GRUNDVERSORGUNG: Alain Berset: «Von allen Vorlagen hat diese am meisten Auswirkungen auf uns»

Die medizinische Grundversorgung soll in der Verfassung verankert werden. Gegner der Vorlage gibt es kaum.

Interview Eva Novak
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Bundesrat Alain Berset während eines Gesprächs in Bern. (Bild Nadia Schärli)

Bundesrat Alain Berset während eines Gesprächs in Bern. (Bild Nadia Schärli)

Bundesrat Alain Berset, als ich letzte Woche krank war, musste ich ohne Hausärztin auskommen. Sie war in den Ferien und hatte keine Vertretung gefunden. Wird das nach dem 18. Mai besser?

Alain Berset: Genau das ist das Problem: Es ist heute vielerorts schwierig, einen neuen Hausarzt zu finden, wenn der bisherige in Pension geht. Und für die Ärztinnen und Ärzte wird es immer schwieriger, eine Ferienvertretung zu organisieren. Damit alle Menschen in diesem Land weiterhin überall rasch und gut versorgt werden, brauchen wir unbedingt mehr Hausärzte, und diese müssen optimal mit den anderen Gesundheitsfachleuten zusammenarbeiten. Die enorme Bedeutung der medizinischen Grundversorgung wird bei einem Ja am 18. Mai erstmals in der Bundesverfassung anerkannt. Das erlaubt dem Bund und den Kantonen, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen.

Der Verfassungsartikel bringt keine zusätzlichen Allgemeinmediziner. Warum soll man trotzdem Ja stimmen?

Berset: Der Verfassungsartikel wirkt mittelfristig. Kurzfristig setzen Bundesrat, Kantone und die betroffenen Akteure den Masterplan Hausarztmedizin um, der diesen Bereich stärkt und dafür sorgt, dass mehr Allgemeinmediziner ausgebildet werden können. Wenn es am 18. Mai ein klares Signal zu Gunsten der Grundversorgung gibt, hilft das auch dem Masterplan.

Die meisten Medizinstudenten wollen aber lieber Spezialist werden, weil sie da mehr verdienen und weniger arbeiten müssen als ein Hausarzt.

Berset: Wirklich die meisten? In der Medizin gibt es nicht viele Berufe, die so spannend, vielfältig und anspruchsvoll sind wie jener des Hausarztes. Viele junge Menschen interessieren sich für diese Ausbildung. Das gilt besonders für die Frauen, die inzwischen die Mehrheit der Studierenden stellen. Aber Interesse alleine nützt nichts, wenn der Beruf an Attraktivität und Anerkennung einbüsst. Viele Hausärzte arbeiten heute 12 Stunden pro Tag, haben keine freien Wochenenden und kaum die Möglichkeit, Ferien zu nehmen. Deshalb braucht es mehr Gemeinschaftspraxen, in denen auch Teilzeitarbeit möglich ist. Zudem braucht es eine bessere Forschung und eine bessere Ausbildung in der Hausarztmedizin – und letztlich auch bessere Einkommen im Vergleich zu den anderen Medizinern.

Mehr Lohn für die Grundversorger sieht der Verfassungsartikel aber nicht vor.

Berset: Er hält als Grundsatz fest, dass die Hausärztinnen und Hausärzte für ihre Leistungen angemessen entschädigt werden. Wir sind daran, Verbesserungen umzusetzen. So werden Laboruntersuchungen neuerdings wieder besser entschädigt. Zurzeit ist der Bundesrat zudem daran, den Ärztetarif Tarmed anzupassen. Für die Hausärzte soll es 200 Millionen Franken mehr geben, ohne dass die Krankenkassenprämien deswegen steigen.

Können Sie sich vorstellen, dass Studenten oder Studienabsolventen gezwungen werden, Hausarzt zu werden?

Berset: Nein, das kann ich nicht. Anreize sind besser als Zwang. In den nächsten Jahren kommen 3000 Hausärztinnen und Hausärzte ins Pensionsalter. Sie müssen ersetzt werden, und es braucht sogar noch mehr. Seit August 2012 sind die Kantone daran, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Man darf eines nicht vergessen: Wir bilden aktuell nur einen Drittel der Ärztinnen und Ärzte aus, die wir in diesem Land brauchen.

Besonders auf dem Land ist der Ärztemangel gross. Wie wollen Sie da Gruppenpraxen fördern?

Berset: Die Grundversorgung ist in erster Linie Sache der Kantone. Der Bund will sich hier nicht einmischen, aber die Kantone und Gemeinden nach Möglichkeiten unterstützen. Sie kennen die Bedürfnisse vor Ort am besten. Es gibt viele gute Ideen wie zum Beispiel das geplante Gesundheitszentrum in Grindelwald, das die bestehenden zwei Hausarztpraxen ablösen soll. Über dieses 5,6-Millionen-Projekt stimmt die Bevölkerung der Berner Oberländer Gemeinde ebenfalls am 18. Mai ab.

Wenn alle Stricke reissen: Wird der Staat einen Mindestlohn für Hausärzte verordnen?

Berset: Nein. Wer sagt das?

Davor haben Gegner aus den Reihen der SVP gewarnt.

Berset: Solche Behauptungen zeigen, dass den Gegnern gute Argumente fehlen. Schliesslich wollen ja alle im Land eine gute medizinische Grundversorgung.

Für die Grundversorgung sind nicht nur Ärzte zuständig, sondern unter anderem auch das Pflegepersonal, die Apotheker oder die Spitex. Inwiefern können diese vom neuen Verfassungsartikel profitieren?

Berset: Mit dem Verfassungsartikel kann die Zusammenarbeit zwischen den Hausärzten und allen anderen Gesundheitsspezialisten gefördert und weiter vertieft werden. Das beginnt schon während der Ausbildung.

Wird das Grundversorgungsproblem durch die Kontingentierung ausländischer Arbeitskräfte nach dem 9. Februar zusätzlich verschärft?

Berset: Das hängt davon ab, wie wir die Initiative gegen die Masseneinwanderung umsetzen werden. Ein Wettbewerb zwischen den Arbeitskräften für die Industrie und jenen für die Gesundheit wäre nicht zielführend. Eines ist klar: Wir sind stark auf ausländisches Gesundheitspersonal angewiesen, und das nicht nur in der Pflege. Letztes Jahr haben wir knapp 800 Ärztinnen und Ärzte ausgebildet und mehr als dreimal so viele ausländische angestellt. Die Gegenmassnahmen sind eingeleitet, aber sie brauchen Zeit. Bis ein Arzt oder eine Ärztin voll einsatzfähig ist, sind 12 bis 15 Jahre Ausbildung nötig.

Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass wir nicht eines Tages entscheiden müssen, ob wir Industriearbeiter, Erntehelfer oder Krankenpflegerinnen ins Land lassen?

Berset: Ich habe keine Sicherheit. Ich stelle nur fest, dass auch die Initianten sagen, dass es grosszügige Kontingente brauchen werde, damit unsere Wirtschaft weiterhin floriere. Nichtsdestotrotz: Wir wollen die Gesundheitsberufe attraktiver machen und mehr Leute ausbilden.

Wird die Vorlage zu einem neuen Kostenschub führen?

Berset: Im Gegenteil. Wenn wir die Zusammenarbeit zwischen all den Fachpersonen in der Grundversorgung verbessern, werden die Patientinnen und Patienten besser behandelt. Das wirkt sich Kosten dämpfend aus, weil es weniger Nachbehandlungen braucht und Doppelspurigkeiten vermieden werden können. Zudem arbeiten Grundversorger tendenziell günstiger als Spezialärzte.

Die SVP warnt vor Staatsmedizin und Planwirtschaft. Ihre Antwort?

Berset: Im neuen Verfassungsartikel steht, dass wir die Bedeutung der Grundversorgung anerkennen und die geltenden Kompetenzen respektieren. Die Ärzteverbindung FMH und die Kantone unterstützen die Vorlage ja auch. Dieser konstruierte Gegensatz zwischen Markt und Staat bringt uns in der Gesundheitsdiskussion nicht weiter. Statt ideologisch zu argumentieren, muss man nach pragmatischen Lösungen suchen.

Bei der letzten Umfrage waren nur gerade 10 Prozent gegen den neuen Verfassungsartikel, es gibt auch noch kein Gegenkomitee. Wird die Abstimmung für Sie – im Gegensatz etwa zu Ihrem Kollegen Ueli Maurer – ein Spaziergang?

Berset: Die Frage, die man sich als Bundesrat vor einer Abstimmung stellt, lautet: Was kann ich tun, damit die Bevölkerung gut informiert ist? Da spielen die Umfragen keine Rolle. Solche Veranstaltungen wie heute Abend in Luzern sind gute Gelegenheiten, um den Grundversorgungsartikel vorzustellen. Ich werde dies in allen Landesteilen tun. Von allen Vorlagen, über die wir im Mai abstimmen, hat diese wohl am meisten direkte Auswirkungen für alle Einwohnerinnen und Einwohner. Eine gute medizinische Grundversorgung ist für uns alle extrem wichtig.

Hinweis

Alain Berset (42) ist seit 2011 Bundesrat. Das SP-Mitglied führt das Eidgenössische Departement des Innern (EDI). Vor seiner Wahl in den Bundesrat war Berset Ständerat (Wahl 2003). Diesen präsidierte der Freiburger 2008/09.

fsdfsd

Heute Podium mit Bundesrat Berset

Heute findet im Hotel Palace in Luzern eine Podiumsdiskussion über den Verfassungsartikel zur medizinischen Grundversorgung statt. Der öffentliche Anlass beginnt um 19 Uhr mit einem Referat von Gesundheitsminister Alain Berset (SP). Im Anschluss daran werden Daniel Aregger, Präsident Physio Zentralschweiz, Marcus Maassen, Präsident Pulsus, Alexandra Perina-Werz, Leiterin Public Affairs
Groupe Mutuel, und Josef Wey, Präsident Vereinigung Luzerner Hausärzte, über Pro und Contra der Vorlage diskutieren. Moderiert wird die Podiumsdiskussion von Stefan Ragaz, dem ehemaligen Vizechefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung».

Der Anlass wird von der Vereinigung der Zentralschweizer Ärztegesellschaften, der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern und der Vereinigung der Luzerner Hausärzte organisiert.

Hoher Ja-Anteil in Umfrage

Die neue Regelung verpflichtet Bund und Kantone, die Hausarztmedizin zu fördern und für eine qualitativ hoch stehende Grundversorgung zu sorgen. Da viele Hausärzte in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen, zeichnen sich immer grössere Versorgungsengpässe ab. Dem Problem des Hausärztemangels soll mit dem neuen Verfassungsartikel begegnet werden.
Der Bundesrat und das Parlament empfehlen, am 18. Mai ein Ja in die Urne zu legen. Gemäss der ersten SRG-Trendumfrage liegt die Zustimmung derzeit bei 66 Prozent. Nur 10 Prozent lehnen die Vorlage ab, 24 Prozent sind noch unentschlossen.