Eurocity-Entgleisung

Hin mit der SBB - zurück mit #MitfahrenLuzern: Ein Erfahrungsbericht

Noch bis Sonntag bleibt der wichtigste Verkehrsknoten der Innerschweiz zu. Die SBB raten Reisenden von Besuchen der Stadt Luzern ab. Die «Nordwestschweiz» versuchte es trotzdem: hin mithilfe der SBB, zurück mit der Unterstützung der internetaffinen Zivilgesellschaft.

Daniel Fuchs
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Unser Reporter Daniel Fuchs mit seinem #MitfahrenLuzern-Driver.

Unser Reporter Daniel Fuchs mit seinem #MitfahrenLuzern-Driver.

AZ

Rotweisses Absperrband versperrt den Zugang zum Perron. Auf Gleis 7 steht ein schnittiger Zug des Typs Cisalpino. Es ist der Unfallzug vom Mittwoch. Auf einer Weiche sprang ein Waggon aus der Schiene und zerstörte Gleis- und Stromanlagen so gravierend, dass der Luzerner Kopfbahnhof für Züge der Normalspur bis Sonntagabend nicht befahrbar ist.

Kein Durchkommen möglich: Der Bahnhof Luzern bleibt für die Pendler bis Sonntagabend gesperrt.

Kein Durchkommen möglich: Der Bahnhof Luzern bleibt für die Pendler bis Sonntagabend gesperrt.

Daniel Fuchs

Es ist Mittag und auf der Seebrücke machen Touristen Selfies vor der Kapellbrücke. Am Quai in der wärmenden Märzsonne speisen Büroangestellte zu Mittag. Vor dem Bucherer halten wie gewohnt Reisecars und spucken Touristen aus, die sich mit Luxusuhren eindecken wollen. Nur im Bahnhofgebäude ist es aussergewöhnlich ruhig.

Homeoffice statt mühsame Anreise

Wie immer wochentags wollten am Morgen rund 50'000 Bahnpendler im wichtigsten Innerschweizer Wirtschaftszentrum zur Arbeit gehen. Viele sind dem Aufruf der SBB gefolgt und über andere Wege ins Büro gelangt als mit dem Zug – oder sie arbeiteten gleich von zu Hause aus. Denn wer mit öV nach Luzern will, muss sich gedulden.

Rückblende: Es ist halb 11 Uhr im Bahnhof Olten. Um 10.26 Uhr würde auf Gleis 12 planmässig der Interregio nach Luzern-Erstfeld fahren. Würde, denn der Zug fällt aus. Ein paar versprengte Reisende stehen auf dem Perron und blicken ratlos auf die Anzeigetafel. Die beiden Zuchwiler Senioren Vreni und Jakob Wengi müssen nach Luzern. Ihre Tochter soll sie dort für die gemeinsame Autofahrt in die Ferien nach Laax abholen.

Die Entgleisung des Eurocity-Neigezugs vom Mittwoch in Bildern:

Zug-Entgleisung in Luzern
31 Bilder
Hier wird viel geschweisst.
Die Reparaturarbeiten am Gleis haben begonnen, nachdem der Zug geborgen worden war.
Bahnhof Luzern: Die Ansicht zeigt den Flaschenhals an der Ausfahrt des Kopfbahnhofs.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
Mehrere Tage mussten die Passagiere rund um Luzern mit Bahnersatzbussen transportiert werden.
350 SBB-Mitarbeiter leisteten Sonderschichten.
350 SBB-Mitarbeiter leisteten Sonderschichten.
350 SBB-Mitarbeiter leisteten Sonderschichten.
Geleise und Leitungen mussten repariert werden.
Geleise und Leitungen mussten repariert werden.
Geleise und Leitungen mussten repariert werden.
Dieses Bild tweetete ein Reisender unter #MitfahrenLuzern.
#MitfahrenLuzern: Ein Bild zum Dankestweet.
Geduld ist in Luzern gefragt – nicht nur am Mittwoch.
Geduld ist in Luzern gefragt – nicht nur am Mittwoch.
In Luzern wich alles auf den Busbetrieb aus.
Der entgleiste Eurocity-Neigezug.
Die Bergungsarbeiten laufen Tag und Nacht.
Die Bergung des Zuges war kompliziert - der Bahnhof Luzern blieb mehrere Tage gesperrt.
Der entgleiste Zug am Tag nach dem Unfall vor den Toren des Bahnhofs Luzern.
Die Bergung des Zuges war kompliziert - der Bahnhof Luzern blieb mehrere Tage gesperrt.
Die Bergung des Zuges war kompliziert - der Bahnhof Luzern blieb mehrere Tage gesperrt.
Nach der Entgleisung standen die Züge lange still.
Gespenstig leer: Der verwaiste Bahnhof Luzern am Donnerstagmorgen.
Rettungskräfte am Mittwoch in Luzern bei der Einsatzplanung.
SBB-Fachleute bei der Bergung des Zuges.

Zug-Entgleisung in Luzern

keystone

Wengis sind aufgeregt. «Hier ist kein Personal, das uns hilft», klagt die 88-Jährige, die nicht mehr so gut hört und die Ansagen durch die Lautsprecher kaum versteht. Verzweifelt haben sich die beiden an andere Passagiere gewandt. Ich biete ihnen an, sie auf den Ersatzzug zu begleiten, der Olten um 10.49 Uhr verlässt.

In der Zwischenzeit ist ein SBB-Angestellter auf dem Perron und erteilt gestrandeten Reisenden Ratschläge. Am Morgen mussten sich die SBB-Helfer im Bahnhof noch manch gehässige Reaktion anhören. Doch nun, am späteren Vormittag, ist die Lage entspannt.

Jakob Wengis Handy klingelt: Die Tochter bittet ihre Eltern, in Sursee auf einen Ersatzzug nach Emmenbrücke umzusteigen. Dort würde sie sie mit dem Auto abholen. In Solothurn haben Wengis den 10-Uhr-Zug genommen. Nach den Nachrichten vom Mittwochabend haben sie beim Bahnhofpersonal um Ratschläge gebeten, was sie tun sollten.

«Hätte ich gewusst, dass es so kompliziert wird, dann hätten wir unsere Reise wohl verschoben», sagt Vreni Wenger. Ihr Mann pflichtet ihr bei und erklärt: «Eigentlich fahren wir ja gerne Zug, vor allem die modernen Waggons rollen ja so leise.» Früher sei das anders gewesen, da habe er kaum je aufs Auto verzichtet, so der 86-Jährige.

Um 11.10 Uhr rollt der Zug in Sursee ein. Zum Umsteigen bleibt nur wenig Zeit. Doch Wengis schaffen es auf den Bummler, der 20 Minuten später in Emmenbrücke einfährt. Auf dem Perron wartet bereits Tochter Susanne, die ihre betagten Eltern in die Arme schliesst. Während es für sie von hier mit dem Auto weitergeht, steigen die restlichen Passagiere in einen der wartenden Bahnersatzbusse. Kurz vor 12 Uhr haben auch sie es ins Zentrum von Luzern geschafft.

Trotz einigen Umwegen kann Susanne ihre Eltern am Bahnhof Sursee in den Arm nehmen.

Trotz einigen Umwegen kann Susanne ihre Eltern am Bahnhof Sursee in den Arm nehmen.

Daniel Fuchs

Weil viele Pendler aufs Auto auswichen, war die Stadt während der Stosszeit am Vorabend und in den frühen Morgenstunden noch verstopfter als üblich. Solchen Staus wollte Marc Schrauder ausweichen, als er via Twitter schrieb: «Bin in Stans, kann dich abholen, wo du willst! Vielleicht nicht grad am Bahnhof.» Wie viele Autofahrer hatte er am Vormittag auf dem Online-Kurznachrichtendienst unter dem Hashtag #MitfahrenLuzern gestrandeten Passagieren mit Reiseziel Bern angeboten, mit ihm mitzufahren.

Ich muss nach Bern, also habe ich mich beim ihm gemeldet. Wir vereinbaren, uns um 15.15 Uhr beim McDonald’s in Kriens zu treffen. Marc schreibt, sein Auto sei an den Aufklebern der Skiausrüster «Blizzard» und «Tecnica» zu erkennen.

Also steige ich am Bahnhof Luzern in den 14er-Bus. Punkt 15.15 Uhr steige ich in Kriens aus und sehe ein graues Auto mit den unübersehbaren Markenaufklebern beim Mac vorfahren. Ein kurzes Hallo, dann fährt Marc los. Schon bald sprechen wir über das Skifahren und den Job. Marc ist 39, kommt aus Bern. Nach Stans musste er, weil sein Arbeitgeber dort den Hauptsitz hat.

#MitfahrenLuzern: «Nordwestschweiz»-Reporter Daniel Fuchs (links) hat es ausprobiert – und reiste so komfortabel von Kriens nach Bern.

#MitfahrenLuzern: «Nordwestschweiz»-Reporter Daniel Fuchs (links) hat es ausprobiert – und reiste so komfortabel von Kriens nach Bern.

Daniel Fuchs

Zum ersten Mal auf Twitter

Als Aussendienstler sitzt Marc sehr oft am Steuer – und hört dazu am liebsten SRF 3. Auch am Mittwochabend, als das Zugunglück und der Totalausfall des Bahnhofs Luzern über den Äther rauf und runter diskutiert wurde. «Da hörte ich von dieser Mitfahr-Aktion, welche die SRF-3-Redaktion auf Twitter initiiert hat.»

Und am Donnerstagvormittag, da dachte sich Marc, der auch Autostöppler selten stehen lässt: «Eigentlich blöd, wenn ich heute allein im Auto wieder zurück nach Bern fahre.» Also meldete sich der Twitter-Frischling kurzentschlossen beim Social-Media-Dienst an und setzte seinen ersten Tweet ab. Ich sah diesen und so fahren zwei, die sich nicht kennen, in etwas mehr als einer Stunde nach Bern und merken dort: Sie haben dieselben Freunde.

Bahnhof Luzern: Schaden in Millionenhöhe

Die durch die Entgleisung des Eurocity-Zugs entstandenen Schäden sind grösser als vorerst angenommen und bewegen sich in Millionenhöhe. Nach der Bergung des Unglückszugs kamen grössere Schäden an Kabeln, Gleisen und Fahrleitung zum Vorschein als erwartet, sagte ein SBB-Sprecher gestern.

Bis Montagmorgen, wenn der Betrieb wieder aufgenommen werden soll, werde rund um die Uhr gearbeitet, teilten die SBB mit. Sie rechnen damit, dass unter anderem 400 Meter Gleis neu verbaut, vier Weichen komplett ersetzt und zwei Fahrleitungsmasten sowie ein Fahrleitungsjoch über mehrere Gleise ersetzt werden müssen.

Die genaue Schadensumme konnten die SBB noch nicht beziffern. Der Sachschaden bewege sich aber in Millionenhöhe, sagte ein SBB-Sprecher gestern in Luzern. Zu den aufwendigen Bergungs- und Bauarbeiten kommt der Einsatz von dutzenden Ersatzbussen hinzu.

Die Zentralbahn, die im Bahnhof Luzern über eine eigene Schmalspurzufahrt verfügt, ist seit dem frühen Donnerstagmorgen wieder normal in Betrieb. (sda)

Den Artikel zur Entgleisung des Eurocity-Neigezugs im Bahnhof Luzern mit Newsticker finden Sie hier.