Lebensmittel

Hartes Schuften für süsse Erdbeeren

Ausbeutung soll es geben auf Spaniens Plantagen wegen roter Früchtchen. Nun fordern die Kantone strengere Importauflagen.

Ralph Schulze, Moguer (spanien)
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Eine Erntehelferin pflückt Erdbeeren auf einer Plantage in Huelva, Südspanien. Futh/laif

Eine Erntehelferin pflückt Erdbeeren auf einer Plantage in Huelva, Südspanien. Futh/laif

Aus der Ferne glitzert es wie der Atlantik. Aus der Nähe entpuppen sich die Wellen als ein Meer aus Treibhäusern und Plastikplanen, die sich kilometerweit über die Äcker spannen. Wie eine Insel ragt in der Mitte dieses Plastikmeeres der südspanische 20000 Einwohner-Ort Moguer heraus: Europas Erdbeer-Hauptstadt, auf deren Plantagen tonnenweise strahlend rote Erdbeeren für nordeuropäische Supermärkte etwa in Deutschland, Österreich oder der Schweiz reifen. Aber nicht alles, was sich hinter diesen roten Früchten verbirgt, ist auch wirklich süss. Der industrielle Erdbeer-Anbau, der den Grundbesitzern dieser andalusischen Region Wohlstand brachte, stösst bei Verbraucherschützern in den Importländern regelmässig auf Kritik. In Bern behandelt der Nationalrat heute gleich fünf Vorstösse zu diesem Thema). Etwa wenn über harte Arbeitsbedingungen berichtet wird. Oder über den Raubbau an der Natur.

Erdbeeren statt Naturparadies

Jüngst verdonnerte ein Gericht einen spanischen Erdbeerbauern zu Gefängnis, weil er mit Bulldozern einen Wald plattmachte, um seine Felder auszuweiten. «Ein historisches Urteil», jubelt die Umweltorganisation WWF, deren Naturschützer in vorderster Front gegen den Erdbeer-Wildwuchs kämpfen. «Die Behörden müssen endlich mit dem verbreiteten Gefühl der Straflosigkeit Schluss machen», fordert Spaniens WWF-Generalsekretär Juan Carlos del Olmo.

«Waldrodung, unerlaubte Brunnenbohrungen und die Stilllegung von Bächen» begleiten das Wachstum von Europas grösster «Erdbeerfabrik», klagt del Olmo. Hunderte Hektaren von Beerenfeldern – jede Hektare entspricht etwa der Grösse eines Fussballplatzes – seien illegal angelegt worden. Derartige Piraten-Plantagen schadeten der Umwelt, dem Ruf der Branche und der Zukunft des Donana-Parkes, dem wohl wichtigsten Naturreservat Spaniens, das zum Weltkulturerbe gehört.

Die trinkfreudigen Erdbeeren graben dem Nationalpark das Wasser ab. Rund 1000 illegale Brunnen klaffen wie tiefe Wunden im Einzugsgebiet, beklagt der WWF. Der für das Naturparadies überlebenswichtige Grundwassersee schrumpfe. Und die andalusische Regionalregierung schaue tatenlos zu.

«Frauen ertragen die Arbeit besser»

Auch andere Szenen stören das Bild von der Erdbeeridylle: Elendsbehausungen mit Plastik- und Kartondächern zwischen den Feldern. Mit Hunderten Arbeit suchenden Schwarzafrikanern. Sie kamen früher als illegale Immigranten, um hier ihr Glück zu machen. Wurden zu Dumpinglöhnen als willige Beerenpflücker eingestellt. Diese Zeiten sind vorbei, die Afrikaner haben ausgedient. Nun werden Armeen von legalen osteuropäischen und marokkanischen Feldarbeiterinnen herangekarrt, um mit Tariflöhnen für Europa Erdbeeren zu pflücken. «Frauen ertragen die harte Arbeit besser», sagen die Landwirte, es gebe weniger Probleme. Die südspanischen Erdbeer-Fabriken stehen praktisch nie still: Im Herbst wird vor allem gepflanzt, von Jahresbeginn bis Sommer geerntet. Doch in diesem milden Atlantikklima reifen eigentlich immer irgendwelche Früchte. Neben Erdbeeren werden Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren angebaut. In der Hauptsaison leben Zehntausende Erntehelferinnen in Wohncontainern auf den Plantagen. Der Tariftageslohn beträgt derzeit 37.80 Euro. Für sechseinhalb Stunden bücken und pflücken, Unterkunft gratis. «In einer Woche verdiene ich hier so viel wie in meinem Land in einem Monat», berichtet eine 30-jährige Rumänin namens Simona. Sie ist zufrieden, will im nächsten Jahr wieder kommen – wie die meisten Pflückerinnen.

EU ist besorgt über die Situation

Eine Delegation des europäischen Parlamentes, welche Europas Erdbeer-Region inspizierte, zeigte sich trotzdem besorgt. Die Situation der schuftenden Frauen sei «kompliziert», sie seien «absolut abhängig von ihren Arbeitgebern», es gebe Berichte über Missbrauch.

Der Verband der Erdbeerbauern wehrt sich gegen pauschale Kritik: Die meisten Plantagen seien «vorbildlich». Es gebe «jede Menge Qualitätskontrollen». Und der Bürgermeister der Erdbeerstadt Moguer, Juan José Volante, warnt davor, wegen «einzelner Vorfälle» eine ganze Wirtschaftsbranche zu «dämonisieren». Denn von deren Blüte würden «Wachstum und Fortschritt» der gesamten Region abhängen.