Interview

«Wenn es wärmer wird, geht die Zahl der Ansteckungen zurück»: Beda Stadler sagt, warum der Frühling das Virus killen könnte

Immunologe Beda Stadler sieht ein Ansteckungsrisiko auch beim Sprechen – gerade bei den Kehllauten der Chuchichäschtli-Schweizer. Doch der Sommer und mehr Sonnenlicht könnte der Krankheit zumindest vorübergehend den Garaus machen.

Adrian Müller (Watson) und Sabine Kuster (CH Media)
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Beda Stadler (69) ist emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern.

Beda Stadler (69) ist emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern.

Bild: Keystone

Weiss man inzwischen mehr, wie gefährlich das Virus ist?

Panik ist total fehl am Platz. Das Virus ist eigentlich nur für ältere Menschen gefährlich, für Gruftis wie mich. Jüngere Leute, die positiv getestet werden, müssen einfach zu Hause bleiben. Und können Netflix à gogo schauen. Kinder sind eigentlich überhaupt nicht gefährdet. Der Coronavirus ist kein Todesurteil wie AIDS in den 1980er-Jahren, als es noch keine Medikamente dagegen gab.

Wer gesund ist, überlebt das Virus. Das Coronavirus ist nicht gefährlicher als eine starke Erkältung. Das Problem momentan ist vielmehr, dass die Menschen wegen dem kleinsten Halsweh zum Hausarzt rennen und so andere Leute gefährden. Man kann es nicht genug wiederholen: Wer Symptome verspürt, soll zuerst mit dem Arzt oder Spital telefonieren und die weiteren Schritte besprechen.

Wo stehen wir bei der Verbreitungskurve?

In der Schweiz stehen wir mit den bislang 44 Fällen noch ganz am Anfang. Die Zahl kann sich um ein x-Faches erhöhen.

Killt der Frühling das Coronavirus?

Grundsätzlich ist UV-Licht der grösste Feind der Viren. Im Sommer sind die Chancen viel kleiner, dass sich Viren über Tröpfchen verbreiten. Im Winter sitzen die Leute oft eng aufeinander in geheizten Räumen, was eine Verbreitung begünstigt. Darum wandert die Grippe überall dort um die Welt, wo es Winter ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass es in Südamerika und Afrika praktisch keine Coronavirus-Fälle gibt.

Wie lange dauert es, bis in der Schweiz wieder Normalität herrscht?

Diese Frage kann derzeit niemand beantworten. Es gibt drei Möglichkeiten:

  • Wenn es wärmer wird und die Leute wieder mehr draussen sind, geht die Zahl der Ansteckungen wohl massiv zurück. Dies könnte ab Mitte April der Fall sein, je nachdem wie sich das Wetter entwickelt. Voraussetzung ist, dass die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus greifen.
  • Wenn sich infizierte Menschen nicht an die Quarantäne halten und so das Virus immer weiter verbreiten, dann geht es länger. Dann geht es bis tief in den Sommer hinein.
  • Wir werden das Virus nie mehr los und müssen damit leben wie mit der Grippe, die jedes Jahr wieder kommt.

Und was ist das dritte Szenario?

Je mehr das Virus mutiert, desto harmloser wird es und verschwindet irgendwann ganz, wie dies bei Sars der Fall war. Der Covid-19 ist ein mutierter Corona-Virus, der gefährlicher wurde. Zwar könnte es theoretisch auch noch gefährlicher werden, doch dann breitet es sich wie das Ebola-Virus weniger schnell aus, weil die Leute sofort krank werden und zuhause bleiben. Häufiger ist es jedoch, dass Viren weniger gefährlich werden, wenn sie mutieren. Das ist eine historische Beobachtung: Auch im Labor verhalten sie sich oft so, wenn man nach einem schwächeren Lebendimpfstoff sucht und sie so lange mutieren lässt, bis man einen hat – wie dies früher bei der Polio-Impfung gemacht wurde.

Kann man sich beim Reden anstecken?

Die Ansteckung ist noch nicht gänzlich erforscht. Es sieht danach aus, als ob die Tröpfcheninfektion häufiger ist, als die Schmierinfektion. Das heisst: Husten, niesen und theoretisch ist die Ansteckung auch beim Reden möglich. Das die Atemluft Tröpfchen enthält sieht man daran, dass sich der Spiegel beschlägt, wenn man ihn anhaucht. Ungünstig ist auch, dass die Coronaviren zuerst den Rachen befallen. Das kitzelt dann nur etwas, man fühlt sich nicht krank und ist wahrscheinlich dennoch schon ansteckend. Dass wir im Schweizerdeutschen beim Sprechen viele Kehllaute benutzen, ist zusätzlich ungünstig.

Wie lange überleben Viren auf einer Türfalle?

Das ist schwer zu sagen. Als behüllte Viren überleben sie bei Raumtemperatur bis zu vier Tage. Aber ob sie dann noch sehr ansteckend sind, ist nicht klar. Solche RNA-Viren sind nicht sehr stabil.

Wann gibt es einen Impfstoff?

Impfstoffe gegen das Coronavirus werden bereits erfolgreich bei Rindern, Hunden und Katzen eingesetzt. Es dürfte somit relativ einfach sein, einen Impfstoff für Menschen zu entwickeln, schliesslich existieren bereits mehrere experimentelle Impfstoffe für den Menschen. Damit ist es aber nicht getan. Es braucht klinische Versuche und eine Zulassung durch die Behörden. Das dauert normalerweise mindestens ein Jahr.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) experimentelle Impfstoffe erlaubt und die Risiken und Verantwortung für den Impfstoff übernimmt. Einigt sich die Wissenschaft innerhalb von Wochen auf einen theoretischen, gentechnisch produzierbaren Impfstoff, könnte es rascher vorwärtsgehen. Eine Biotechfirma mit grossen Anlagen könnte innerhalb von circa drei Monaten für Europa genügend Impfstoffe herstellen. Das ist aber unrealistisches Wunschdenken.