Guisan-Biograf Markus Somm: Warum Rechte wie Linke den General liebten - und wieso der Geschichtsunterricht versagt 

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, und vor 60 Jahren starb General Guisan. Der Journalist und Historiker Markus Somm schrieb eine Biografie über Guisan. Er befürchtet, dass die Jugend heute bei diesem Namen bloss noch an einen Weichkäse denkt - und er spricht über Parallelen zum «Virengeneral» des Jahres 2020, Bundesrat Berset.

Patrik Müller
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Vor 60 Jahren gestorben: General Henri Guisan.

Vor 60 Jahren gestorben: General Henri Guisan. 

Pd / Urner Zeitung

Sie haben 50 Jahre nach seinem Tod eine Biografie über Henri Guisan geschrieben, weil sich die meisten Historiker zuwenig für ihn interessieren würden. Kürzlich war Guisans 60. Todestag, und kaum jemand hats gemerkt. Warum?

Markus Somm, Journalist und Historiker.

Markus Somm, Journalist und Historiker.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Markus Somm: Zunächst bleibe ich der Meinung: Guisan hat das nicht verdient. Er gehört zu den Grossen unserer Geschichte, und wer unser Land verstehen will, kann von Guisan nach wie vor viel lernen. Aber Sie haben recht: es ist noch schlimmer geworden. Würde man heute eine Umfrage unter den Jungen machen: Wer oder was ist Guisan? Sie würden ihn für einen französischen Weichkäse halten.

Woran liegt das?

Der Geschichtsunterricht wurde in den letzten Jahren noch mehr ausgedünnt, die Schweiz verdampfte als historischer Gegenstand, man säuselt von Europa und schwärmt vom Transnationalen, studiert Ausbeutung in Afrika oder unrentable Plantagen in Indonesien. Das mag alles interessant sein, doch unsere eigene Geschichte, das, was uns betrifft und bewegt, ging vergessen. Leider sprangen auch wir Medien kaum in die Bresche.

In Kriegen und Krisen - man sieht es auch jetzt bei Corona - stellt man sich anfänglich geschlossen hinter die Regierung oder eben den General. Doch oft kippt die Stimmung später. Guisan aber blieb populär bis zum Tod. Warum?

Ich halte dies für den Kern des Phänomens Guisan. Sämtliche Bundesräte während des Krieges wurden andauernd kritisiert, keiner war richtig populär, ausser Rudolf Minger, aber der trat schon Ende 1940 zurück. Manche Bundesräte erlebten geradezu einen Absturz, was die Beliebtheit anbelangt...

... insbesondere FDP-Aussenminister Marcel Pilet-Golaz, dem man vorwarf, er wolle sich mit Hitler und Mussolini arrangieren.

Pilet-Golaz behandelte man am Ende fast wie einen Landesverräter. Nur Guisan blieb unangetastet. Warum? Er war eine kuriose Kreuzung von autoritärer Überzeugung und welschem Charme. Wie eine Heiligenfigur thronte er über dem politischen Kampf. Die Rechte liebte ihn, die Linke liebte ihn. Ich kenne niemanden in der Schweizer Geschichte, der je so unumstritten war.

Guisan sei eitel gewesen und habe das genossen, schreiben Sie. Sein Image hat er sehr bewusst gesteuert, etwa durch fotografische Inszenierungen. War er der erste grosse PR-Profi in eigener Sache?

Auf jeden Fall. Ein Beispiel: Guisan war ein starker Kettenraucher, aber sein Stab sorgte dafür, dass es kaum je ein Foto gab, wo man ihn rauchen sieht. Guisan selbst legte Wert darauf. Allerdings war er für jeden PR–Profi auch ein Geschenk des Himmels. Der kleine, feine, eigentlich unscheinbare Mann besass ein unwahrscheinliches Charisma, wie mir zahllose Zeitzeugen berichteten. Wer mit ihm sprach, bekam das Gefühl, der General spreche nur mit ihm so persönlich. Dabei half sicher, dass Guisan mit einem phänomenalen Namensgedächtnis gesegnet war.

Und die Medien, warum haben sie bei dieser Heiligenverehrung mitgespielt?

Faute de mieux, denn es herrschte ja Zensur, und Kritik an der Armeeführung galt fast als Landesverrat. Doch auch hier schaffte es Guisan, von sich abzulenken. Die Journalisten hackten auf den Bundesrat ein, wenn sie die allzu ängstliche, oft Nazi-freundliche Zensur kritisierten, obwohl Guisan höchstpersönlich manchmal dahintersteckte. Der «Nebelspalter», ein guter Gradmesser, machte sich dauernd über alle Politiker lustig, Guisan dagegen war fast nie Gegenstand einer spöttischen Karikatur.

Geliebt von Rechten wie von Linken: General Guisan, Mitte, beim Fussball-Länderspiel Schweiz-Italien im November 1939.

Geliebt von Rechten wie von Linken: General Guisan, Mitte, beim Fussball-Länderspiel Schweiz-Italien im November 1939.

Str / PHOTOPRESS-ARCHIV

Stimmte das Image, das er selber und die Medien von Guisan kreierten, mit seinem Leben und Wirken überein? Auch er hatte dunkle Seiten.

Eine dunkle Seite ist ohne Zweifel seine Haltung in der Flüchtlingsfrage. Er sah diese allein unter der Optik der Landesverteidigung: Flüchtlinge gefährdeten die Sicherheit, sie belasteten die Logistik, man musste sie bewachen und betreuen. Was für ein lästiger Aufwand. Deshalb trug er den zu harten, faktisch anti-semitischen Kurs der Landesregierung stets mit. Sein Wort hatte Gewicht, er hätte diesen Kurs ändern können. Er unterliess es.

Wie gut war Guisan denn informiert über die Gräueltaten der Nationalsozialisten?

Dass die Juden ausserhalb unseres Landes in Todesgefahr schwebten, dass die Nazis sie vernichteten: Guisan erfuhr davon früh; loyale, gute Offiziere, denen er sonst traute, drangen auf ihn ein, etwas dagegen zu tun. Er blieb unberührt.

War er ein Antisemit?

Das glaube ich kaum. Guisan hat diverse jüdische Offiziere befördert, Herbert Constam, der jüdischer Herkunft war, machte er gar zu einem Oberstkorpskommandanten, also einem Drei–Sterne–General, womit Constam damals wohl der ranghöchste jüdische Offizier in ganz Europa, wenn nicht der Welt war.

Warum wurde Guisan zu Lebzeiten kaum angegriffen, auch nicht von den 1968ern?

Für die Bürgerlichen stand er für alles, was die Schweiz während des Krieges auch richtig gemacht hatte, und das war objektiv vieles – und die Linke sah das eben lange genauso. Es ist ironisch: Guisan hat mit seiner integrativen und zugleich autoritären Art die Sozialdemokraten mit dem eigenen Land versöhnt. Er hat sie auch zurück geholt aus der Wildnis, in der sie seit dem Landesstreik verdurstet waren. Er behandelte sie wieder als gute Patrioten. Das vergass die Linke ihm nie. Selbst die 68er, wohl im Wissen, wie sehr die alten Genossen an Guisan hingen, trauten sich nicht, diesen geliebten General anzugreifen. Das sagt alles.

Welche Rolle spielte, dass Guisan nicht aus dem Zürcher oder Berner Establishment stammte, sondern Welscher war?

Das war ganz entscheidend. Guisans Wahl 1939 - dafür war Bundesrat Minger verantwortlich - war genau das richtige Signal an die Nazis und an den Westen. Guisan war ein Welscher, also frankophon, womit die neutrale Schweiz auf subtile Art klarstellte, auf welcher Seite wir standen: auf der Seite des Westens. Das wurde überall sofort begriffen. Berlin schimpfte, Paris jubelte, London lächelte.

Wer wäre anstelle von Guisan als General infrage gekommen?

Wohl Ulrich Wille junior, der Sohn des Generals im Ersten Weltkrieg. Ein Freund der Nazis. Wille galt aber als bester Offizier der Schweiz, vor allem das Zürcher Offizierskorps, tendenziell auch zu deutschfreundlich, stand hinter ihm. Mit Guisans Wahl wurde dieses einflussreiche, aber eigentlich aus der Zeit gefallene Korps kaltgestellt. Wenn Guisan irgendwo unbeliebt war, dann hier. Wille überwand die Kränkung nie. Für das Land jedoch war es ein Segen.

Die «Weltwoche», für die Sie einst arbeiteten, zeigte Alain Berset in einer Fotomontage in der Guisan-Uniform und titulierte ihn als «Virengeneral». Absurd? Oder sehen Sie Parallelen?

Nein, witzig. Natürlich wissen wir, dass wir uns nicht im Krieg befinden, aber die kurzzeitige Machtansammlung in Bern im Zeichen von Corona war doch bemerkenswert. Und Berset, so machte es den Eindruck, fühlte sich zeitweise allzu wohl in der Rolle des nationalen Tätschmeisters. Was eine Parallele war: die Presse wagte es kaum, die Behörden zu kritisieren. Im Zweiten Weltkrieg sorgte die Zensur dafür, heute wohl die Selbstzensur unter uns Journalisten.

«Virengeneral»: Die «Weltwoche» vergleicht Alain Berset mit Henri Guisan.

«Virengeneral»: Die «Weltwoche» vergleicht Alain Berset mit Henri Guisan.

Nun, im Fall der Coronakrise hat sich das schnell geändert: Inzwischen üben viele Zeitungen scharfe Kritik an Behörden und Bundesrat.

Fünf Wochen dauert in der Schweiz eine Diktatur, und dann ist genug, die Leute müpfen auf, sie werden unanständig, sie machen, was ihnen passt. Wir Schweizer leben in einer wohl geordneten Anarchie. Das bewahrt uns vor vielen Fehlern.

Auch im Zweiten Weltkrieg?

Unsere damalige Flüchtlingspolitik wäre viel schlimmer ausgefallen, hätten sich die Kantone, die Gemeindepräsidenten, Polizisten, Soldaten und so viele einzelnen Schweizer stets an die Weisungen des Bundesrates gehalten. Der Schweizer murrt zuerst, und dann folgt er nicht richtig.

Eine Umfrage zeigt, dass Alain Berset bei der Bevölkerung sehr populär ist - immer noch. 

Das ist ihm zu gönnen. Und Berset ist ja zweifellos ein begnadeter Kommunikator. Doch Berset, so mein Eindruck, versteht unser Land nicht so gut wie Guisan. Es ist vielleicht der Gegensatz zwischen dem katholischen und sozialdemokratischen Freiburger zum reformierten und konservativen Waadtländer. Guisan war sich immer bewusst, dass wir die starken Männer skeptisch betrachten, deshalb war er ein so sanfter, höflicher General, was ja ein Paradox zu sein scheint. Deshalb wäre es ihm nie eingefallen, politisch ein Amt anzustreben oder sich anzumassen. Er wusste, dass die Schweiz per Chaos regiert wird. Als Waadtländer war er ein Erzföderalist, der es schätzte, dass wir alle unseren eigenen Grind haben. Ob Berset damit umgehen kann? Ich bezweifle es.

Kann mit dem Bundesrat mit Notrecht durchregieren: Krisenmanager Alain Berset.

Kann mit dem Bundesrat mit Notrecht durchregieren: Krisenmanager Alain Berset.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Das Schöne an Krisen ist für die Exekutive, dass sie durchregieren kann. In Kriegen kommt aber noch der General hinzu. Wer war im Zweiten Weltkrieg eigentlich mächtiger, General Guisan oder der Bundesrat?

Politisch eindeutig der Bundesrat, die Schweiz blieb immer eine funktionierende Demokratie. Aber da die Armee mit 650 000 Mann unter Waffen in einem Land von gut vier Millionen eine gigantische Organisation darstellte, die sich nach den Befehlen eines einzigen Mannes ausrichtete, war Guisan natürlich trotzdem der mächtigste Mann der Schweizer Geschichte. 

Gab es damals ein Kompetenzgerangel  zwischen dem General und dem Bundesrat?

«Wir ersticken in der Arbeit», schimpfte etwa Bundesrat Stampfli, «und tragen schwer an der Verantwortung, während der General im Lande herumfährt und sich mit grossem Gepränge empfangen lässt.» Walther Stampfli war ein sehr guter Volkswirtschaftsminister, ein Freisinniger aus Solothurn, der in jenen Jahren die AHV erfand und durchsetzte. Ja, es war so: Den Bundesräten ging auf die Nerven, wie sehr Guisan seine Popularität genoss.

Markus Somm ist Historiker und Journalist («Tages-Anzeiger», «Weltwoche», «Basler Zeitung»). Die 6. Auflage seiner Guisan-Biografie erscheint Ende Mai: «General Guisan. Widerstand nach Schweizerart», Stämpfli Verlag Bern 2020, 248 Seiten.

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