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Hier geht es für uns um Fundamentales

Nein, liebe Leserinnen und Leser, wir müssen uns kein schlechtes Gewissen machen. Wir privilegierten Menschen in der schönen und vom Schicksal verwöhnten Schweiz sind nicht verantwortlich für die Flüchtlingsdramen dieser Welt. Und doch heisst es hinschauen. Auch, weil es um unsere eigene Zukunft geht.
Thomas Bornhauser
28. August 2015: Im libyschen Zuwara ziehen Rettungskräfte Leichen aus dem Meer und verpacken sie in Leichensäcke. Die Flüchtlinge starben, nachdem zwei Schlepper-Boote gekentert waren. (Bild: AP/Giannis Papanikos)

28. August 2015: Im libyschen Zuwara ziehen Rettungskräfte Leichen aus dem Meer und verpacken sie in Leichensäcke. Die Flüchtlinge starben, nachdem zwei Schlepper-Boote gekentert waren. (Bild: AP/Giannis Papanikos)

Natürlich ist die Versuchung des Verdrängens gross, zumal das Ausmass des Schreckens bisweilen kaum erträglich scheint. Das Bild des kleinen, unschuldigen, dreijährigen Knaben aus Kobane zum Beispiel, der in dieser Woche leblos an die türkische Küste gespült worden ist (vgl. Beitrag auf Seite 9), hat auch mich persönlich durchgeschüttelt – und dies nach vielen Jahren journalistischer Auseinandersetzung mit Dramen dieser Welt.

Es gibt diese historischen Momente, wo Bilder eine Zeitenwende zum Ausdruck bringen. Das war der Fall zum Beispiel in Südostasien, als die USA sich in den 60er-Jahren in Vietnam in eine untragbare Spirale der Gewalt hineinziehen liessen. Oder Ende der 70er-Jahre in Zentralamerika, als die Gewaltherrschaft des Somoza-Regimes plötzlich für alle Welt sichtbar wurde und die entsprechenden Bilder in Nicaragua fast über Nacht die Wende einleiteten. Und jetzt, in diesen Tagen und Wochen, sind es Bilder vom südlichen Rand Europas, die um die Welt gehen und erschüttern.

Bei diesen Flüchtlingsdramen geht es um eine andere, eine passive Form der Gewalt. Doch auch diese Form der Gewalt bringt Tod und Verderben, weshalb Europa handeln muss und handeln wird. Denn wer den Kern der fundamentalen Menschenrechte, das Recht auf Leben mit Füssen tritt, der greift Europa in seinem Innersten an. Es war ja nicht die Montanunion zwischen Deutschland und Frankreich, welche die europäische Integration begründet hat. Es war und bleibt vielmehr die Europäische Menschenrechtskonvention, welche das Selbstverständnis Europas in seinem Kern ausmacht. Und diese Konvention aus den frühen Fünfzigerjahren verankert nicht umsonst in ihrem Artikel 2 DAS RECHT AUF LEBEN.

Hier die Hölle, dort das Glück

Dieses Recht auf Leben wird heute in vielen Ländern des Südens mit Füssen getreten. In Syrien etwa oder im Irak oder in Libyen muss es aktuell die Hölle auf Erden sein. Auch in diesen Ländern aber wissen die Menschen, dass es in greifbar scheinender Nähe einen Kontinent der Glückseligen gibt. Und niemand wird ihnen erklären können, weshalb ihnen in ihrem Menschenleben Vergleichbares verwehrt sein soll.

Das ist die Sicht der Geschundenen. Und auf der anderen Seite stehen wir. In unserem Wohlstand und mit unseren Ängsten vor unkontrollierbarer Einwanderung. Wie sollen all diese Flüchtlinge integriert werden? Und wer bezahlt? Und was heisst das für die Sozialwerke, die hier aufgebaut worden sind? Ganz abgesehen davon, dass für das Leid der Geschundenen die politischen Eliten dieser Länder verantwortlich sind.

Hinzu kommt das handfeste Problem der Sogwirkung in Zeiten weltumspannender Subito-Kommunikation. Kaum hatte zum Beispiel die deutsche Bundeskanzlerin grundsätzliche Aufnahmebereitschaft für Syrer signalisiert, skandierten die wartenden Flüchtlinge von Athen bis Wien zu Tausenden «Merkel!» und «Thank you, Germany». Nicht umsonst warnte Merkels Innenminister Thomas de Maizière in dieser Woche im Fernsehen vor der Sogwirkung, «wenn wir sagen: Alle Syrer dürfen kommen». Selbst das grosse und im europäischen Quervergleich wohlhabende Deutschland wäre überfordert, wenn es den Ansturm aus dem Süden alleine zu bewältigen hätte.

Kommt hinzu, dass es ohne Härte nicht gehen wird: Es kann hier, auch auf Dauer, nicht Platz genug haben für alle, die sich hier ein besseres Leben erhoffen. Also wird es auch weiterhin nicht ohne das mühsame Prüfen der Fluchtgründe gehen, weder in Deutschland, noch in der Schweiz oder anderswo. Am Ende dieses Prozesses aber steht hoffentlich ein gestärkter Kontinent. Ein Europa, dem es gelingt, solidarisch das Überleben seiner ethischen Grundsätze in turbulenter Zeit zu retten.

Thomas Bornhauser

20. April 2015: Um Haaresbreite am Tod vorbei: Einheimische auf Rhodos im Rettungseinsatz. (Bild: AP/Achilleas Zavallis)

20. April 2015: Um Haaresbreite am Tod vorbei: Einheimische auf Rhodos im Rettungseinsatz. (Bild: AP/Achilleas Zavallis)

1. September 2015: Abed Hadi (19) füttert seinen Neffen nahe der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (Bild: AP/Giannis Papanikos)

1. September 2015: Abed Hadi (19) füttert seinen Neffen nahe der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. (Bild: AP/Giannis Papanikos)

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