Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Von Rechsteiner bis Levrat: Diese Persönlichkeiten gehören zum Machtnetz von Karin Keller-Sutter

Karin Keller-Sutter scheint die Wahl in den Bundesrat auf sicher zu haben. Obwohl «stockbürgerlich», hat die FDP-Ständerätin gewichtige Fürsprecher in der SP. Und selbst die Vorbehalte gegen sie klingen eher wie Komplimente.
Tobias Bär
Karin Keller-Sutter bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur. (Bild: Thomas Hary)

Karin Keller-Sutter bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur. (Bild: Thomas Hary)

Vor genau einem Jahr sagte Karin Keller-Sutter, sie fürchte sich vor dem Tag, an dem Johann Schneider-Ammann seinen Rücktritt ankündige. Die St. Galler FDP-Ständerätin wusste, dass an diesem Tag alles auf sie, die natürliche Nachfolgerin, blicken würde.

Am 25. September war es so weit. Und Keller-Sutter bekam hautnah mit, wie sehr sich der Wirtschaftsminister darauf freute, wieder mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Sie sagt:

«Auch als Regierungsrätin ist man stark mit dem Amt verbunden. Aber Bundesrat zu sein, das geht noch ein Stück weiter.»

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross, dass die 54-Jährige in den kommenden Jahren selber auf vieles verzichten muss. Dass sie wieder weniger Zeit hat für die Freundschaften, die sie nach dem Ausscheiden aus der St. Galler Kantonsregierung vor sechseinhalb Jahren und dem Wegfallen vieler Repräsentationspflichten «reaktiviert» hatte.

Es gibt kaum Zweifel, dass die Ostschweizerin am 5. Dezember Nachfolgerin von Schneider-Ammann wird. Jenem Mann, dem sie beim ersten Anlauf 2010 noch unterlegen war. Lange hatte Keller-Sutter ausgeschlossen, noch einmal ins Rennen zu steigen. Spätestens die Reaktionen nach dem Rücktritt von Schneider-Ammann haben ihr aber gezeigt, dass diese Wahl auf sie hinausläuft, wenn sie denn will.

Eine tiefe Abneigung gegen das Jassen

«Mein Leben ist nicht immer gerade verlaufen», sagte Keller-Sutter bei der Ankündigung ihrer Kandidatur. Sie meinte die Nichtwahl in die Landesregierung, aber auch ihre beiden Fehlgeburten.

Keller-Sutter spricht nicht nur offen über die Brüche in ihrem Leben. Sie gewährt als Bundesratskandidatin auch einen etwas tieferen Einblick in ihre privaten Interessen, als man es von ihr bisher gewohnt war. Sie spricht über ihre Liebe für Käse und Gummibären («Da verliere ich die Selbstdisziplin») und über ihre Abneigung gegen das Jassen. Entwickelt hat sie diese in jungen Jahren im Restaurant, das ihre Eltern in Wil geführt haben:

«Ich habe mitbekommen, wie die Männer ein ganzes Wochenende durchgejasst haben. Da habe ich mir gesagt: Ich will nie jassen. Und auch keinen Mann, der jasst.»

Gefunden hat sie diesen Mann im Rechtsmediziner Morten Keller, mit dem sie seit bald 30 Jahren verheiratet ist.

Selbst die Rettung des Kampfjet-Kaufs wird ihr zugetraut

Keller-Sutter hat in den acht Jahren seit der schmerzhaften Niederlage gegen Schneider-Ammann einen weiten Weg gemacht. Sie hat sich von der St. Galler Justizdirektorin, die sich unter anderem mit ihrem Engagement gegen Hooligans und ihren asylpolitischen Forderungen den Ruf einer «Hardlinerin» erwarb, zu einer kompromissbereiten und über die Parteigrenzen geachteten Wirtschafts-, Sozial- und Aussenpolitikerin entwickelt.

Sie hat diese thematische Neuorientierung gesucht, und andere waren ihr dabei behilflich: Joachim Eder, der 2011 gleichzeitig mit Keller-Sutter in den Ständerat gewählt wurde und bis dahin die Zuger Gesundheitsdirektion geleitet hatte, überliess ihr den Platz in der Gesundheits- und Sozialkommission.

«Stockbürgerlich»

«Ich konnte dort mitarbeiten, wo die Post abging», sagt Keller-Sutter über ihre bald zwei Legislaturen in der kleinen Kammer. Sie war eine der prominentesten Gegnerinnen der jüngsten Rentenform, ist eine gefragte Stimme in der Europapolitik und hat die Neuauflage der Unternehmenssteuerreform inklusive AHV-Zustupf mitgeprägt. Und selbst bei den Themen, die bei ihr bisher nicht zuoberst stehen, traut man «KKS» offenbar Wunderdinge zu: Ein Parteikollege kann sich Keller-Sutter an der Spitze des Verteidigungsdepartements vorstellen, «um den Kauf der Kampfjets zu retten».

Die Rettung des Weltklimas wiederum hat für die Wilerin nicht oberste Priorität – die Massnahmen gegen die Treibhausgasemissionen dürfen für sie in ­erster Linie das Gewerbe und die Bevölkerung nicht zu stark belasten. Keller-Sutter ist «stockbürgerlich», wie sie selber sagt.

Und trotzdem kann sie auf die Unterstützung von führenden Sozialdemokraten zählen: Ihr Verhältnis zum St. Galler Ständeratskollegen und Gewerkschaftsboss Paul Rechsteiner ist eng und vertrauensvoll. So zeigt Keller-Sutter viel Verständnis für die Weigerung der Gewerkschaften, auf Druck der EU über Anpassungen beim Lohnschutz zu diskutieren. SP-Präsident Christian Levrat ist ein Fürsprecher. Und auch der sozialdemokratische Berner Ständerat Hans Stöckli sagt:

«Karin Keller-Sutter hat bewiesen, dass sie ein offenes Ohr hat für andere Argumente. Das traue ich ihr auch als Bundesrätin zu.»

Der ehemalige St. Galler Finanzdirektor Martin Gehrer von der CVP spricht von einer «absolut verlässlichen Kollegin». So habe Keller-Sutter während der gemeinsamen Zeit in der Regierung als Freisinnige ein Sparpaket mitgetragen, das unter anderem auch eine Erhöhung des Steuerfusses vorsah.

Ständeratspräsidium als bisheriger Höhepunkt

Besonders hervorgehoben werden in diesem Bundesratswahlkampf Keller-Sutters souveränes Auftreten sowie die Sprachkompetenz der diplomierten Konferenzdolmetscherin. Dank ihrem perfekten Französisch steht sie bei Westschweizer Journalisten und Politikern hoch im Kurs. «Dass ich mich ohne Sprachbarriere mit einem Christian Levrat über die Anliegen der Bauern im Greyerzerland austauschen kann, ist ein Gewinn», sagt Keller-Sutter.

Wenn Vorbehalte gegen sie geäussert werden, dann geht es meist nicht um ein Manko, sondern um ein Übermass: Keller-Sutter sei zuweilen etwas zu dominant, heisst es etwa. Oder: Bei ihrem ausgeprägten Arbeitseifer bleibe die Geselligkeit auf der Strecke. Ein Parteikollege meint zudem, dass sich Keller-Sutter in den vergangenen Monaten auffällig zurückgehalten habe, um sich nicht angreifbar zu machen.

Diese Zurückhaltung ist allerdings vor allem auf ihre Rolle als diesjährige Ständeratspräsidentin zurückzuführen. Es ist der Höhepunkt der bisherigen Politkarriere, die vom Wiler Stadtparlament über den St. Galler Kantonsrat und die Kantonsregierung nach Bern führte. Als Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbands, Präsidentin des Detailhandelsverbandes Swiss Retail Federation und Verwaltungsrätin des Versicherungskonzerns Bâloise hat sie beste Verbindungen in die Wirtschaft. Das Versicherungsmandat bringt Keller-Sutter 175'000 Franken pro Jahr ein, die restlichen Einkünfte will sie nicht beziffern:

«Für die Öffentlichkeit ist nur relevant, dass die FDP-Prüfungskommission meine Steuerdaten unter die Lupe genommen hat.»

Keller-Sutter legt aber Wert auf die Feststellung, dass sie auf das Ruhegehalt von gegen 150000 Franken verzichte, auf das sie nach dem Ausscheiden aus dem St. Galler Regierungsrat Anspruch hätte.

Die nominierte FDP-Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter während einer Medienkonferenz, am Freitag, 16. November 2018 in Bern. (Peter Klaunzer/Keystone)
Morten Keller und Karin Keller-Sutter lernten sich in einer Wiler Beiz kennen – inzwischen sind sie seit fast 30 Jahren verheiratet. Der Rechtsmediziner Keller ist Direktor der Gesundheitsdienste der Stadt Zürich. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 22. März 2013))
Nicole Loeb ist Chefin des Berner Warenhauses Loeb. Sie ist Vorstandsmitglied der Swiss Retail Federation, dem Verband der mittelständischen Detailhandelsunternehmen – dessen Präsidentin wiederum Karin Keller-Sutter ist. Nicole Loeb ist die Ehefrau von Lorenz Furrer von der bekannten Berner PR-Agentur furrerhugi. (Bild: PD (7. Juli 2015)
Valentin Vogt ist seit 2011 Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes – und in dieser Funktion im konstanten Austausch mit Keller-Sutter, die Mitglied des Vorstandsausschusses ist.
(Bild: Gaetan Bally/Keystone (Kloten, 25. Januar 2016))
Sven Bradke ist als Vizepräsident der FDP St. Gallen eine zentrale Figur in der Kantonalpartei. Zudem ist er Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident eines Unternehmens für Wirtschafts- und Kommunikationsberatung mit Sitz in St. Gallen. (Bild: Reto Martin (Tägerwilen, 5. Oktober 2012))
Martin Gehrer sass von 2008 bis 2012 mit Keller-Sutter in der St. Galler Kantonsregierung. Zuvor war der CVP-Politiker Staatssekretär des Kantons. Gehrer lobt Keller-Sutter in den höchsten Tönen. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 23. März 2016))
Walter Locher gilt als Strippenzieher der St. Galler FDP. Der Kantonsrat und Rechtsanwalt ist Inhaber einer Anwaltskanzlei mit Sitz im St. Galler Museumsquartier. An derselben Adresse hat auch Karin Keller-Sutter ihr Büro. (Bild: Mareycke Frehner (St. Gallen, 6. September 2017))

Paul Rechsteiner ist als SP-Ständerat und Gewerkschaftsboss ideologisch meilenweit von Karin Keller-Sutter entfernt. Doch die beiden St. Galler Vertreter im Ständerat harmonieren hervorragend, sie kämpften unter anderem gemeinsam für einen Bahnausbau in der Ostschweiz. (Bild: Thomas Hodel/Keystone (Bern, 8. August 2018))
Christian Levrat organisierte als Parteipräsident den Widerstand der SP bei der ersten Bundesratskandidatur von Keller-Sutter im Jahr 2010. Heute gehört er zu ihren Fürsprechern. Levrat steht exemplarisch für die Linke, die sich heute ganz gut mit der FDP-Politikerin arrangieren kann. (Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 7. März 2018))
Joachim Eder verzichtete trotz seiner Erfahrung als langjähriger Zuger Gesundheitsdirektor zugunsten von Keller-Sutter zunächst auf einen Sitz in der Gesundheits- und Sozialkommission (SGK) des Ständerats. Seit 2015 politisiert nun auch der FDP-Ständerat in der SGK, wo er eng mit Keller-Sutter zusammenarbeitet. (Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 6. März 2018))
Philipp Müller gehört zu den ersten Namen, die Keller-Sutter bei der Frage nach ihren wichtigsten Bezugspersonen im Parlament nennt. Müller war von 2012 bis 2016 FDP-Parteipräsident, seit 2015 vertritt er den Kanton Aargau im Ständerat. 2019 tritt er nicht mehr an. (Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 1. Dezember 2016))
Andreas Burckhardt holte Keller-Sutter im Jahr 2013 in den Verwaltungsrat der Bâloise-Versicherung, den er präsidiert. Zuvor sass Burckhardt für die Liberal-Demokratische Partei im Basler Kantonsparlament, zudem präsidierte er die Handelskammer beider Basel.
Lorenz Furrer ist Mitgründer der PR-Agentur furrerhugi. Im Mai sagte er gegenüber dem «Tages-Anzeiger», er könne einem Kunden innerhalb von einer Viertelstunde einen Termin mit einem Bundesrat besorgen. Furrer ist mit Nicole Loeb verheiratet, die sich über den Detailhandelsverband Swiss Retail Federation regelmässig mit Karin Keller-Sutter trifft.
Konrad Graber war ein Kontrahent Keller-Sutters bei der Rentenreform. Graber kämpfte für die Vorlage und den 70-Franken-Zustupf, an der Urne setzten sich aber die Gegner um Keller-Sutter durch. Trotzdem schätzen sich der Luzerner CVP-Ständerat und die Ostschweizerin sehr. (Bild: Anthony Anex/Keystone (Bern, 8. März 2017))
14 Bilder

Diese Persönlichkeiten gehören zum Machtnetz von Karin Keller-Sutter

Zur Entspannung ein Buch über die Gründung des Bundesstaates

Wie sich ihre Arbeitszeit auf die Politik und die Mandate aufteilt, kann die Ständerätin ebenfalls nicht sagen. Nur so viel: «Ich bin in einem Restaurant aufgewachsen. Es ist für mich natürlich, auch am Wochenende zu arbeiten.»

Zur Entspannung ist Keller-Sutter so oft wie möglich draussen, immer dabei ist der Parson Russell Terrier Picasso. Oder sie liest in einem Buch. Wobei der aktuelle Titel nicht unbedingt zur Zerstreuung geeignet ist: Die FDP-Politikerin liest den 1000-Seiten-Wälzer «Stunde null» von Rolf Holenstein über die Erfindung des Schweizer Bundesstaates. Darin sind auch die 23 Wahlgänge ein Thema, die bei den Bundesratswahlen 1854 nötig waren. «Ein Kollege meinte, bei mir seien es dann hoffentlich nicht so viele», sagt Keller-Sutter. Die Chancen stehen gut.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.