Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Video

Helvetiens tapferer Wächter: Wie ein Liestaler einst 30 SS-Männer auf ihrer Flucht in die Schweiz stoppte

Edgar Strub, 97, stand im Zweiten Weltkrieg lange an der Schweizer Grenze – und plauderte mit den Nazis über die Sterne.
Samuel Schumacher
Edgar Strub rückte 1942 in die RS ein – und wurde die Erinnerung an den Krieg ein Leben lang nicht mehr los. (Bild: Samuel Schumacher, 28. August 2019)

Edgar Strub rückte 1942 in die RS ein – und wurde die Erinnerung an den Krieg ein Leben lang nicht mehr los. (Bild: Samuel Schumacher, 28. August 2019)

Wenn Edgar Strub vom Krieg erzählt, dann klingt es, als sei es gestern gewesen, als er mit seinen Kameraden des Grenzschutzbataillons 245 auf der Brücke beim Rheinfelder Stauwehr stand und die flehenden SS-Männer zurückdrängte. Doch die schicksalhafte Nacht, in der es nur «es Fünkli» gebraucht hätte, um die Lage an der Grenze eskalieren zu lassen, liegt weit zurück. Zwischen dann und jetzt liegt ein langes Leben, geprägt von den Erinnerungen an jenen Krieg, der Edgar Strub einst jäh aus dem Alltag riss.

Edgar, 97, beharrt auf dem Du. Er stellt den Znüni auf den Esstisch in der Stube seiner Alterswohnung in Liestal: zwei Zimmer, 39 Quadratmeter, alles, was es zum Leben braucht. Edgar faltet die Hände, der Blick ist klar, die Stimme freundlich.

Er erinnert sich genau an jenen Tag im Sommer 1939, als er mit dem Velo über die Basler Wettsteinbrücke zu seinem Lehrbetrieb radelte und an der Fassade des Redaktionsgebäudes der National-Zeitung den Schriftzug sah: «Bundesrat mobilisiert den Grenzschutz, Dienstag 5 Uhr». Am Abend zu Hause in Arisdorf war die Stimmung bedrückt. Wer muss gehen? Was passiert jetzt, fragten sich die Leute. Viele hatten Angst vor dem Krieg. Manche aber bewunderten den Mann, der da im Radio aus dem braunen Norden zur Hörerschaft sprach.

Die Ästchen knackten im Patronenregen

Edgar selbst steckte mitten in seiner Mechaniker-Lehre, als im Februar 1942 das Aufgebot für die Rekrutenschule kam. Er wollte die RS aufschieben, um seine Lehre abzuschliessen. Die Mutter sagte nur:

«Anderi müend au!»

Also rückte er ein und liess sich zum Minenwerfer ausbilden. Am Abend, wenn die Kameraden ins Feldbett krochen, flickte er die kaputten Armeestiefel. «Ich war der dumme August», sagt Edgar. Selber schuld sei er gewesen. Schliesslich hatte er sich von sich aus gemeldet, als der Vorgesetzte einen Freiwilligen suchte. Ganz getreu seinem Lebensmotto: Wenn du helfen kannst, dann hilf!

Im August 1943 reiste Edgar in Uniform zur Lehrabschlussprüfung, direkt aus der Kaserne. «Ich konnte mir unterwegs an einem Brunnen gerade noch das Gesicht und die Hände waschen.» Zu mehr Vorbereitung reichte es nicht. Dass er bei der Prüfung nicht zeigen konnte, was wirklich in ihm steckt, das wurmt ihn bis heute. Er holt das Lehrabschlusszeugnis aus einem roten Mäppli und faltet das vergilbte Papier auseinander. «In die Ränge» wäre er gekommen, wenn er sich nur angestrengt hätte, habe ihm der Lehrmeister gesagt. Gemangelt hat es damals an vielem, aber nicht an Anstrengung, sagt Edgar, und faltet das Zeugnis wieder zusammen.

Nach der RS stiess er zum Grenzschutzbataillon 245. Oberwil, Burg, Magden und dann lange Rheinfelden: Da stand seine Truppe und schaute hinüber nach Nazideutschland. «Auf der Brücke waren ein weisser und ein roter Strich, drei Meter auseinander, damit wir genau sahen, wo die Grenze verlief», erzählt Edgar. Doch sie seien kurzsichtig gewesen, nachts sowieso. Dann hätten sie sich mit dem deutschen Stellwärter in Wolldecken gehüllt und bei Sturm gemeinsam unter den aufgespannten Blachen verharrt.

«Wenn der deutsche Stellwärter backen wollte, brachten wir ihm Hefe. Dafür erhielten wir ab und zu Eier.»

Und während die Nazis im Norden meuchelten und mordeten, hockten sie an der Grenze immer wieder mit den Deutschen zusammen, schauten in die Sterne und plauderten darüber, wie verrückt das doch sei, diese verbotene Kameradschaft, die jederzeit mit dem Schiessbefehl tödlich hätte enden können.

Manchmal wurde die fragile Stille da oben am Rhein plötzlich von Pistolensalven zerrissen. Dann schossen die Nazis ins klare Wasser, das das braune Grossreich von der Schweiz trennte. Sie schossen immer näher ans Ufer heran, an dem Edgar und seine Kameraden mit dem Karabiner 31 im Anschlag warteten. Unten am Ufer knackten die Ästchen im Patronenregen. Oben am Wachposten stellten sie sich die Frage, was sie tun sollten, wenn die Nazis kommen. «Manche wären gerannt», sagt Edgar. «Ich hätte geschossen, bis zum Ende.»

Die SS wollte ihn mit Zigaretten bestechen

Düstere Momente waren das, genau wie jene Stunden, in denen er am Zoll die Flüchtlinge abholte. Menschen standen da mit um die Beine gebundenen Stofffetzen und verrosteten Büchsen, mit denen sie nach Tee und Essen bettelten. «Grausam» sei das gewesen, «betrüblich», sagt Edgar.

Doch da waren auch fröhliche Momente: Als Hauptmann Wackernagel Musikanten für das Bataillonsspiel suchte und Edgar mit seinem Flügelhorn aushelfen durfte, zum Beispiel. Edgar steht auf und marschiert im Fallschritt quer durch die Stube. So hätten sie die Leute damals aufheitern wollen. Doch Hauptmann Wackernagel hatte kein Gespür für die Tanzeinlagen des Grenzschutzbataillons 245. «Aufhören mit dem Schabernack!», habe er befohlen. Dabei, sagt Edgar, hätten sich die Leute so gefreut.

Edgar Strub (hinterste Reihe, zweiter von rechts) spielte in der Bataillonsmusik 1943 das Flügelhorn. (Bild: ZVG)

Edgar Strub (hinterste Reihe, zweiter von rechts) spielte in der Bataillonsmusik 1943 das Flügelhorn. (Bild: ZVG)

Und da waren die «Schänkeli», die die Mutter manchmal machte, trotz der Rationierung. Eigentlich wäre es ja verboten gewesen, irgendwas im schwimmenden Öl zu kochen. Zu verschwenderisch. Aber man wusste sich zu helfen. Der Stiefvater legte die Wohnung mit Lederfetzen aus, um den «Schänkeli»-Geruch zu übertönen. Dann gönnten sie sich den süssen Ausbruch aus dem harten Alltag.

Fast 500 Tage lang war Edgar Strub während des Weltkriegs im Aktivdienst. Ganz zum Schluss, im Frühling 1945, wurde es noch einmal brenzlig. Nachts ging in Rheinfelden der Alarm los. Die Schwaben stünden auf der Brücke, hiess es. Edgar rannte zur Brücke. Und tatsächlich: Rund 30 SS-Soldaten versuchten, sich aus dem untergehenden Nazi-Reich in die Schweiz zu retten. «Wir sind doch Kameraden, lasst uns durch!», hätten sie gefleht und den Schweizern Zigaretten-Packungen entgegengestreckt. «Keinen Schritt weiter!», habe er geschrien, sagt Edgar. Ein SS-Mann klopfte ihm auf die Schulter, versuchte, ihn wegzudrücken. Doch sie hätten dagegengehalten, Mann an Mann. Keiner kam durch.

Noch heute denkt Edgar oft an jene Nächte am Rhein zurück, daran, wie wenig es gebraucht hätte, dass alles eskaliert wäre. «Es Fünkli, mehr nicht», sagt Edgar. Zum Glück ist es nie gesprungen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.