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Im Archiv brechen alte Wunden auf

Markus Schär

Zwangsmassnahmen «Wie kann jemand beweisen, dass er als Kind täglich Prügel bekam?», fragt Urban Stäheli. «Wir können nur belegen, dass er als Zögling in einem Heim oder als Verdingkind auf einem Hof aufwuchs.» Der Adjunkt im Thurgauer Staatsarchiv hilft den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen dabei, ihre eigene Geschichte in den Akten zu erforschen und Wiedergutmachung zu beantragen. «Ich kann im Vergleich mit anderen Kantonen meistens viele Akten auf den Tisch legen», sagt er. Ausser Nidwalden und dem Thurgau setzten alle Kantone die Opferhilfe als Anlaufstelle ein; diese gibt den Archiven Aufträge, die Akten zu suchen.

Schock nach Akteneinsicht

Die Thurgauer kennen sich schon gut in der düsteren Vergangenheit aus. Unter anderem untersucht eine Projektgruppe im Auftrag des Regierungsrats die Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, an denen auch Heimkinder ungefragt teilnahmen. Die Akten der Vormundschaftsbehörden, des Arbeitserziehungsheims Kalchrain oder der Armenanstalt Bernrain liegen alle im Staatsarchiv, und die Protokolle der Kirchgemeinden, die bis 1967 als Sozialbehörde über Schicksale entschieden, findet Urban Stäheli vor Ort.

Auf Wunsch schickte der Adjunkt den Anfragenden ihre Akten zu; das führte gelegentlich zu einem Schock, wenn die Betroffenen die harten Urteile über ihre Familie lasen. «Ich lernte, dass ich die Leute auffangen muss», sagt der Historiker, «dass ich ein Gespür dafür entwickeln muss, worum es ihnen geht.» Dies gelte gerade auch, wenn Angehörige von Opfern ins Archiv kommen: «Da ist etwas in unserer Familiengeschichte, worüber die Eltern nicht reden wollen.» Er spüre Beklemmung bei den Betroffenen, eine «Angstlust», wenn er ihnen die Akten mit ihrer Geschichte eröffne, stellt Urban Stäheli fest: «Für viele ist schwierig, sich an ihre Kindheit zu erinnern, weil sie nie darüber sprachen.»

Auch mit dem Beistand des Archivars löst das Lesen der Akten oft Emotionen aus. In den Protokollen schrieben Vormünder oder Kirchenvorsteher ihre Sicht der Familien fest – Vorurteile oder gar Lügen, wie sich die Betroffenen heute ärgern. Vor allem fragten die Behörden nie die Kinder, wie sie sich ihr Leben vorstellten. So kam der Bub eines Mannes, der nach dem Tod seiner Ehefrau im Alkohol versank, erst in eine Adoptivfamilie, dann in verschiedene Heime; er riss überall aus und ging zum Vater zurück, aber das duldete der Vormund nicht. «Die Betroffenen wurden nicht nach ihren Bedürfnissen gefragt», weiss Urban Stäheli, «das hat zu Verletzungen geführt.»

Eidesstattliche Aussage ist zwingend

Bisher bleibt die Zahl der Gesuchsteller für einen Solidaritätsbeitrag auch im Thurgau unter den Erwartungen. Im Staatsarchiv haben sich erst fünfzehn Betroffene gemeldet, um sich beraten zu lassen. «Wer Soforthilfe bekam, kennt seine Akten schon», sagt Urban Stäheli. «Ich gehe deshalb davon aus, dass einige ihr Gesuch selber ausfüllen.» Auf dem Fragebogen müssen die Gesuchsteller beschreiben, «warum Sie sich als Opfer im Sinne des Gesetzes betrachten». Als Opfer sieht das Gesetz jene, die unter Gewalt oder Missbrauch litten, unter «wirtschaftlicher Ausbeutung durch übermässige Beanspruchung der Arbeitskraft» oder «gezielter Behinderung der persönlichen Entwicklung und Entfaltung». Dabei stellt sich allerdings das Problem, wie sich das Unrecht beweisen lässt. «Ich weise die Gesuchsteller darauf hin, dass sie ihre Geschichte als eidesstattliche Aussage unterschreiben müssen», erklärt Urban Stäheli. «Und ich bekam noch nie den Eindruck, dass jemand bei der Unterschrift zögerte.» Allerdings glaubten einige, sich entschuldigen zu müssen: Sie brauchten das Geld eigentlich nicht – aber es stehe ihnen zu, weil sie viel erlebt hätten, was man niemandem wünsche.

Ein Betroffener fragt sich jedoch noch immer, ob er ein Gesuch einreichen soll, aus Angst vor einem ablehnenden Entscheid. Er schaut zwar auf eine traurige Kindheit zurück, im Heim und darauf in einer Bauernfamilie, die ihn schlug, nicht am gleichen Tisch essen liess und nur während der Schulzeit nicht als Arbeitskraft nutzte. «Aber er weiss selber nicht, ob er ein Opfer war», sagt Urban Stäheli. «Bei einer Ablehnung des Gesuchs würde sein Selbstbild kippen.»

Markus Schär

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