GROSSRAUBTIERE: Initiative spaltet Naturschützer

Ein Genfer Tierschützer will Bär, Wolf und Luchs vor dem Abschuss retten. WWF und Pro Natura lehnen die Initiative ab. Jetzt gehen die Wogen hoch.

Kari Kälin
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Umweltorganisationen streiten sich darüber, wie die Grossraubtiere in der Schweiz am besten geschützt werden können. Im Bild: ein junger Luchs. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Umweltorganisationen streiten sich darüber, wie die Grossraubtiere in der Schweiz am besten geschützt werden können. Im Bild: ein junger Luchs. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Er riss Schafe, drang in ein Schulareal ein und plünderte Bienenstöcke. Sämtliche Vergrämungsversuche hielten Braunbär M13 nicht davon ab, immer wieder durch Siedlungen im Puschlav zu streifen. Der Bär im Kanton Graubünden kam dem Menschen so nahe, dass ihn die Behörden zum Abschuss freigaben. Am 19. Februar dieses Jahres wurde M13 von einem Wildhüter erlegt.

Rund 70 000 Unterschriften

Geht es nach Jean Barth (68), Präsident von Pro Fauna, darf solches nie mehr passieren. Im letzten Jahr hat der Tierschützer aus Genf die Volksinitiative «Für den Schutz der Grossraubtiere» lanciert, welche die Tötung von Bär, Wolf und Luchs verbietet. Am 19. Dezember läuft die Sammelfrist ab. Derzeit haben die Initianten rund 65 000 bis 70 000 Unterschriften beisammen, wie Barth schätzt. Unterstützt wird Pro Fauna von einigen kleinen Organisationen. Ohne Support von grösseren Akteuren dürfte es allerdings schwierig werden, das Sammelziel zu erreichen – zumal die Initiative in der Deutschschweiz kaum bekannt sei, wie Barth sagt.

Ein bisschen Hilfe erhoffte sich Barth von WWF Schweiz und Pro Natura – allerdings vergeblich. Die bekannten Naturschutzorganisationen, die zusammen mehr als 300 000 Mitglieder zählen, lehnten es ab, in ihren Magazinen den Unterschriftenbogen für die Grossraubtierschutz-Initiative beizulegen. Damit nicht genug. Der WWF verweigerte es Pro Fauna sogar, in der nächsten Ausgabe des «WWF-Magazins» – sie erscheint im September – ein halbseitiges Inserat für immerhin 6500 Franken mit Werbung für die Initiative abzudrucken, wie die Zeitung «Le Matin Dimanche» neulich berichtete. Das «WWF-Magazin» hat eine Auflage von 188 000 Exemplaren und zählt 305 000 Leser. Barth ist überzeugt, dass das Inserat eine fünfstellige Anzahl Unterschriften bescheren würde – womit das Ziel sehr nahe rücken würde. «Das ist Zensur», ärgert sich Barth. Dass sich WWF und Pro Natura nicht hinter die Initiative stellen, erstaunt Barth indes nicht. Denn beide Organisationen nehmen in Sachen Grossraubtierpolitik regelmässig an Gesprächen teil, bei denen sie mit den Jägern und Schafzüchtern unter der Leitung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) an einem Tisch sitzen. «Sie bevorzugen den Konsens, anstatt sich bedingungslos für die Tiere einzusetzen», kritisiert Barth.

WWF: «Das ist Unsinn»

Vertreten also WWF und Pro Natura gar nicht wirklich die Anliegen des Naturschutzes, haben sie sich auf die Seite der «Mächtigen» geschlagen, wie ihnen Pro Fauna vorwirft? «Wer den WWF kennt, weiss, dass das Unsinn ist», sagt Fredi Lüthin, Leiter Abteilung Medien beim WWF Schweiz. Der WWF kämpfe seit Jahren für einen besseren Schutz der Grossraubtiere. «Wir sind aber äusserst skeptisch, ob sich dieses Ziel mit dieser Initiative erreichen lässt.» Der WWF befürchtet eine weitere Polarisierung der Diskussion. «Wir sind überzeugt, dass wir mehr für den Schutz der Grossraubtiere erreichen können, wenn wir mit den Akteuren tragfähige Lösungen suchen», sagt Lüthin. Ausserdem lege der WWF seinem Magazin nur Initiativbögen bei, wenn er das Volksbegehren mittragen könne. Das Gleiche gilt für Werbung.

Der Delegiertenrat von Pro Natura beschloss bereits im August 2012, die Unterschriftensammlung für den Schutz der Grossraubtiere nicht zu unterstützen. Die Initiative sei zu radikal und lasse keinen Handlungsspielraum für ausgewogene Lösungen, sagt Mirjam Ballmer, Projektleiterin Naturschutzpolitik bei Pro Natura. «Pro Natura ist überzeugt, dass uns der Dialog weiterbringt als Extrempositionen», sagt Ballmer.

Jagdinspektorat bewilligt Abschuss

Das Jagdinspektorat des Kantons Bern hat den Abschuss eines Luchses im Kandertal bewilligt. Dies, obwohl die Kriterien für den Abschuss nicht erfüllt sind. Der Luchs habe diesen Sommer sechs Schafe gerissen. Gemäss Konzept muss ein Luchs aber mindestens 15 Nutztiere im Umkreis von 5 Kilometern und innerhalb von 12 Monaten gerissen haben, damit er abgeschossen werden darf. Der Abschuss sei «unumgänglich», weil es nicht möglich sei, zumutbare Schutzmassnahmen umzusetzen. Derzeit ziehen um die 15 Wölfe und knapp 160 Luchse in der Schweiz umher.