Hunderte Autos sichergestellt: Polizeikorps haben Kampf gegen Autoposer intensiviert

Im Coronasommer 2020 röhrten besonders viele junge Männer mit getunten Karossen durch Städte und Dörfer. Die Polizeikorps reagierten mit deutlich mehr Kontrollen. Und beschlagnahmten viele Autos.

Lucien Fluri
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Oft werden illegale, aber besonders laute Auspuffe verbaut. Wer erwischt wird, muss dann sein Auto bei der Motorfahrzeugkontrolle vorführen.

Oft werden illegale, aber besonders laute Auspuffe verbaut. Wer erwischt wird, muss dann sein Auto bei der Motorfahrzeugkontrolle vorführen.

LZ

Das Chassis tiefergelegt, die Felgen blitzblank geputzt. Der Auspuff röhrt, wenn mal kurz Gas geben wird. Doch die «Autoposer» hatten keinen einfachen Sommer, wenn sie ihre getunten Boliden spazieren fahren wollten: Die Polizeikorps haben die Kontrollen gegen Lärmrowdys und ihre Maschinen dieses Jahr verschärft. Mehrere Hundert Autos mit illegalen Teilen wurden im Frühling und Sommer aus dem Verkehr gezogen, Lärmbussen gehäuft ausgesprochen. Dies zeigt eine Umfrage bei den Deutschschweizer Polizeikorps.

Die St. Galler Kantonspolizei etwa legte 24 Fahrzeuge still und zeigte 240 Poser an (davon 237 Männer, meist unter 28 Jahren). Ihre Thurgauer Kollegen verzeigten 91 Poser, die unnötig herumgefahren waren oder übermässig Lärm verursachten. Die Solothurner Polizei zog 65 Fahrzeuge aus dem Verkehr, eine Verdoppelung zum Vorjahr. Spitzenreiter ist Zürich: Rund 1000 Autoposer wurden im Kanton verzeigt, rund 250 Fahrzeuge sichergestellt oder zur Kontrolle bei der MFK geschickt.

Die Polizei erhielt viel mehr Meldungen aus der Bevölkerung

Hintergrund des Phänomens: Die Polizei erhielt während des Corona-Lockdowns massiv mehr Meldungen aus der Bevölkerung. Einerseits hatten die Poser mehr Zeit, ihre Karossen zu bewegen. Und weil beliebte Clubs geschlossen waren, suchten sie neue Treffpunkte. Dort fielen sie auf. Andererseits blieben mehr Leute zuhause und störten sich am Lärm.

«Die Poser Thematik ist in der Coronazeit stark akzentuiert wahrgenommen worden»,

hält die Kantonspolizei Basel-Landschaft stellvertretend fest. Im Aargau kam es gar zu Petitionen von lärmgeplagten Anwohnern.

Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern überrascht die Zunahme der Lärmklagen nicht. Durch die «Mediterranisierung der Schweizer Städte» spiele sich das Leben im Sommer vermehrt zu späterer Stunde draussen ab. Dies sei eine gute Bühne für gewisse Jugendmilieus, für die das Auto noch immer ein «zentrales Statussymbol» sei. Dabei, so Ohnmacht, habe nicht nur die Ruheerwartung in den Städten zugenommen hat. «Auch das Potential, mit Lärm zu provozieren, ist angestiegen.»

Genaue Daten zu den Vorjahren fehlen

Wie sehr das Phänomen zugenommen hat, ist schwierig zu sagen. Denn verlässliche Daten fehlen: Den Tatbestand Autoposer gibt es im Strafgesetzbuch nicht. Verzeigt werden die Lärmrowdys in anderen Deliktkategorien: Weil sie illegale Teile am Auto montiert haben, weil sie unnötig herumfahren oder weil sie vermeidbaren Lärm verursachen. Erst in diesem Jahr begangen einige Polizeikorps aufgrund der steigenden Meldungen, das Phänomen separat zu erfassen. Weil das Interesse gross war, extrapolierten einige Korps quasi von Hand die Poser und veröffentlichten regelmässig Medienmitteilungen.

Mit entsprechendem Echo: Inzwischen ist das Thema auch auf der politischen Ebene angekommen. Ob in St. Gallen, Bern, im Aargau, in Luzern, in Basel-Stadt oder in Zürich hat es in den Kantonsparlamenten Vorstösse gegeben. Lärmblitzer wurden gefordert – Fahrverbote und Tempo 30 vorgeschlagen, um den Lärm zu reduzieren. Doch gerade Lärmblitzer sind technisch schwierig umzusetzen, etwa aufgrund des Umgebungslärms. Derzeit läuft einzig im Kanton Genf ein Versuch.

Ein Ende des Phänomens: Nicht so schnell absehbar

Verkehrssoziologe Ohnmacht schlägt als Massnahmen gegen die Lärmrowdys nicht nur Aufklärungskampagnen vor. Auch Rückmeldesysteme direkt im Cockpit oder Dezibelanzeigen an Ampeln wären möglich. Ein Ende des Trends kann er nicht absehen, auch wenn sich das Phänomen nach dem Ende des Lockdowns und mit der Wiedereröffnung von Ausgangslokalen etwas entschärft hat.

«Wir müssen aufhören, uns etwas vorzumachen. Die Schweiz ist und bleibt ein Autoland. Das Auto ist und bleibt ein Statussymbol»,

sagt Ohnmacht. «Daran werden zukünftige städtische Jugendmilieus nichts ändern.» Einerseits werde das Materielle und Handfeste für Jugendliche wieder wichtiger, quasi als Kontrapunkt zur Vielzahl an virtuellen sozialen Plattformen, die für eine gewisse Unübersichtlichkeit in ihrem Leben sorgten. Andererseits fänden Autoposer - neben der Freude an der Technik und dem Austausch mit Gleichgesinnten - in ihrem Milieu auch Anerkennung. Das Phänomen stehe schliesslich für «die Materialisierung des Höher, Schneller, Weiter». Diese Attribute seien verknüpft mit sozialer Anerkennung.

Ein Fahrverbot für laute Töffs?

Auch Bundesbern muss sich demnächst mit lärmenden Autoposern und lauten Töfffahrern auseinandersetzen. Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter hat gleich mehrere Vorstösse eingereicht, die sich mit (unnötigem) Strassenlärm befassen. So fordert sie den Bundesrat nicht nur auf, die Rechtsgrundlage zu schaffen, damit die Kantone Lärmblitzer einsetzen können- quasi Radargeräte, die den Lärm messen. Sie denkt auch laut über ein Verbot für Motorräder nach, die lauter als 95 Dezibel sind. «Ich erhalte wegen des Lärms viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung», sagt Suter. Mit Lärmblitzern könnte das Phänomen effizient kontrolliert werden, ist sie überzeugt.

Ein Dorn im Auge sind solche Vorstösse Walter Wobmann. Der Solothurner SVP-Mann ist bekennender Töff-Fan und Präsident der Föderation der Schweizer Motorradfahrer. Er habe Verständnis für lärmgeplagte Anwohner, sagt Wobmann. Trotzdem will er sich gegen die Vorstösse wehren: Einerseits, so Wobmann, drohten damit Töffs illegal zu werden, die ganz regulär zugelassen werden durften. Was heute rechtmässig zugelassen sei, dürfe nicht plötzlich durch eine Gesetzesänderung illegal werden, sagt er. Wobmann will als Massnahme nicht nur Töfffahrer sensibilisieren. Er verweist auch auf neue Vorschriften, die 2023 eingeführt werden. Diese würden tiefere Lärmgrenzwerte vorsehen.  «Dagegen wehre ich mich nicht», so Wobmann.

Nichts hält der Solothurner SVP-Nationalrat von Lärmblitzern. Denn einerseits sehe der Lenker, anders als bei der Geschwindigkeit, nicht, wie laut er fahre. Andererseits könnten in einer Gruppe einzelne Fahrer nicht herausgehört werden. «Und was ist, wenn ein Flugzeug über einen Blitzer fliegt?», fragt Wobmann. Der Bundesrat will zum Phänomen der Lärmposer einen Bericht ausarbeiten lassen und danach Massnahmen vorschlagen.