HÖREN: Unsichtbare Minicomputer fürs Ohr

Immer mehr Menschen leiden hierzulande unter Hörschwierigkeiten. Doch oft lassen sich Betroffene zu spät helfen. Dabei bieten moderne Hörgeräte nicht nur Komfort, sie sind auch bezahlbar.

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Auf den ersten Blick kaum zu erkennen: Moderne Hörgeräte sind klein und extrem leistungsfähig. (Bild: Getty)

Auf den ersten Blick kaum zu erkennen: Moderne Hörgeräte sind klein und extrem leistungsfähig. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

Sobald ein Geräusch an der Ohrmuschel eintrifft, beginnt das menschliche Gehör, es zu verarbeiten. Die Schallwellen bewegen sich durch den Gehörgang zum Mittelohr, wo sie das Trommelfell vibrieren lassen. Diese Vibrationen bringen auch die Gehörknöchelchen zum Schwingen, was sich auf die Flüssigkeit in der Gehörschnecke überträgt, die zum Innenohr gehört. Dort sitzen Tausende von kleinen Haarzellen, welche die Schwingungen in Nervensignale umwandeln und ans Hörzentrum des Gehirns weiterleiten. Dort wird das Geräusch schliesslich wahrgenommen, als Stimme, als Klavierklänge oder als Nachbars Rasenmäher.

Jeder Dritte über 65 betroffen

Doch die Haarzellen in der Gehörschnecke sterben mit zunehmendem Alter ab. Die klassische Ursache für einen Hörverlust, der unumkehrbar ist. Laut Pro Audito Schweiz ist hierzulande jeder Dritte über 65 Jahren schwerhörig. Erste Anzeichen für Altersschwerhörigkeit zeigten sich oft schon zwischen 40 und 50. Aber nicht nur Ältere sind betroffen. Schätzungsweise eine Million Menschen mit Hörproblemen leben in der Schweiz. 300 000 bis 500 000 haben einen mittel- bis hochgradigen Hörverlust, der die tägliche Kommunikation behindert, so Pro Audito. Die Eurotrak-Studie 2015 bestätigte zuletzt, wie verbreitet Schwerhörigkeit in der Schweiz ist. Bei der repräsentativen Befragung gab jeder Zwölfte an, unter Hörproblemen zu leiden. 3,3 Prozent der Bevölkerung besitzen ein Hörgerät, es müssten aber mehr sein. Der Anteil der Personen, die etwas dagegen tun, liegt aber bei nur 41 Prozent. Nur 35 Prozent der Bevölkerung haben in den letzten fünf Jahren einen Hörtest gemacht, 44 Prozent noch nie. Von denen, die ein Hörgerät tragen, gaben fast alle an, dass es ihre Lebensqualität verbessert. Sie neigen weniger zu Depressionen, schlafen besser als Menschen mit unversorgter Hörminderung, so die Studie. «Zielscheibe von Gespött oder Ausgrenzung» werden die wenigsten.

Problem nicht unterschätzen

Doris Derungs von Pro Audito: «Betroffene lassen sich im Schnitt rund sieben Jahre zu spät mit Hörsystemen versorgen.» Dass sich viele dem Problem nicht stellen, bestätigt auch Thomas Linder, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital: «Eine schleichende Hörverschlechterung wird am Anfang meist verdrängt.» Der Patient lerne selber, sich auf das Lippenlesen zu konzentrieren, meide lärmige Umgebung und beschuldige meist die anderen, undeutlich und zu leise zu sprechen. Die Entscheidung für ein Hörgerät stellt eine Hürde dar. «Viele wollen sich damit nicht zeigen», sagt Linder.

Dabei ist mit Schwerhörigkeit nicht zu spassen. «Fehlende Versorgung führt zu sozialer Isolation», so Linder. Der Betroffene zieht sich zurück, meidet gesellige Anlässe, ermüdet rascher, weil er sich stark konzentrieren muss, um das Gesprochene zu verstehen. Am Ende kann es sogar zu depressiven Verstimmungen kommen. Eventuell nehmen ohne Hörgerät auch andere kognitive Leistungen früher ab. Linder fasst es so zusammen: «Den Prozess des Hörverlusts kann ein Hörgerät nicht beeinflussen. Aber eine zu späte Versorgung verschlimmert die direkten und indirekten Konsequenzen.»

Phonak ist ein Schweizer Hörgerätehersteller, zur Sonova-Gruppe gehörend. Auch der Geschäftsführer von Sonova Schweiz, Luca Mastroberardino, sieht noch einen unnötigen Makel, der dem Hörgerät anhaftet. Im Gegensatz zur Brille. Schon bei geringer Schwächung der Sehkraft legten sich die Leute eine zu. Menschen mit Hörminderung fürchten dagegen immer noch oft, diskriminiert zu werden.

Keine Operation nötig

Hörgeräte sind heute kleine Minicomputer, die an einem lauten Ort den Umgebungslärm unterdrücken, sodass man den Gesprächspartner besser versteht. Die Versorgungsrate bei den unter 44-Jährigen ist deutlich gestiegen, so Mastroberardino. Was an den unsichtbaren Im-Ohr-Geräten liegt, welche die Akzeptanz von Hörgeräten erhöhen. Die Modelle sitzen ganz diskret im Gehörgang kurz vor dem Trommelfell. Hier müssen die Träger keine Angst um ihr Image haben. Das Im-Ohr-Gerät setzt ein Akustiker ein, eine Operation ist nicht nötig. Bei den ganz schweren Fällen kann ein Cochleaimplantat das Richtige sein. Diese elektronische Innenohrprothese wird an Kliniken wie dem Luzerner Kantonsspital operativ eingesetzt. Das Implantat wandelt den Schall in elektrische Impulse um, welche den Hörnerv im Innenohr (Cochlea) stimulieren. So nimmt der Träger wieder Sprache und Geräusche wahr. Das Implantat sitzt im Ohr, der dazu gehörende Audioprozessor mit Sendespule befindet sich wie ein Hörgerät hinter dem Ohr. Das Hörgerät allein reicht im Berufsalltag manchmal nicht. Konferenzen etwa bringen Schwerhörige mitunter in schwierige Hörsituationen. Trotz Hörgerät verstehen sie nicht immer alles. In diesem Fall kann ein Mikrofon auf dem Konferenztisch die Gespräche einfangen und Hintergrundgeräusche herausfiltern, bevor es das Gesprochene zum Hörgerät weiterleitet. Auch für die Freizeit gibt es Hilfsmittel. Hörgeräte lassen sich drahtlos mit dem Fernseher oder der Stereoanlage koppeln. Zudem werden Spezialtelefone für Schwerhörige angeboten. Derungs von Pro Audito empfiehlt, ein Hörgerät mit einer Telefonspule zu kaufen. Denn nur mit der lässt sich das Telefon auch nutzen. Den Alltag erleichtern auch zusätzliche Fähigkeiten.

IV zahlt 840 Franken pro Ohr

Stellt sich die Frage der Bezahlbarkeit. Ein Hörgerät muss erst einmal finanziert werden können. Je nach Ausführung kostet es zwischen 500 und 3000 Franken oder noch mehr. Bei schwerhörigen Kindern übernimmt die Invalidenversicherung (IV) in der Regel die Kosten. Bei Erwachsenen sieht es nicht so gut aus. IV und Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) kürzten 2011 die Pauschalen. Die IV zahlt pro Ohr 840 Franken und für eine beidseitige Versorgung 1650 Franken. Die Hörversorgung in der Schweiz ist unbefriedigend, stellt Derungs fest. Sie hält die IV-Pauschale für zu tief angesetzt, um mittel- bis hochgradigen Hörverlust ausreichend zu versorgen. Die private Kostenbeteiligung von durchschnittlich rund 4000 Franken pro Hörgerät belaste sehr viele Betroffene. Derungs fordert eine höhere Kostenbeteiligung der IV.

Stiftung hilft bei Finanzierung

Jemand, der bei der Erstversorgung schon 65 ist, muss mit der AHV-Pauschale auskommen. Diese beträgt 630 Franken, jedoch nur für ein Ohr. Nötig sei aber, so Derungs, eine beidohrige Versorgung und Finanzierung im AHV-Alter. Der Mensch ist schliesslich auf Stereohören ausgerichtet und benötigt beide Ohren für die räumliche Orientierung. Wem ein Hörgerät zu teuer ist, der kann sich über die Irma-Wigert-Stiftung finanzielle Hilfe holen. Pro Audito unterstützt Antragsteller dabei. Auch Linder vom Luzerner Kantonsspital findet: Die AHV sollte zwei Hörgeräte teilfinanzieren. Gerade Ältere sind auf beidseitige Versorgung angewiesen. Es bringe auch nichts, nur ein Auge mit einem geschliffenen Brillenglas zu versorgen. Ist im berufstätigen Alter eine normale Hörgeräteversorgung nicht möglich, sollte sich der Patient als Härtefall bei der IV melden, rät Linder. Dazu gebe es klare Kriterien. Der Akustiker sollte seinen Kunden beim Antrag unterstützen. Die IV erteilt dann einer Zentrumsklinik wie dem Luzerner Kantonsspital den Auftrag, den Fall zu prüfen.