Grüne wählen online: Wird Balthasar Glättli der erste digitale Parteipräsident der Schweiz?

Die Grünen führen ihre nächste Delegiertenversammlung am 20. Juni durch. Und zwar konsequent digital. Balthasar Glättli wird damit im Netz zum Nachfolger von Regula Rytz gewählt. 

Othmar von Matt
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Mit Balthasar Glättli wird ein Netzpolitiker zum ersten digitalen Präsident der Schweiz.

Mit Balthasar Glättli wird ein Netzpolitiker zum ersten digitalen Präsident der Schweiz.

Keystone

Die Grünen wagen das Experiment. Sie wählen als erste nationale Partei der Schweiz Balthasar Glättli live im Netz zum neuen Präsidenten. Da darf nichts schief gehen bei der digitalen Delegiertenversammlung.

Deshalb verschieben die Grünen auch den Termin der Delegiertenversammlung. Statt wie ursprünglich geplant am 30. Mai findet die Versammlung am 20. Juni statt. Sie ist komplett digital, weil noch immer ein Veranstaltungsverbot von mehr als fünf Personen gilt.

Der ursprüngliche Fahrplan war, das zeigte sich schnell, zu ambitioniert. «Es wäre ein bisschen peinlich, wenn wir an technischen Problemen scheitern würden», sagt Glättli. «Statt zu zeigen, dass wir eine digitale Partei sind, die den Datenschutz sehr ernst nimmt.»

Drei Wochen mehr Zeit

Mit dem Termin unmittelbar nach der Sommersession des Parlaments erhalten die Grünen drei Wochen mehr Zeit, um in einem Testbetrieb technische Fragen zu klären.

Das Ziel der Übung: Die Grünen beweisen, wie affin sie digital sind – und küren den Präsidenten digital. Balthasar Glättli ist der einzige Kandidat. Er soll Regula Rytz ablösen. Sie war zwischen 2012 und 2020 Präsidentin, von 2012 bis 2016 im Co-Präsidium mit Adèle Thorens.

Zwar haben die Frauen der FDP Schweiz Anfang Mai Susanne Vincenz-Stauffacher an einer Online-Mitgliederversammlung gewählt. Doch die Mitglieder hatten bereits im Vorfeld abgestimmt.

Der prädestinierte Netz-Präsident

Glättli ist prädestiniert dafür, erster im Netz gewählter Parteipräsident der Schweiz zu werden. Er hat sieben Jahre im IT-Bereich gearbeitet und profilierte sich in der Netzpolitik. Zum Beispiel beim Schutz der Bürgerrechte. 2014 stellte er für eine Visualisierung der Vorratsdatenspeicherung in der Schweiz seine Metadaten aus sechs Monaten Überwachung zur Verfügung.

Eine Delegiertenversammlung digital abzuhalten ist anspruchsvoll. Dafür genügt eine einfache Videokonferenz nicht. Die Delegierten müssen digital verifiziert und akkreditiert werden, es braucht ein Abstimmungstool, einen Chat für Organisatorisches - und die Delegierten müssen sich als Redner anmelden können.

Die deutschen Grünen als Vorbild

Die Schweizer Grünen orientieren sich dabei an den deutschen Grünen. Diese hielten Anfang Mai den ersten digitalen Parteitag Deutschlands ab. 105 Delegierte debattierten sechs Stunden lang in den unendlichen Weiten des digitalen Raums. Der Parteitag wurde live über Youtube gestreamt.

Ähnlich wie die Führungscrew der deutschen Grünen wird die Spitze der Schweizer Grünen real durch die digitale DV führen: mit Balthasar Glättli als neuem Präsident, Regula Rytz als amtierende Präsidentin und Generalsekretärin Regula Tschanz. Vermutlich an einem langen Tisch im Berner Generalsekretariat der Grünen, das zu einer Art Fernsehstudio umfunktioniert wird. Mit zwei Metern Abstand, wie es sich gehört.

Stabsübergabe bei den Grünen: Regula Rytz übergibt das Präsidium an Balthasar Glättli.

Stabsübergabe bei den Grünen: Regula Rytz übergibt das Präsidium an Balthasar Glättli.

Keystone

«Meine Idee wäre, dass wir eigens für diese Delegiertenversammlung eine eigene Webpage schaffen», sagt Glättli. Auf der linken Seite soll ein Youtube-Livestream zu sehen sein, rechts zwei Fenster. Das erste ist für Redner reserviert, das zweite für den Chat, über den Abstimmungen und Organisatorisches laufen.

Die Grünen schliessen selbst Zoom nicht aus

Die Videokonferenz selbst wollen die Grünen entweder über die Open-Source-Software Jitsi durchführen oder über das E-Learning-Tool BigBlueButton, das auch SP und Grünliberale für ihre Online-Delegiertenversammlungen in Erwägung ziehen.

Endgültig ausschliessen will Glättli allerdings selbst eine Lösung über Zoom nicht, obwohl das Tool in letzter Zeit stark in der Kritik stand. «Die Delegiertenversammlung war und bleibt eine öffentliche Veranstaltung», sagt er. «Sie soll live gestreamt werden – und wo alles öffentlich ist, ist die bei Zoom kritisierte fehlende End-zu-End Verschlüsselung kein Problem, ganz im Gegensatz zu vertraulichen Videokonferenzen.»

Für die Abstimmungen selbst engagieren die Grünen entweder einen externen Anbieter mit Erfahrungen bei Generalversammlungen. Oder sie suchen eine Lösung über die Umfragemöglichkeiten, die ihr internes Kommunikationstool Rocket.Chat bietet.

Deutsche Grüne: Fernsehshow mit technischen Problemen

Dass ein digitaler Parteitag eine Herausforderung ist, zeigte sich bei den deutschen Grünen. Er begann mit viel Tempo. Ein Clip führte vor, wie die Parteizentrale rasant in ein Fernsehstudio umgebaut wird. Die Grünen hatten digitale Lostöpfe (getrennt nach Frauen und Männern) bereitgestellt, aus denen Rednerinnen und Redner gezogen wurden, einen Chat für Organisatorisches und einen Chat fürs flauschen und diskutieren.

Dann trat Geschäftsleiter Michael Keller vor die Kamera. «Statt in Gesichter zu sehen, schau ich in eine Kamera», sagte er. «Statt gegen eine anbrandende Geräuschkulisse anzureden, ist völlige Ruhe im Saal.»

Mit Traktandum 1 - Wahl des Tagespräsidiums - begannen aber die Probleme. Technische Schwierigkeiten sorgten dafür, dass das Resultat der Abstimmung erst geschlagene sechs Minuten später verkündet werden konnte. In der digitalen Welt eine Ewigkeit.

Nach 5 Stunden 58 Minuten und 54 Sekunden war der Livestream beendet. Eine digitale Monsterveranstaltung. So lange, das ist klar, wird die Delegiertenversammlung der Schweizer Grünen definitiv nicht dauern.

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