Namensforschung

Hungrige Landwirtin und Co.: Das steckt hinter den Namen unserer Bundesräte

Sie stehen kurz bevor, die Bundesratswahlen 2015: Aus diesem Grund nehmen wir heute die Familiennamen der amtierenden Bundesrätinnen und Bundesräte genauer unter die Lupe.

Jacqueline Reber*
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Tragen sie ihre Namen zu Recht? Bundesräte (v.l.) Didier Burkhalter, Simonetta Sommaruga, Eveline Widmer-Schlumpf, Bundeskanzlerin Corina Casanova, Ueli Maurer, Doris Leuthard, Johann Schneider-Ammann, Alain Berset.

Tragen sie ihre Namen zu Recht? Bundesräte (v.l.) Didier Burkhalter, Simonetta Sommaruga, Eveline Widmer-Schlumpf, Bundeskanzlerin Corina Casanova, Ueli Maurer, Doris Leuthard, Johann Schneider-Ammann, Alain Berset.

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Doris Leuthard

Doris Leuthard

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Den Familiennamen Leuthard gibt es in den unterschiedlichen Varianten Leuthard, Leuthardt, Leut(h)ert, Lüthard, Lüthardt und Lüthert. Es handelt sich dabei um einen Vaternamen (Ableitung vom Personennamen des Vaters, die den Nachkommen bezeichnet) zum germanischen Rufnamen Liuthart, eine Zusammensetzung aus althochdeutsch liut «Volk, Leute, Mensch» und althochdeutsch harti «hart, kräftig». Die Variation ergibt sich einerseits durch Doppellaut-Formen mit «eu»-Schreibung gegenüber Formen mit Einzelvokal-, hier «ü»-Schreibung, andererseits auch durch Abschwächung des zweiten Gliedes zu «ert».

Eveline Widmer-Schlumpf

Eveline Widmer-Schlumpf

Keystone

Die Variationen Widmer, Vidmer, Wiedmer, Witmer und Wittmer gehen zurück auf mittelhochdeutsch widemer «Inhaber eines Widem». Als widem bezeichnete man insbesondere die Ausstattung einer Kirche oder eines Klosters mit (landwirtschaftlichen) Grundstücken und Gebäuden, den Pfarrhof, welcher der kirchlichen Einheit gehörte und für diese Landwirtschaft betrieb. Heute ist es auch als Gwidem bekannt, beispielsweise in Hägendorf. Historische Belege von Widem, Widum oder Gwidem sind aus vielen weiteren Gemeinden in Olten-Gösgen und Thal-Gäu überliefert. Der Widmer war somit ein Landwirt, der als Pächter den zur Kirche gehörenden Hof bewirtschaftete. Der Name ist vor allem im alemannischen und bairischen Raum häufig, in der Schweiz vor allem in den Kantonen Aargau, Luzern, Thurgau und Zürich bekannt.

Evelines lediger Name ist ein Übername zum schweizerdeutschen Wort Schlumpf «grosser Bissen, Quantum Essen, das man auf einmal in den Mund nehmen kann». Die Motivation ist nicht ganz eindeutig, man mag an einen stets hungrigen Menschen denken, einen unappetitlich Essenden oder aber an eine etwas beleibte Person. Hinter solchen Übernamen stehen oft nicht mehr rekonstruierbare Einzelereignisse, und auch bei den Vorfahren von Eveline Widmer-Schlumpf dürfte eine klare Herleitung nicht möglich sein.

Simonetta Sommaruga

Simonetta Sommaruga

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Sommaruga ist ein Tessiner Name mit italienischem Hintergrund. Es handelt sich dabei um eine Zusammensetzung aus lateinisch summa «das Ganze, das Höchste» und dem italienisch-altprovenzalischen Wort ruga, das «Strasse» bedeutet (vgl. französisch «rue»). Die Sommaruga sind demnach die Leute von der oberen oder hohen Strasse, also die Hochstrassers des Tessins beziehungsweise Italiens. Hochstrasser wiederum ist ein Herkunfts- oder Wohnstättenname zu einem der zahlreichen Verkehrs- und Örtlichkeitsnamen Hochstrass, die sich auf (ehemals) gut gepflegte, geschotterte Landstrassen und allgemein wichtigere, überregionale Verkehrswege beziehen bzw. auf Siedlungen, die an solchen Verkehrswegen liegen.

Alain Berset

Alain Berset

Emanuel Per Freudiger

Beim Familiennamen Berset vermutet man einen Personennamen. Ein Beleg von 1401 berichtet von «Girardus alumpnus Berseti Besson», also von einem «Girardus, Schüler des Bersetus Besson». Berset dürfte demnach eine Kurzform von Humberset(us) oder Auberset(us) sein, die beide auf einen germanischen Namen zurückgehen.

Didier Burkhalter

Didier Burkhalter

KEYSTONE/EPA DPA/JENS WOLF

Burkhalter und Burkolter sind Wohnstättennamen, allenfalls auch Herkunftsnamen zu einem der in der Deutschschweiz verbreiteten Ortsnamen Burkhalde(n), auch Burghalde(n), was «Hügel» beziehungsweise «Abhang, auf dem ehemals eine Burg gestanden ist» bedeutet. Die Entwicklung von g zu k vor h ist ein verbreitetes Phänomen in zusammengesetzten Wörtern (vgl. etwa Junkholz, entstanden aus Jungholz, Fankhaus, entstanden aus Fanghaus usw., dazu zum Beispiel auch der Familienname Fankhauser).

Ueli Maurer

Ueli Maurer

Chris Iseli/AZ

Maurer und Murer sind Berufsnamen zu mittelhochdeutsch mûrære, mûrer «Maurer». Der Name steht demnach für eine Person, die im mittelalterlichen Bauhandwerk mit der Erstellung von Mauerwerk betraut war. Ob die Vorfahren von Ueli auch Maurer waren, wäre beim Bundesrat nachzufragen.

Johann Schneider-Ammann

Johann Schneider-Ammann

Keystone

Die Varianten Schneider, Schnider, Schnyder, Snider und Snidro sind ebenfalls Berufsnamen zum mittelhochdeutschen Wort snîdære «Schneider, Kleidermacher». Der Schneider ist ein Hersteller von Textilien, wobei unterschiedliche Spezialisierungen seit ältester Zeit auszumachen sind, die auch obrigkeitlich geregelt werden mussten. Mit der Häufigkeit des Berufs gehen aber auch zahlreiche Zuschreibungen von angeblichen Eigenschaften der Schneiderleute einher, die allmählich auf den Stand als Ganzen sowie auch auf die Namenmotive übergreifen konnten. So ist der Schneider häufig eine lächerliche Figur, vor der Heirat mit einem Schneider wird sogar gewarnt, er gilt als liederlich, mager, feig, armselig, schwächlich, energielos, furchtsam, aber auch grosstuerisch. Es ist wahrscheinlich, dass der Familienname nicht in jedem Fall auf den Beruf des ersten (Über-)Namenträgers zurückzuführen ist, sondern vielfach eine jener genannten äusserlichen oder charakterlichen Eigenschaften reflektiert. Welche definitive Herkunft nun auf die Familie von Johann zutrifft, dürfte wohl schwer herauszufinden sein.

Die Familiennamen Ammann, Amman, Ammon, d’Amman(n) gehören auch zu den Berufsnamen. Sie gehen zurück auf althochdeutsch ambahtman, mittelhochdeutsch ambetman, amtman, womit ein «Verwalter des Grundherrn, Gemeindevorsteher», aber auch «urteilsprechende Gerichtsperson; Diener, Beamter» gemeint ist. Er bezeichnete ursprünglich eine Person, die im Verwaltungswesen tätig war, also im Gegensatz zu landwirtschaftlichen oder handwerklichen Tätigkeiten eher mit Schreibtischarbeit betraut war und oftmals eine leitende, angesehene und verantwortungsvolle Position innehatte.

Die richtige Departementsverteilung

Mit Blick auf die Bedeutung der Familiennamen unserer Bundesräte waren also die sieben Departemente bisher nicht gerade sinnvoll verteilt. Den persönlichen Eigenschaften besser entsprechen würde zum Beispiel folgende Departementsverteilung: Doris Leuthard ins VBS (kräftiges Volk für die Armee), Eveline Widmer-Schlumpf für die Volkswirtschaft (eine Landwirtin mit gesundem Appetit), Simonetta Sommaruga ins Verkehrsdepartement (Expertin für hoch gelegene Strassen, wohl auch für Alpentunnel), Alain Berset ins Aussenministerium (ein latinisierter Germane für gute Beziehungen zu allen europäischen Nachbarn), Didier Burkhalter ins Finanzdepartement (Hüter des Staatsschatzes auf einem sicheren Burghügel), Ueli Maurer für Justiz und Polizei (ein Mauern-Bauer gemäss SVP-Asylpolitik) und der – immer gemäss den Haupt- oder Nebenbedeutungen seines Namens – «magere» Beamte Johann Schneider-Ammann in das für die Sozialpolitik zuständige EDI.

Sollte sich das neue Bundesratsgremium bei der Departementsverteilung mehr nach den Namenbedeutungen richten, wäre als Ersatz für Eveline Widmer-Schlumpf ein neuer Chef für das Wirtschaftsdepartement gesucht – und für die «Wirtschaft» würde sich unter allen SVP-Kandidaten vom Namen her wohl einer aufdrängen, der sich offiziell schon zurückgezogen hat: der Berner Albert Rösti.

Quelle: Martin Hannes Graf, Simone Maria Berchtold: Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber.

*Dr. Jacqueline Reber ist Leiterin der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch in Olten.