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Kantone prüfen Hitzepläne

Hitzeperioden sind eine ernst zu nehmende Gefahr für die Gesundheit. Für gewisse Bevölkerungsgruppen können sie sogar lebensbedrohlich sein. Westschweizer Kantone und das Tessin haben deshalb Hitzepläne lanciert. Nun prüfen auch einige Deutschschweizer Kantone deren Einführung.
Barbara Inglin, Fabian Fellmann
Senioren kühlen ihre Beine im Hitzesommer 2003: Nach jener Hitzewelle führten die Westschweizer Kantone Hitzepläne ein. Jetzt ziehen die Deutschschweizer langsam nach. (Bild: Keystone/DPA/Waltraud Grubitzsch; Leipzig, 7. August 2003)

Senioren kühlen ihre Beine im Hitzesommer 2003: Nach jener Hitzewelle führten die Westschweizer Kantone Hitzepläne ein. Jetzt ziehen die Deutschschweizer langsam nach. (Bild: Keystone/DPA/Waltraud Grubitzsch; Leipzig, 7. August 2003)

Seit Wochen drückt die Hitze, selbst die Nächte bringen keine Abkühlung. Besonders unter den hohen Temperaturen leiden ältere und chronisch kranke Personen, Schwangere sowie Kleinkinder. Für sie kann die Hitze gefährlich werden: Im Hitzesommer 2003 starben in der Schweiz fast 1000 Personen mehr als in einem Sommer mit durchschnittlichen Temperaturen. Vor allem Menschen über 65 Jahren kamen hitzebedingt ums Leben.

Die meisten Westschweizer Kantone und auch das Tessin haben in den letzten Jahren sogenannte Hitzepläne lanciert, um die Bevölkerung besser vor den Auswirkungen hoher Temperaturen zu schützen. Im Kanton Waadt etwa nehmen bei Hitzewarnung Mitarbeiter der Stadt Lausanne und ihrer Agglomerationen persönlich Kontakt auf mit allen alleine lebenden, über 75-jährigen Personen. Angestellte des Sozialdienstes, Zivilschützer und Gemeindepolizisten erkundigen sich nach dem Gesundheitszustand der Betagten und bieten Hilfe an. Falls notwendig werden die Betroffenen mit Getränken versorgt.

Wasser für die Autofahrer im Stau

Im Tessin verteilt der Zivilschutz am Gotthard-Südportal Wasser an Autofahrer, die im Stau feststecken. In Genf werden während einer Hitzeperiode besonders verletzliche Betagte täglich telefonisch kontaktiert und nach ihrem Wohlergehen gefragt. 98 Personen hätten sich dafür angemeldet, sagt Michael Zurkinden vom Genfer Sozialdienst. Kommt der Kontakt einmal nicht zustande, schickt der Sozialdienst die Polizei vorbei. Zweimal sei das in diesem Sommer geschehen, sagt Zurkinden. Beide Male ging es glimpflich aus: Die Personen hatten lediglich vergessen, sich abzumelden. Auch für Obdachlose ergreift Genf spezielle Hitzemassnahmen. Sozialarbeiter und Zivildienstler versorgen sie mit Wasser und Ratschlägen.

Daneben haben diese Kantone weitere Massnahmen getroffen, etwa Sensibilisierungskampagnen. Auch Freiburg, Neuenburg und das Wallis haben spezielle Massnahmenpläne zum Schutz ihrer Bevölkerung aufgestellt – inklusive Frühwarnsystem, wenn die nächste Hitzewelle anzurollen droht. Im Kanton Freiburg etwa ist im Sommer stets der Sonderstab «Helios» (griechisch für «Sonne») aktiv, und die Polizei kontrolliert auf grossen Parkplätze, ob in Autos Kinder oder Tiere eingeschlossen sind.

Deutschschweiz fährt anderen Kurs

Anders sieht es in der Deutschschweiz aus. Die Kantone diesseits des Röstigrabens und ennet des Gotthards begnügen sich weitgehend damit, auf ihren Webseiten Empfehlungen zum richtigen Verhalten bei grosser Hitze aufzuschalten und die medizinischen Einrichtungen mit Informationen zu versorgen.

Martina Ragettli vom Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), die im Auftrag des Bundes mehrere Publikationen zum Thema mitverfasst hat, nennt dafür verschiedene Gründe. So hätten vor allem jene Kantone einen Aktionsplan erstellt, die besonders stark von der Hitze betroffen sind, wie etwa das Tessin. Zudem seien die Prioritäten der Kantone im Gesundheitswesen unterschiedlich. Waadt und Genf orientierten sich des Weiteren stark an Frankreich, wo ähnliche Massnahmen in Kraft seien.

Dass es aber auch in der Deutschschweiz durchaus Handlungsbedarf gibt, zeigt eine der Studien des Tropen- und Public Health-Instituts im Auftrag der Bundesämter für Umwelt und Gesundheit. In den Städten Genf, Lausanne und Lugano, die allesamt einen kantonalen Hitzemassnahmeplan haben, ist demnach das hitzebedingte Sterberisiko zwischen 2004 und 2013 im Vergleich zur Periode 1995 bis 2002 zurückgegangen. Anders in den Städten Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich, die keine kantonalen Massnahmenpläne kennen: Das Sterberisiko aufgrund von Hitze konnte im gleichen Zeitraum nicht gesenkt werden.

Zürich, St. Gallen und Liechtenstein rüsten nach

Auch einzelne Deutschschweizer Kantone wollen nun aktiv werden. «Im Kanton Zürich ist ein Massnahmenplan zur Anpassung an den Klimawandel in Erarbeitung», sagt Sibylle Brunner, Beauftragte für Prävention und Gesundheitsförderung. Der Plan soll im Herbst dieses Jahres verabschiedet werden. Er umfasse Massnahmen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung in akuten Hitzeperioden. Auch der Kanton St. Gallen will das Thema in den nächsten Wochen diskutieren, wie Präventivmedizinerin Karin Faisst bestätigt.

Noch 2011 sei der Kanton Uri in einer Risikoanalyse zum Schluss gekommen, die Hitze sei kein drängendes Thema, sagt Patrik Zgraggen, Leiter des Urner Gesundheitsamts: «Dies könnte sich in Zukunft ändern und es müssten entsprechende Massnahmen definiert werden.» Auch das Fürstentum Liechtenstein, das eng mit den Schweizer Behörden zusammenarbeitet, reagiert auf die Häufung der Hitzeperioden. «Das Amt für Gesundheit wird in den nächsten Wochen die Erarbeitung eines detaillierten Hitzemassnahmenplans evaluieren», teilt Amtsärztin Marina Jamnicki Abegg mit.

Auf dem Land hilft der Nachbar

In anderen Kantonen heisst es, ein eigentlicher Hitzeplan sei nicht nötig. Der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall etwa schreibt, die Bevölkerung werde bereits über verschiedene Kanäle sehr gut informiert über hohe Temperaturen und entsprechende Verhaltensweisen. Die Luzerner Dienststelle Gesundheit und Sport plane, bei künftigen Hitzewellen die Pflegeheime und Spitexorganisationen mit Fachinformationen zu versorgen.

Das tut Obwalden bereits. Auf weitere Programme wie Nachbarschaftsunterstützung hat der Kanton bisher verzichtet, wie Patrick Csomor vom Obwaldner Gesundheitsamt sagt: «Unserer Erfahrung nach funktionieren solche Mechanismen in unserem doch noch vorwiegend ländlich geprägten Kanton auch ohne staatlich aufgezogene Programme schon recht gut.» Allerdings schliesst Csomor weitere Massnahmen nicht aus, falls sich die klimatischen Bedingungen weiter verschärfen.

Künftig mehr und längere Hitzewellen

Unmittelbar dürfte sich die Situation nun zwar ein wenig entspannen: Am Donnerstag und Freitag werden laut Meteorologen kühlere Luftmassen die Schweiz erreichen. Doch bereits am Sonntag steigt das Thermometer wieder gegen 30 Grad. Und aufgrund der Klimaerwärmung wird in Zukunft mit mehr, längeren und heisseren Hitzewellen gerechnet. Dieser Sommer bietet darauf einen Vorgeschmack, bis anhin zum Glück ohne schwere Folgen: Das Bundesamt für Statistik hat dieses Jahr noch keine Hitzetoten registriert.

Cool reagieren die Appenzeller auf die hitzige mediale Berichterstattung. Innerrhoden habe keinen Hitzeplan, teilt Kantonsarzt Andreas Moser mit: «Da wir in einem Bergkanton auf rund 1000 Meter über Meer wohnhaft sind, ist die Hitze für uns zur Zeit kein Thema. Damit gibt es in diese Richtung unsererseits auch keinen Plan.»

Wichtigste Empfehlungen zum Schutz vor Hitze

  • Körperliche Anstrengungen vermeiden
  • Wohnung und Körper möglichst kühl halten
  • Viel trinken (mindestens 1.5 Liter pro Tag)
  • Erfrischende, kühle Speisen zu sich nehmen
  • Während und nach sportlichen Betätigungen Salzverlust ausgleichen
  • Personen und Tiere nicht in abgestellten Autos zurücklassen

Quelle: Bundesamt für Gesundheit (www.hitzewelle.ch)

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