesrat vor der Neat-Abstimmung im Jahr 1992. Die 1994 vom Volk angenommene Alpeninitiative verlangt ab 2004 eine hundertprozentige Verlagerung des alpenquerenden «Gütertransits von Grenze zu Grenze» auf die Schiene. Das daraus folgende Güterverkehrsverlagerungsgesetz begrenzt die Zahl aller Fahrten von Lastwagen, welche die Schweizer Alpen durchqueren, ab 2018 auf 650 000 pro Jahr (heute sind es rund eine Million Lastwagenfahrten).

Theoretisch reicht die Kapazität von 260 Zügen (Trassees) pro Tag und Richtung, um alle Güter, die heute durch die Schweizer Alpen transportiert werden, mit der Bahn zu befördern. Ob aber die Neat langfristig hält, was die politischen Ankündigungen und Vorschriften versprechen, ist ungewiss. Denn erstens fehlt ein politisches Instrument wie etwa eine Kontingentierung mittels Alpentransitbörse, um den Gütertransport auf der Strasse verbindlich zu begrenzen. Zweitens lässt sich schwer vorhersagen, wie sich die Nachfrage entwickeln wird.

Tempo der Personenzüge drosseln

Eine Zunahme des Güterverkehrs durch die Schweizer Alpen ist dann zu erwarten, wenn die seit Jahren stagnierende Wirtschaft in Italien wieder wächst. Oder wenn die Meerhäfen in Italien besser ans italienische Bahnnetz angeschlossen werden. Oder wenn die italienische Regierung eine Verkehrswende vollzieht und den Gütertransport auf der Schiene wieder stärker fördert. Oder wenn die Transportintensität der Wirtschaft im Norden und im Süden zunimmt, also wenn pro Einheit Bruttoinlandprodukt mehr Güter hin und her befördert werden. Oder wenn die höhere Produktivität der Neat dazu führt, dass ein Teil der Güter von den Transitrouten in Frankreich und Österreich in die Schweiz verlagert wird.

Treffen einige oder alle diese Faktoren ein, verschärft sich der Konflikt zwischen Personen- und Güterverkehr. Um mehr Güterzüge durch den Gotthard-Basistunnel leiten zu können, müssten die SBB das Tempo der Personenzüge drosseln, was zu verschmerzen wäre. Hierzu ein Beispiel: Wenn Personenzüge statt mit 200 km/h nur mit 160 km/h durch die 57 Kilometer lange Röhre fahren und Platz für zwei zusätzliche Güterzüge pro Stunde schaffen, verlängert sich die Reisezeit von Zürich oder Luzern nach Mailand um 4 Minuten. Zum Vergleich: Der Reisezeitgewinn, den der Neat- und der Ceneri-Basistunnel ab Ende 2020 bringen, beträgt gegenüber heute 1 Stunde.

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