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HINDUS: «Heilige Reuss» wird zum Grab

Seit zwei Jahren dürfen Hindus die Asche ihrer Verstorbenen in der Reuss bestatten. Das wird hoch geschätzt – denn dieser Fluss hat für die Gläubigen eine besondere Symbolik.
Benno Bühlmann
Der Sohn des Verstorbenen (links) bespritzt sich mit Wasser, nachdem er die Asche seines Vaters der Reuss übergeben hat. (Bild Benno Bühlmann)

Der Sohn des Verstorbenen (links) bespritzt sich mit Wasser, nachdem er die Asche seines Vaters der Reuss übergeben hat. (Bild Benno Bühlmann)

Es ist Freitag, 9 Uhr. Im Saal des reformierten Gemeindezentrums Myconiushaus in Luzern sind über zwei Dutzend gläubige Hindus gerade damit beschäftigt, vielfältige Gegenstände und Opfergaben für ein aufwendiges Bestattungsritual herzurichten. Zahlreiche Schalen mit Blumenblättern, Früchten und weiteren Lebensmitteln stehen bereit, darunter auch Reisbällchen, Bananen, Kokosnüsse und Milch. Im Hintergrund beobachtet der Luzerner Hindu-Priester Saseetharen Ramakrishna Sarma aufmerksam das Geschehen. Er kann dieses Ritual nicht selber durchführen, da der Tod als unrein gilt. Deshalb ist an diesem Tag ein spezieller Priester, der eigens aus London anreiste, für die Durchführung des Totenrituals beauftragt worden.

17-jähriger Sohn verstreut die Asche

Als einer der Hauptakteure der Zeremonie («Karta») ist neben dem Totenpriester traditionsgemäss der älteste Sohn des Verstorbenen beteiligt: Der 17-jährige Karthikan erlebt dieses Ritual zum ersten Mal und ist deshalb froh, dass ihm der Priester genaue Anweisungen gibt. Sein Vater ist im Alter von 51 Jahren völlig unerwartet durch einen Herzstillstand gestorben. Er war ein sehr religiöser Hindu, der häufig den Tempel besuchte und mit grossem Engagement im tamilischen Tempelverein mitwirkte. Deshalb ist es den Angehörigen und Freunden des Verstorbenen ein besonderes Anliegen, seine Bestattung sehr sorgfältig und würdevoll zu gestalten.

Die umfangreichen Totenriten nehmen mehr als zwei Stunden in Anspruch. Zuerst werden unzählige Opfer dargebracht, und erst für die letzten 20 Minuten verschiebt sich die Trauergemeinde – es sind ausschliesslich Männer – zum offiziellen Bestattungsplatz an der Reuss. Seit gut zwei Jahren ist es der hinduistischen Gemeinde offiziell erlaubt, die Asche ihrer Toten in der Reuss zu bestatten. Bisher gab es 13 solche Wasserbestattungen.

Der Sohn des Verstorbenen trägt traditionelle, weisse Kleidung und die heilige Schnur. Zudem wird der Ort, wo das Ritual durchgeführt wird, oft mit Blumen, Reiskörnern, Sandelholzpulver und heiliger Asche bestreut. Bereits zu Hause werden zahlreiche Opfer dargebracht, bei denen vielfältige Gegenstände eine Rolle spielen: Samen von Früchten, Butterschmalz, Öl und vegetarische Lebensmittel, aber auch Kleider, Schuhe sowie Gold und Edelsteine. «Der Körper des Verstorbenen ist nur eine Hülle – durch das Beten von Mantras wird der tote Körper der verstorbenen Seele in eine lebendige Form gebracht», erklärt der Hindu-Priester.

Bei den Ritualen vor der eigentlichen Beisetzung im Fluss spielt ein aufrecht stehender Backstein, der mit einer weissen Schleife umwickelt ist, eine zentrale Rolle. «Mit gesprochenen Mantras soll die Energie des Verstorbenen in den Stein geholt werden», so Ramakrishna. Alle diese Totenriten haben nach dem Hindu-Glauben eine reinigende Wirkung: Um die Seele für die Wiedergeburt zu reinigen, müsse die Asche zusammen mit Blüten, kleinen Reisbällchen, Milch sowie der Scheibe einer Frucht einem fliessenden Gewässer übergeben werden. «Die Seele hat Hunger und Durst», erklärt der Hindu-Priester. Bekomme sie diese Nahrung nicht, werde sie böse und bringe Unglück über die Familie.

Knietief im Wasser

Am Schluss der Zeremonie steigt der Sohn des Verstorbenen in die Reuss. Man reicht ihm die Schale mit dem Stein und den Nahrungsgaben. Dann watet er einige Meter weit in Richtung Flussmitte, bis er knapp knietief im Wasser steht. Dort senkt er die Schale, sodass die nicht allzu starke Strömung die Opfergaben davontreibt. Nun wird dem Sohn die Urne ohne Deckel gereicht, er watet wieder in Richtung Flussmitte und lässt dort deren Inhalt von der Strömung langsam auswaschen. Mit der leeren Urne in der Hand watet er schliesslich ans Ufer zurück und bespritzt auch die Angehörigen symbolisch mit Wasser.

Die Gemeinschaft der tamilischen Hindus ist froh darüber, dass die Stadt Luzern vor zwei Jahren einen offiziellen Beisetzungsort bestimmt hat. Das war damals ein Novum in der Schweiz und wurde deshalb als hilfreicher Beitrag gewertet, um die Integration einer religiösen Minderheit in der Schweiz zu fördern. «Für viele von uns brachte dieser Schritt eine grosse Erleichterung», meint der Hindu-Priester rückblickend. Denn das Überbringen der Asche von Verstorbenen in ihr Heimatland sei aufgrund der politischen und bürokratischen Situation für ihre Angehörigen äusserst schwierig und auch mit erheblichen Kosten verbunden.

Erdbestattung ist tabu

Eine Erdbestattung kommt für gläubige Hindus nicht in Frage, weil die Seelen so nicht gereinigt werden können. Die Reuss sei für das traditionelle Bestattungsritual geradezu ideal, betont Ramakrishna. «Der Ganges entspringt dem Himalaja, die Reuss dem Gotthardmassiv», sagt er und fügt mit Freude hinzu: «Die Reuss ist nun unser Ganges und damit zu einem heiligen Fluss geworden.»

Die Dienststelle Umwelt und Energie des Kantons Luzern bestätigte bereits vor zwei Jahren, dass die Beisetzung der Asche Verstorbener in der Reuss vom Gewässerschutz her unbedenklich sei. Zudem ist es im Kanton Luzern grundsätzlich erlaubt, die Asche von Verstorbenen im Freien zu verstreuen. Und davon machen längst nicht nur Hindus Gebrauch: Allein in der Stadt Luzern werden pro Jahr rund 100 Verstorbene nicht auf dem Friedhof bestattet, sondern deren Asche irgendwo in der Natur verstreut.

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