Postdoktoranden
Gut ausgebildet, Mitte 30 und ohne Perspektive

Sie sind das Rückgrat der Schweizer Forschung: Postdoktoranden haben einen erheblichen Anteil am guten Ruf der hiesigen Hochschulen. Doch sie zahlen einen hohen Preis dafür. Langsam erwacht die Politik. Sie will das Hochschulsystem umbauen.

Doris Kleck
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Postdocs sind das Rückgrat der Schweizer Forschung. (Symbolbild)

Postdocs sind das Rückgrat der Schweizer Forschung. (Symbolbild)

Keystone

Postdoktoranden sind der grosse blinde Fleck der Schweizer Wissenschaft. Es handelt sich um jene Beschäftigten an Hochschulen, die ihr Doktorat abgeschlossen, aber noch keine Professur haben. Statistisch sind sie nicht erfasst. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Schweiz zwischen 5000 (Staatssekretariat für Bildung Forschung und Innovation, SBFI) und 27 000 (Schweizerischer Nationalfonds, SNF) Postdocs mit befristeten Verträgen tätig sind. Was man aber sicher weiss: Ihre Zahl steigt im Verhältnis zu den Professoren stetig an.

Und: Postdocs sind das Rückgrat der Schweizer Forschung. Denn sie sind effizienter und erfahrener als Doktoranden und können auch auf Projekte mit unsicherem Ausgang angesetzt werden. Zudem sind sie hoch motiviert: Sie befinden sich in einem harten Wettbewerb. Nur ein Bruchteil von ihnen wird irgendwann mal ordentlicher Professor. Gemäss einem Bericht des SBFI waren es 2011 3141.

Schallgrenze 40

Die akademische Karriere

Die akademische Karriere beginnt mit dem Doktorat nach dem Masterstudium. Wer nach der Promotion weiter forschen will, tut dies als Postdoc. Diese Stellen sind in der Regel befristet. Sie werden oft mit Drittmitteln oder Stipendien finanziert. Nur in den seltensten Fällen endet die Phase des Postdoc mit einer Festanstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Wer weiter im universitären Bereich forschen will, muss auf eine Professur zusteuern. In der Schweiz wenig verbreitet sind Assistenzprofessuren für junge Talente: Diese sind ebenfalls befristet. Bei einer Assistenzprofessur mit «tenure track» besteht jedoch die Aussicht auf eine ordentliche Professur – die Krönung und (fast) einzige unbefristete Stelle in der akademischen Welt. (dk)

Das System hat mehrere Probleme. Einerseits gibt es Nachwuchsforschende, die zu lange im universitären System bleiben – ohne echte Aussicht auf eine Professur oder eine andere unbefristete Stelle an den Hochschulen. «Nach drei bis vier Jahren als Postdoc sollten die Alarmglocken läuten», sagt Hirschi. Denn mit zunehmendem Alter wird es nicht einfacher, in der Privatwirtschaft Fuss zu fassen. «Wenn man Richtung 40 Jahre geht, trägt man den Nimbus des gescheiterten Akademikers», sagt Moritz Niemann, Postdoc an der Universität Bern. In der Industrie gelte man als verbraucht, verbrannt, vorgeprägt – und überqualifiziert. Lange Postdoc-Phasen sind allerdings nicht nur für die Nachwuchsforscher schwierig, sondern auch volkswirtschaftlich problematisch, weil der Privatwirtschaft Fachkräfte entzogen werden. Andererseits führen die unsicheren Perspektiven dazu, dass die einheimischen Jungforscher lieber ganz auf eine akademische Karriere verzichten. «In der Postdoc-Phase ist der Ausländeranteil am höchsten, weil die Schweizer nicht mehr bereit dazu sind», sagt Hirschi.

Schneller in die Unabhängigkeit

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Schweizer Hochschulen den heimischen Nachwuchs besser fördern müssen. «In der Vergangenheit stand die Internationalität im Zentrum», sagt Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS). Doch seit zwei, drei Jahren würden die hiesigen Hochschulen vermehrt auf inländische Nachwuchsforscher setzen. Das wichtigste Mittel dazu ist die Schaffung von Assistenzprofessuren mit «tenure track». Nach vier bis fünf Jahren auf solch einem Posten besteht die Aussicht auf eine ordentliche Professur. Dadurch erhalten die jungen Forscher eine klare Karriereperspektive und wissenschaftliche Unabhängigkeit.

Trotz dem Bekenntnis der Hochschulen will das Parlament den Druck aber hochhalten – und den Wandel wohl auch mitfinanzieren. Heute behandelt der Ständerat ein Postulat seiner Wissenschaftskomission. Mit diesem soll der Bund beauftragt werden, einen substanziellen Beitrag zu leisten, damit mehr Assistenzprofessuren mit «tenure track» geschaffen werden. Wie ein solches Sonderprogramm aussehen könnte, wird derzeit zwischen SBFI, CRUS und dem SNF diskutiert. Letzterer kann durch das Sprechen von Fördermitteln indirekt auf das System Einfluss nehmen. Beim SNF erachtet man den Umbau als sinnvoll: «Eine frühe wissenschaftliche Unabhängigkeit ist wichtig, um sich profilieren zu können und eigene Forschungsideen umzusetzen.» Das befruchte den hiesigen Forschungsplatz.