GOTTHARD-STRASSENTUNNEL: Tessin bei Gotthard-Debatte uneinig wie selten

Die Debatte um eine zweite Gotthard-Röhre spaltet im Tessin Parteien, Regionen und sorgt selbst in der Kantonsregierung für ein uneinheitliches Bild. Diskutiert wird über die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der jeweiligen Sanierungsvarianten und die drohende Isolation vom Rest der Schweiz.

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Stau in Airolo auf der Autobahn Richtung Gotthard. Auch auf der Südseite des 16 Kilometer langen Tunnels wird hitzig über die zweite Röhre debattiert. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Stau in Airolo auf der Autobahn Richtung Gotthard. Auch auf der Südseite des 16 Kilometer langen Tunnels wird hitzig über die zweite Röhre debattiert. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Für die Tessiner Kantonsregierung, in der zwei Lega-Vertreter sitzen, steht vor allem der nationale Zusammenhalt auf dem Spiel, wie sie bereits bei einem offiziellen Medienanlass im November bekräftigte. Der Bau eines Sanierungstunnels wird nicht zuletzt wegen der verbesserten Sicherheit vom Staatsrat als langfristig sinnvolle Lösung angesehen.

Widerspruch kommt in der Kantonsregierung nur vom SP-Politiker Manuele Bertoli: Er forderte, dass zunächst die Kapazität von Alptransit voll ausgeschöpft werden sollten bevor Milliarden in einen Tunnel-Neubau investiert würden.

Politisches Tessin fragmentiert

Das emotionale Thema der zweiten Gotthard-Röhre führt im Tessin zu einer besonderen Konstellation. Die Fronten des «Ja»- und «Nein»-Lagers verlaufen nicht entlang der Parteigrenzen: Zwar kommt aus den Reihen der SP und der Grünen der grösste Widerstand, allerdings mobilisieren im Südtessin seit einigen Monaten auch die bürgerlichen Gemeindepräsidenten von der FDP, der CVP und der Lega gegen den Bau eines Sanierungstunnels. Sie fürchten, dass das Verkehrsaufkommen im bereits jetzt Stau geplagten Mendrisiotto noch weiter zunehmen könnte.

Umgekehrt gibt es auch in der Tessiner SP Stimmen, die auf die schlechte Sicherheitssituation im jetzigen Tunnel hinweisen und die Region der Leventina bei einer langfristigen Schliessung vor dem wirtschaftlichen Kollaps sehen.

Tourismus und Exportwirtschaft setzen auf zweite Röhre

Die kantonale Tourismusorganisation «Ticino Turismo» befürchtet, dass eine vorübergehende Isolierung des Tessins, grosse Einbussen im Hotel- und Gastronomiegewerbe verursachen wird. Die Mindereinnahmen könnten jährlich 4 bis 7 Millionen Franken betragen, wie Ticino Turismo auf Anfrage mitteilte.

Diese kalkulierten Verluste könnten auch auf bestehende Gewohnheiten zurückzuführen sein: 70 Prozent der Gäste im Tessin reisen laut Ticino Turismo mit dem eigenen Fahrzeug an - dazu zählen in erster Linie Gäste aus der Restschweiz und Deutschland, die im Jahr 2014 für 70 Prozent aller Übernachtungen sorgten. Der Tourismus im Tessin biete rund 22?000 Menschen eine Arbeit und entspreche 10 Prozent des kantonalen Wirtschaftsaufkommens.

Konsequenzen auch für die Zentralschweiz

2000 Arbeitsplätze sind laut der Tessiner Wirtschaftskammer im Südkanton bedroht, falls kein Sanierungstunnel gebaut würde, teilte diese auf Anfrage mit. Sie hatte zuvor 515 Unternehmen im Tessin befragt.

Gemäss der Wirtschaftskammer könnten die Tessiner Unternehmen in erster Linie durch steigende Transportpreise belastet werden. Konsequenzen seien auch für Zulieferer aus der Zentralschweiz zu erwarten - sie könnten durch italienische Unternehmen ersetzt werden, die auf keinen Verladebahnhof angewiesen seien, um ihre Ware auszuliefern.

sda