GOTTHARD: Zweite Röhre spaltet das Tessin

Der Kanton Tessin unterstützt offiziell den Bau eines zweiten Gotthard-Strassentunnels. Doch nicht alle Tessiner sind von der Idee begeistert.

Drucken
Teilen
Stau in Airolo auf der Autobahn Richtung Gotthard. Auch auf der Südseite des 16 Kilometer langen Tunnels wird hitzig über die zweite Röhre debattiert. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Stau in Airolo auf der Autobahn Richtung Gotthard. Auch auf der Südseite des 16 Kilometer langen Tunnels wird hitzig über die zweite Röhre debattiert. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Gerhard Lob

Wenn am 28. Februar über die Sanierung des 1980 eröffneten Gotthard-Strassentunnels mitsamt Bau einer zweiten Röhre entschieden wird, ist das Tessin ganz direkt betroffen. Der Gotthardtunnel stellt die zentrale Strassenanbindung des Südkantons in die deutsche Schweiz dar; das Südportal des Tunnels befindet sich in Airolo. Im Falle einer Annahme der Vorlage wird sich das Dorf in der oberen Leventina auf langjährige Bauarbeiten einstellen müssen. Im Falle einer Ablehnung der Vorlage muss Raum für alternative Lösungen für den Verlad von Personenwagen und Lastwagen während der Sanierungsphase des bestehenden Gotthard-Strassentunnels gefunden werden.

Die Tessiner Kantonsregierung unterstützt mit Überzeugung den Vorschlag von Bundesrat und Parlament, zuerst eine zweite Röhre zu bauen, um danach den bestehenden Gotthard-Strassentunnel zu sanieren. «Nur so kann der Kanton auch während der fast dreijährigen Vollschliessung auf eine verlässliche Strassenverbindung mit dem Rest des Landes zählen und die Sicherheit im Tunnel verbessert werden», erklärte der Staatsrat im November.

Belächelte Idee setzt sich durch

Der Druck aus dem Kanton Tessin für eine zweite Röhre kommt nicht zufällig. Denn gerade die Lega, die mittlerweile in der Regierung die relative Mehrheit stellt, weibelt seit Ewigkeiten für eine zweite Röhre. Interessanterweise war es aber FDP-Nationalrat Fabio Abate, der schon 2004 in einer Anfrage wissen wollte, ob es trotz des Alpenschutzes in der Verfassung denkbar wäre, für den Strassentunnel am Gotthard eine zweite Röhre zu bauen, wenn beide Röhren nur eine Fahrspur hätten.

Diese anfänglich belächelte Idee hat sich mittlerweile beim Bundesrat und bei der Mehrheit des Parlaments durchgesetzt. Insbesondere gelang es dem Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi, dessen Vater den Gotthard-Strassentunnel gebaut hat, seine Parteifreundin, Bundesrätin Doris Leuthard, von dieser Sanierungsvariante zu überzeugen und somit einen Paradigmenwechsel einzuläuten. Vorgänger Moritz Leuenberger (SP) widersetzte sich stets der Idee einer zweiten Röhre. Er hält eine zweite Röhre – auch im Einspurbetrieb mit Pannenstreifen – für verfassungswidrig.

«Desaster» für Chiasso

Im Tessin denken Umweltschützer und die meisten Linken wie Leuenberger. Doch auch im bürgerlichen Lager gibt es grosse Vorbehalte. «Die zweite Röhre bedeutet ein Desaster für uns», sagt beispielsweise Moreno Colombo, FDP-Stadtpräsident von Chiasso. Im Südzipfel des Tessins glaubt man, dass die Verkehrsbelastung am Grenzgebiet zu Italien mit einem zweiten Strassentunnel zunehmen wird. Der flüssigere Verkehr am Gotthard werde den Flaschenhals in Chiasso zusätzlich belasten.

Der Glaubenskrieg um den Gotthard verläuft quer durch die klassischen politischen Fronten. So hat sich neben den Bürgerlichen gegen die zweite Röhre auch ein linkes Pro-Komitee gebildet. Gegründet wurde es vom ehemaligen Unia-Gewerkschaftssekretär Renzo Ambrosetti. Seine Medienkonferenz hielt das Komitee just in Biasca ab, wo eine Verladestation für LKW entstehen könnte, wenn das Volk den Bau des Sanierungstunnels ablehnt. «Diese Variante wäre ein Desaster für Firmen, die nach Norden exportieren müssen», so Ambrosetti, der damit – für einmal – gleich argumentiert wie die grossen Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände.

59 Prozent rechnen mit vier Spuren

Eine repräsentative Umfrage des Instituts Link zeigt: 59 Prozent der befragten Deutschschweizer sind überzeugt, dass bei einem zweiten Gotthardtunnel alle vier Spuren genutzt werden würden. Zudem wollen 67 Prozent der Befragten am Verlagerungsziel von maximal 650 000 alpenquerenden Lastwagen jährlich festhalten. Im Tessin wollen 80,2 Prozent der Befragten nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels im Juni 2016 das Verlagerungsziel erreichen.

Leuthard spricht in Sempach

Podiumkä. Am Montag findet in der Festhalle Sempach eine Debatte über die Abstimmung zur zweiten Gotthardröhre statt. Türöffnung ist um 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Organisiert wird der Anlass von der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Gesellschaft (AWG) des Kantons Luzern zusammen mit vier Wirtschaftsverbänden.

Zum Auftakt hält Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP) ein Referat. Die Sicht der Luzerner Regierung wird Robert Küng (FDP) erläutern, bevor Gaudenz Zemp vom Luzerner Gewerbeverband Pro-Argumente vertreten wird. Dann wird der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber seine Gründe für ein Nein darlegen.

Diskussion mit nationalen Playern

Abgerundet wird der Anlass mit einem Podium. Auf der Pro-Seite stehen der Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi sowie der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart. Die gegnerische Haltung vertreten der Urner SP-Regierungsrat Markus Züst und Regula Rytz, Berner Nationalrätin und Co-Präsidentin der Grünen. Moderiert wird das Podium von Kari Kälin, Leiter Inland der «Neuen Luzerner Zeitung».