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Kommentar

Greta Thunberg ist der neue Ausländer

Die Klima-Aktivistin Greta Thunberg gilt als neues Feindbild der Wutbürger. Eine Analyse.
Pascal Ritter
Greta Thunberg: Wutbürger mögen sie nicht. (Bild: Keystone)

Greta Thunberg: Wutbürger mögen sie nicht. (Bild: Keystone)

Am Sonntagmorgen um 5.06 Uhr löste Rolf Knie einen alten Mechanismus aus. Allerdings mit einem neuen Hebel. In einem Facebook-Beitrag verkündete der 70-jährige Kunstmaler, er schenke der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg einen Pinsel. Und er schob den Kalauer nach, es handle sich dabei nicht um einen Einfaltspinsel. Zum Schluss seines Beitrages beleidigte er die Schülerin noch als «Greta Dummberg».

Die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin reagierte am Montagmorgen. Die Aktivistin, die sich gegen Online-Hass engagiert, machte ihre Gefolgschaft auf Knies Zeilen aufmerksam. «Ich finde, das solltet ihr wissen», schrieb sie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Dann ging es los. Spiess-Hegglins Hinweis auf Knie wurde weiterverbreitet und mit kritisch bis abfälligen Kommentaren versehen. Komiker Viktor Giacobbo beurteilte Rolf Knies Beitrag als «peinlich, dumm und dazu noch selbstverliebt» und beeilte sich klarzustellen, dass der Maler mit dem Zirkus Knie, in dem Giacobbo auftritt, nichts zu tun hat. Die Autorin Sibylle Berg ätzte: «Man meint ihn seinen Brei spucken zu sehen beim erregten Verfassen.»

Aufgrund von Spiess-Hegglins Tweet berichteten erste Newsportale über die vorher nur in den sozialen Medien geführte Debatte. Darunter auch CH Media, welche diese Zeitung herausgibt. In den Kommentarspalten ging die Debatte weiter. Es gab vor allem Angriffe gegen Künstler Knie («Oje, dass er das nötig hat!») und Appelle zur Meinungsfreiheit («Endlich gibt es einmal einen Künstler, der nicht gleicher Meinung ist»).

Die Artikel wurden sehr oft angeklickt, gelesen und weiterverbreitet. Das Beispiel Knie zeigt: Greta ist dabei, die Ausländer als Aufreger-Thema Nummer eins und Feindbild abzulösen. Waren es lange Flüchtlingszahlen oder Straftaten von Menschen mit tatsächlichem oder nur behauptetem Migrationshintergrund, die zum Schlagabtausch zwischen links und rechts führten, ist es heute die schwedische Teenagerin. Ihre unverblümte Art, im Alter von 16 Jahren den Erwachsenen die Welt zu erklären, treibt nicht nur Rolf Knie zur Weissglut. Die sozialen Medien sind voller Hass-Kommentare und Gewaltfantasien gegen Greta Thunberg. Und dies ruft wiederum Thunbergs Verteidiger auf den Plan.

Dass das Thema Klima so heiss diskutiert wird, ist neu, die Reflexe sind alt. Die Debatten laufen meist nach einem ähnlichen Schema ab. Zuerst äussert sich Thunberg über die traditionellen oder die sozialen Medien. Dann wird sie – oft auf unterstem Niveau – angegriffen. Die Greta-Fans gehen darauf gegen die Angreifer vor und denunzieren sie zum Beispiel als Klimawandelleugner oder schelten sie für die Art, wie sie mit einem Kind umgehen. Es klingt ähnlich, wie wenn rechte Politiker als Rassisten angeprangert oder für ihre harte Linie gegen Flüchtlinge kritisiert werden. Als Reaktion darauf beklagen sich die Greta-Gegner jeweils über angeblich fehlende Meinungsfreiheit. Nach dem Motto: «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!».

Und es gibt noch mehr Parallelen zwischen der Ausländer- und der Greta-Debatte: Bei der Migration hiess es stets, die Parteien links der SVP hätten das Thema lieber gemieden statt darüber zu diskutieren. Heute heisst es das Gleiche über die SVP und das Klima. Statt eigene Umwelt-Positionen zu propagieren, hoffte so mancher Parteigänger lange noch, dass vielleicht die Flüchtlinge oder wenigstens die EU und das Rahmenabkommen doch noch zum Wahlkampfschlager würden. Es kam anders.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen der Ausländer- und der Klimadebatte. Während die Migration 2015 viele SVP-Wähler an die Urnen lockte, mobilisiert Greta 2019 ihre Fans deutlich stärker als ihre Gegner.

Und Rolf Knie? Er verbreitete als Reaktion auf die Empörungswelle auf Facebook einen Videokommentar des deutschen AfD-Politikers Jörg Meuthen, der bei Greta Thunberg von «politischem Kindsmissbrauch» spricht. Es wird sich zeigen, ob er damit den Mechanismus noch einmal auslöst. Bereits sind erste Boykottaufrufe gegen ihn im Umlauf.

Update: Rolf Knie verteidigt «Greta Dummberg»-Post – und spricht von «satirischem Beitrag»

Am Dienstag versuchte Rolf Knie, die Interpretationshoheit über sein Posting zurückzugewinnen. «Ich habe das gemacht, was im deutschsprachigen Raum schon fast jeder Komiker und Kabarettist gemacht hat – ich habe einen satirischen Beitrag gepostet», schreibt er in einem neuen Posting.

Mehr dazu finden Sie hier.

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