GREENPEACE: «Der Fall Marco Weber geht mir nahe»

In Russland wird einem Schweizer Umweltaktivisten der Prozess gemacht: Greenpeace-Schweiz-Präsidentin Cécile Bühlmann zum Fall Marco Weber und der Busse für den FC Basel.

Interview Daniel Schriber
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Greenpeace-Aktivist Marco Weber bei einem Gerichtshearing in Murmansk. (Bild: EPA)

Greenpeace-Aktivist Marco Weber bei einem Gerichtshearing in Murmansk. (Bild: EPA)

Cécile Bühlmann, der Schweizer Greenpeace-Aktivist Marco Weber (28) sitzt seit bald einem Monat in einem russischen Gefängnis. Wie sehr beschäftigt Sie das persönlich?

Bühlmann: Dieser Fall geht mir als Verantwortliche von Greenpeace Schweiz extrem nahe und beschäftigt mich sehr intensiv. Das eine Bild, das Marco Weber mit Handschellen in diesem russischen Käfig zeigt, ist mir sehr eingefahren.

Machen Sie sich Sorgen um ihn?

Bühlmann: Die Unberechenbarkeit der ganzen Angelegenheit bereitet mir Sorgen. Wir wissen nicht, wie Russland weiter vorgehen wird, haben keine Ahnung, ob der internationale Druck genug bewirken wird.

Stehen Sie in Kontakt mit Weber?

Bühlmann: Ein Brief von unserem Stiftungsrat an Marco ist derzeit unterwegs nach Russland. Auch seinem Vater habe ich geschrieben.

Was steht in dem Schreiben an den inhaftierten Aktivisten?

Bühlmann: Dass wir stolz sind auf ihn. Was Marco getan hat, war sehr mutig.

Mutig. Oder doch eher leichtsinnig?

Bühlmann: Marco Weber und die anderen Arktisschützerinnen und Arktisschützer aus insgesamt 18 Ländern haben sich nicht einfach blauäugig in die Arktis begeben, um mal eben das Unternehmen Gazprom von Arktis-Ölbohrungen abzuhalten. Die Aktion war gut geplant und typisch für Greenpeace.

Trotzdem: Wer sich auf eine solche Art mit Russland anlegt, muss doch mit solchen Konsequenzen rechnen?

Bühlmann: Die Aktivisten wussten, dass es sich um eine riskante Aktion handelt – unklar war nur die Grösse dieses Risikos. Solche Aktionen gehören letztendlich zur Philosophie von Greenpeace.

Wie meinen Sie das?

Bühlmann: Die Organisation lebt von Leuten wie Marco Weber, die bereit sind, freiwillig hinzustehen und mit friedlichen Mitteln für eine bessere Umwelt zu kämpfen und dabei auch Risiken einzugehen.

Inwieweit unterstützt Greenpeace die Aktivisten bei solchen Aktionen?

Bühlmann: Die Aktivisten erhalten unseren Support, etwa bei inhaltlichen und kommunikativen Fragen. Greenpeace international ist im Moment in Russland und unterstützt die inhaftierten Aktivisten nach all ihren Möglichkeiten.

Der Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter nimmt öffentlich keine Stellung zu dem Fall. Enttäuscht Sie das?

Bühlmann: Natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn auch die Schweiz offensiver auftreten würde.

Aber?

Bühlmann: Ich weiss, dass das Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten aktiv ist und sich unter anderem dafür einsetzt, dass die Haftbedingungen für Marco Weber besser werden. Bei Greenpeace sind wir froh um jeden diplomatischen Sukkurs.

Wenn nach einer Aktion wie jener in der Arktis 28 Aktivisten ins Gefängnis gesteckt werden: Fühlt man sich da als Präsidentin von Greenpeace Schweiz mitverantwortlich?

Bühlmann: Wie gesagt, die Aktivisten sind sich der Gefahren bewusst. Wenn Greenpeace-Aktivisten eine Ölplattform besetzen, so tun sie dies nicht für sich selber, aber auch nicht für Greenpeace. Sie tun es einzig und allein für ihr Anliegen, die Menschen auf Missstände im Umgang mit unserer Umwelt aufmerksam zu machen.

Sind bei der Aktion Fehler passiert?

Bühlmann: Das wird Greenpeace gründlich analysieren. Dann wird sich nicht nur zeigen, ob allenfalls Fehler passiert sind, sondern auch, ob sich der ganze Aufwand im Verhältnis zum Erreichten gelohnt hat.

Wann hats sich gelohnt?

Bühlmann: Dank unseren Schiffen sind wir die einzige grosse Umweltorganisation, die überhaupt fähig ist, an solch entlegene Orte zu kommen, um dort Zeugnis von der Umweltzerstörung abzulegen. Dank Greenpeace ist es gelungen, auf die Gefahren von Ölbohrungen in diesem heiklen Ökosystem aufmerksam zu machen.

Hätte man nicht auch sanfter auf die Missstände hinweisen können?

Bühlmann: Nein! Um unsere Ziele zu erreichen, können wir es nicht allen recht machen. Greenpeace stört, das ist Teil des Konzepts.

Anfang des Monats kletterten Greenpeace-Leute mit einem riesigen «Gazprom»-Transparent vom Dach des St.-Jakob-Parks, um auf die Missstände in der Arktis aufmerksam zu machen. Das kam nicht überall gut an.

Bühlmann: Ich kann verstehen, wenn sich Fussballfans über diese Aktion ärgern und das tut mir auch leid. Die Aktion ging nicht gegen die Fans und auch nicht gegen den FC Basel. Wir haben bei Greenpeace viele FCB-Fans (schmunzelt).

Kritiker werfen Ihnen vor, den Sport für die Politik zu missbrauchen.

Bühlmann: Wer glaubt, Sport sei unpolitisch, ist naiv. Warum gab es die Aktion in Basel? Weil der Ölkonzern Gazprom als Sponsor der Champions League sowie von Basels Gegner Schalke 04 jedes Jahr viele Millionen Euro in den Fussball buttert. Die Firma investiert in den Sport, um in Europa ein positives Image aufzubauen. Das ist politisch!

Die Uefa hat dem FC Basel eine Busse von 30 000 Euro auferlegt. Der Verein will sich allfällige Schritte gegen Dritte vorbehalten. Was, wenn der FCB das Geld bei Greenpeace einfordern will?

Bühlmann: Greenpeace findet den Entscheid der Uefa ungerechtfertigt und bedauert die damit verbundenen Konsequenzen für den FC Basel. Unsere Organisation wird nun das Gespräch suchen mit dem FC Basel. Mehr kann ich ihnen zum Thema nicht sagen.

Hinweis

Cécile Bühlmann (64) war von 1991 bis 2005 Nationalrätin der Grünen. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Ausserdem ist sie Geschäftsleiterin des cfd, einer feministischen Friedensorganisation. Bühlmann lebt in Luzern.