Halbleere Schiffe, rote Zahlen – und keine Antwort des Bundesrats: Schiffsverband ärgert sich über Maskenpflicht auf Aussendeck

Die Branche hat bei Bundesrat Alain Berset interveniert: Sie fordert, dass Passagiere auf dem Aussendeck keine Maske tragen müssen. Die Schifffahrtsunternehmen fühlen sich im Stich gelassen.

Maja Briner
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Auch auf dem Aussendeck müssen die Passagiere eine Maske tragen. Deshalb verzeichne man weniger Gäste, sagt der Verband Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen.

Auch auf dem Aussendeck müssen die Passagiere eine Maske tragen. Deshalb verzeichne man weniger Gäste, sagt der Verband Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen.

Bild: Boris Bürgisser

Die Sommerferien sind zu Ende – und die Bilanz ist düster. «Die finanzielle Situation ist für alle Schifffahrtsunternehmen zwischen dramatisch und sehr dramatisch», sagt Stefan Schulthess. Er ist Direktor der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees und Präsident des Verbands Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen. Obwohl viele Schweizer im Inland Ferien machten, seien die Zahlen schlecht.

«Alle Schifffahrtsgesellschaften verzeichnen deutliche Passagierrückgänge», sagt er. Die Frequenzen seien zwischen 30 und 50 Prozent tiefer als im Vorjahr. Besonders hart treffe es jene, die normalerweise viele ausländische Gäste haben.

Der Streit ums Aussendeck

Manche Touristen hätten keine Lust auf eine Schifffahrt, weil sie dabei Maske tragen müssten, sagt die Branche. Schulthess geht davon aus, dass die Maskenpflicht auf dem Aussendeck zu einem zusätzlichen Passagierrückgang von 10 bis 20 Prozent beigetragen hat. Er sagt:

«Wir haben viele Rückmeldungen von Kunden, die sich daran stören und deswegen keine längeren Fahrten oder überhaupt keine Fahrten machen wollen.»
Stefan Schulthess, Präsident des Verbands Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen.

Stefan Schulthess, Präsident des Verbands Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen.

Eveline Beerkircher

Vor drei Wochen hat der Schiffsverband deshalb bei Bundesrat Alain Berset ein Gesuch eingereicht: Auf Aussendecks der Schiffe soll die Maskenpflicht aufgehoben werden, so die Forderung. Auch in anderen Aussenbereichen des ÖV – auf Sesselbahnen, Skiliften, in Bahnhöfen – müsse keine Maske getragen werden, argumentiert der Verband. Unterzeichnet ist der Brief, der unserer Zeitung vorliegt, auch vom Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr, Ueli Stückelberger.

Bisher habe man aber noch keine Antwort erhalten, sagte Schulthess am Freitag. Die Branche hätte sich einen schnelleren Entscheid gewünscht, wie er durchblicken lässt. Sie fühlt sich offensichtlich vom Bund im Stich gelassen.

Enttäuscht ist die Schifffahrtsbranche auch darüber, dass der Bundesrat im Hilfspaket für den ÖV keine Unterstützung für den touristischen Verkehr geplant hat. Der Verband hofft nun, dass das Parlament in seinem Sinne nachbessert.

Abstände können nicht immer eingehalten werden

Das Bundesamt für Gesundheit stellte sich bisher auf den Standpunkt, die Maskenpflicht auf dem Aussendeck sei sinnvoll. Denn auch dort könne es zu Situationen kommen, bei denen die Distanz nicht eingehalten werden könne. Solange ein Passagier in Innenräumen eine Maske tragen muss, sei es angemessen, dass er diese auch tragen müsse, wenn er aufs Aussendeck gehe, erklärte die Behörde Mitte Juli.

Etwas anders sieht es offenbar die Sektion Schifffahrt des Bundesamts für Verkehr. Dort stiess das Anliegen der Branche auf Verständnis, wie ein Sprecher auf Anfrage bestätigt. Es handle sich bei der Maskenpflicht jedoch um eine epidemiologische Frage. Der Entscheid liege daher in der Kompetenz des Bundesamts für Gesundheit und «wird durch das BAV nicht kommentiert».

Stefan Schulthess vom Schiffsverband hat derweil keine Hoffnung mehr, dass sich die diesjährige Saison noch retten lässt: «Die Rückstände sind so dramatisch, das kann nicht mehr aufgeholt werden.»

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