HILFE: Schweiz hilft mit mehr als 20 Millionen

Die Schweiz hilft dem kriegsgebeutelten Mali beim Aufbau von Schulen und Landwirtschaft. Ein Teil der ­Programme ist derzeit auf Eis gelegt. Die Entwicklungshelfer befänden sich in Sicherheit, sagt die Deza.

Kari Kälin und Barbara Inglin
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Die Schweizer Entwicklungsarbeit wird von der malischen Bevölkerung seit Jahrzehnten geschätzt. Das Bild zeigt Kinder 
im Dorf Ouhibera, anlässlich eines Besuches des damaligen Bundespräsidenten Samuel Schmid im Dezember 2005. (Bild: Keystone/Monika Flückiger)

Die Schweizer Entwicklungsarbeit wird von der malischen Bevölkerung seit Jahrzehnten geschätzt. Das Bild zeigt Kinder im Dorf Ouhibera, anlässlich eines Besuches des damaligen Bundespräsidenten Samuel Schmid im Dezember 2005. (Bild: Keystone/Monika Flückiger)

Rund 60 Schweizer befinden sich derzeit in Mali, das von kriegerischen Aktivitäten erschüttert wird. Es handelt sich vor allem um Mitarbeiter der ­Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), der UNO sowie Privatpersonen. Gemäss aktuellem Kenntnisstand des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) halten sich keine Schweizer im unsicheren Norden des Landes auf.

70 Prozent Analphabeten

Seit 1977 ist Mali ein Schwerpunktland der Schweizer Entwicklungshilfe. Von 2002 bis 2012 unterstützte die Schweiz den afrikanischen Staat gemäss der Zeitung «Sonntag» mit Entwicklungsgeldern von rund 150 Millionen Franken. Für das Jahr 2012 betrug das Deza-Budget 23 Millionen Franken. Die Schweiz investiert dieses Geld ins Bildungswesen, in die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit und ins lokale Gewerbe sowie und in den Aufbau einer funktionierenden Verwaltung. Die Probleme im Bereich der Bildung sind enorm. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Mali können weder lesen noch schreiben, rund eine Million der Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren betreten nie ein Schulzimmer.

In der Region um die Stadt Timbuktu im Norden hat die Deza ihre Aktivitäten bereits letzten Februar eingestellt, in Mopti weiter südlich vor wenigen Wochen. Mirko Manzoni leitet das Kooperationsbüro der Deza in der Hauptstadt Bamako. «Wegen der Konfliktsituation können wir derzeit rund 40 Prozent unserer Programme nicht durchführen», sagt er. Die Lage in der Hauptstadt Bamako, wo sich die 44 Deza-Mitarbeiter, darunter fünf Schweizer, befinden, scheint relativ stabil. Wegen der Krise hat sich die Situation in der Hauptstadt im letzten Jahr generell verschlechtert – zum Beispiel der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen oder das Nahrungsangebot auf den Märkten.

Entführungen an der Tagesordnung

Gemäss Manzoni befinden sich die Deza-Mitarbeiter in der Hauptstadt in Sicherheit. «Wir sind uns aber bewusst, dass im Land eine Konfliktsituation herrscht», sagt Manzoni.

Grundsätzlich besteht im ganzen Land eine erhöhte Entführungsgefahr. Das EDA rät denn auch dringend von Reisen nach Mali ab und empfiehlt allen Schweizern, deren Aufenthalt nicht dringend ist, das Land zu verlassen. Im umkämpften Norden des Landes, wo verschiedene Rebellengruppen ihr Unwesen treiben, sind Entführungen an der Tagesordnung. Betroffen waren auch Schweizer. So wurde im Januar 2009 ein Ehepaar im Grenzgebiet Mali/Niger verschleppt. Im April 2012 wurde eine Basler Missionarin entführt. Alle drei Schweizer kamen frei.

Fastenopfer hilft in Nachbarland

Konsequenzen hat die Krisensituation auch für die Nachbarländer – zum Beispiel für Burkina Faso, das derzeit rund 40 000 malische Flüchtlinge beherbergt. Das Hilfswerk Fastenopfer mit Sitz in Luzern engagiert sich in Burkina Faso, um die Ernährungssituation zu verbessern. Für das Jahr 2013 sind rund 490 000 Franken reserviert. Abdoulaye Tarnagada, Fastenopfer-Koordinator des Landesprogramms, rechnet wegen der Kriegswirren mit insgesamt rund 100 000 Flüchtlingen in Burkina Faso. Er befürchtet, dass sich die politische Lage auch in diesem Land weiter destabilisieren könnte und sich die Ernährungskrise verschärft.

Schweiz als Vermittlerin

Die Schweiz leistet derweil in Mali nicht nur Entwicklungshilfe, sondern vermittelt auch zwischen den Konfliktparteien. Sie unterstützt weiterhin die Mediation zwischen der malischen Regierung und der Nationalen Bewegung zur Befreiung von Azawad (MNLA), wie Diplomaten in der Sonntagspresse ausführten. Bei der MNLA handelt es sich um eine laizistische Tuareg-Gruppierung, die im Norden ein unabhängiges Territorium ausgerufen hat. Nicht verhandeln will die Schweiz mit den Islamisten.

Soll die Schweiz angesichts der unklaren Fronten ihre Vermittlerdienste weiterhin anbieten? Und soll sie an der Entwicklungshilfe festhalten?

Politiker stehen zu Engagement

Mitglieder der Aussenpolitischen Kommission beider Räte stellen das Engagement der Schweiz nicht in Frage. «Es wäre sicher falsch, sogar unverantwortlich, jetzt die Leute und das Land im Stich zu lassen. Umso mehr, als auch alle involvierten Parteien die Schweiz aufgefordert haben, ihre Bemühungen weiterzuführen – trotz der gegenwärtigen Situation», sagt zum Beispiel der Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder.

Auch der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister (CVP) hält die Schweizer Bemühungen für richtig, gerade weil Mali ein Schwerpunktland der Deza sei. «Es wäre nicht sinnvoll, die Entwicklungshilfe wegen des Bürgerkrieges abzubrechen. Wenn die Schweiz zudem gute Kontakte zu den Konfliktparteien hat und als Vermittlerin akzeptiert ist, ist es auch sinnvoll, diese Arbeit weiterzuführen», sagt er. «Die Arbeit der Deza in Mali ist sehr, sehr wichtig. Mit dem Einsatz werden die Ärmsten der Armen unterstützt, er muss darum unbedingt weitergeführt werden», ergänzt Nationalrat Geri Müller (Grüne, Aargau). In der momentanen Konfliktsituation sei der Einsatz der Schweiz als neutrale Vermittlerin enorm wichtig.

Auch der Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli fände es «falsch, das Engagement der Schweiz gerade in der jetzigen Krisensituation abzubrechen». Leider könne die Schweiz ihr Vermittlungspotenzial aber nicht voll ausschöpfen. «Ich habe den begründeten Verdacht, dass wir mehr erreichen könnten, wenn wir nicht bereits Partei wären. Durch die UNO-Mitgliedschaft sind wir das aber», sagt Mörgeli. Die Entwicklungshilfe sieht er prinzipiell zwar kritisch. «Es wäre gegenüber der Bevölkerung, die unter dem Krieg leidet, aber nicht fair, jetzt die Hilfe einzustellen.»