IMPFUNGEN: Die Masern sind nicht eliminiert

Die Kampagne des Bundes zur Maserneliminierung hat gewirkt: Die Impfrate ist in den letzten vier Jahren gestiegen. Sie reicht aber nicht aus, um die Zentralschweiz als masernfrei zu bezeichnen. Grund sind die vielen Impfgegner – aber nicht nur.

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Niels Jost

Impfen? Oder nicht impfen? Diese Frage scheidet die Geister. Während Befürworter den Schutz über alles stellen, schrecken Impfgegner vor allfälligen Nebenwirkungen zurück.

Weil es in der Schweiz zwischen 2006 und 2009 eine regelrechte Welle mit rund 4400 gemeldeten Masernerkrankungen gab (die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen), hat der Bund 2011 eine Kampagne zur Maserneliminierung lanciert. Ziel: die Bevölkerung zu motivieren, sich gegen die hoch ansteckende Krankheit mit den juckenden, roten Hautflecken (siehe Bild) impfen zu lassen. Jetzt ist die vierjährige Kampagne abgeschlossen und ausgewertet. Das Bundesamt für Gesundheit, kurz BAG, teilte Anfang Januar mit, dass es gelungen sei, die Bevölkerung zu motivieren, ihren Impfstatus zu überprüfen und Impfungen nachzuholen. Mehr Menschen seien heute geimpft als zu Beginn der Kampagne – die Schweiz sei auf gutem Weg, masernfrei zu werden. Dieses Ziel wäre laut BAG dann erreicht, wenn 95 Prozent der Bevölkerung gegen die Krankheit immun sind. Sprich: wenn 95 Prozent die zwei erforderlichen Impfstoff-Dosen erhalten oder die Krankheit hinter sich haben.

Niedrige Impfrate in Nidwalden

In der Zentralschweiz sind die erforderlichen 95 Prozent nicht erreicht. Gemäss Bundesstatistik hat sich die Anzahl geimpfter Kinder zwar stetig vergrössert: Waren im Jahr 2006 im Kanton Luzern noch 65 Prozent aller Zweijährigen mit der zweiten Dosis geimpft, hatten im Jahr 2013 bereits 87 Prozent den kompletten Impfstoff erhalten. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei den 8- und 16-jährigen Luzernern im Jahr 2013: Sie waren 2013 zu 85 Prozent zum zweiten Mal gegen Masern geimpft und somit immun gegen die Krankheit (siehe auch Grafik). Aktuellere Zahlen werden erst in diesem Jahr erhoben. Zur Impfrate von Erwachsenen werden keine Statistiken geführt. Der Bund geht aber davon aus, dass rund 20 Prozent aller jungen Erwachsenen schweizweit nicht vor Masern geschützt sind.

Mit der Impfrate von 82 Prozent bei zweijährigen Kindern liegt Luzern im vorderen Mittelfeld der Deutschschweizer Kantone. Schweizweit liegt die Rate mit 86 Prozent etwas höher. Die selben Raten weisen plus/minus auch die anderen Zentralschweizer Kantone auf. Abgeschlagen ist allein Nidwalden: Dort haben 2013 73 Prozent aller Zweijährigen die zweite Impfdosis erhalten – so wenig wie sonst nirgends in der Schweiz.

Wieso Nidwalden die tiefste Impfrate der Zentralschweiz aufweist, weiss Kantonsarzt Peter Gürber nicht. Eine zunehmende Skepsis gegenüber Impfungen nehme er nicht wahr. Und auch Nidwalden hat an der landesweiten Kampagne gegen die Masern teilgenommen. «Die Bevölkerung ist sensibilisierter auf die Krankheit», sagt Gürber. So kämen auch die Schulimpfungen grundsätzlich gut an. Peter Gürber beobachtet allerdings, dass gewisse Eltern ihre Kinder lieber beim Hausarzt und nicht beim Schularzt impfen liessen. «Dadurch geht womöglich die zweite Dosis vergessen. Bei den Schulimpfungen hingegen haben wir die Kontrolle darüber, wer die zweite Dosis noch nicht bekommen hat.»

Zweite Dosis geht oft vergessen

Auffallend ist, dass in allen Kantonen zwar oft die erste Impfdosis verabreicht wurde, jedoch nicht die erforderliche zweite Dosis – und somit die Immunität nicht vollständig gewährleistet ist. Im Kanton Luzern etwa ist das bei 5 bis 10 Prozent aller Kinder der Fall, in Nidwalden bei bis zu 16 Prozent der Kinder – das ist der höchste Wert der Zentralschweiz. Grund dafür ist laut Roger Harstall, Luzerner Kantonsarzt, dass «in den allermeisten Fällen die zweite Dosis schlicht und einfach vergessen geht. Beispielsweise, wenn das Kind zum Zeitpunkt der Fälligkeit der zweiten Dosis krank war, die Familie zwischenzeitlich umgezogen ist oder die Zweijahreskontrolle nicht wahrgenommen wurde.»

«Jeder Dritte» will keine Impfung

Ein weiterer Grund, weshalb Kinder nicht geimpft sind, ist der bewusste Entscheid der Eltern, das Kind zu einem späteren Zeitpunkt impfen zu lassen – oder aufgrund ihrer skeptischen Haltung gegenüber den Impfungen ganz darauf zu verzichten. Zur anhaltenden Skepsis bei den Eltern sagt Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern: «Wir haben hier eine hohe Impfgegner-Rate. Ich schätze, knapp jeder Dritte im Kanton Luzern ist der Meinung, dass das eigene Abwehrsystem diese Infekte bekämpfen soll.» Diese Personen konnten auch durch die zahlreichen Kampagnen nicht von der Masernimpfung überzeugt werden. Auch die vor gut zweieinhalb Jahren wieder eingeführte und freiwillige Schulimpfung erhöhte laut Kramis die Impfrate nur geringfügig. Hingegen liessen sich die meisten Leute, auch Impfgegner, gegen Starrkrampf oder Kinderlähmung nachimpfen.

Spitalmitarbeiter sind immun

Auch die Mitarbeiter des Luzerner Kantonsspitals (Luks) müssen sich gegen Masern impfen lassen, sofern sie nicht bereits daran erkrankt waren. Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie am Luks, sagt: «Gegen die Masernimpfung sehen wir bei den Mitarbeitern wenig Widerstand. Selten wird eine grundlegende Ablehnung von Impfungen vorgebracht.» Dann argumentierten die Mitarbeiter meist mit möglichen Nebenwirkungen wie Rötungen oder künftiger Anfälligkeit für Infektionen.

Grundsätzlich erkennt Rossi aber, dass die Bevölkerung besser auf die möglichen Folgen der Masern sensibilisiert ist. «Masern sind nicht immer harmlos.» Kommt es zu Komplikationen, können Lungen- oder Mittelohrentzündungen auftreten. Das geschehe bei 5 bis 15 Prozent aller Fälle, erklärt der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall. Auch Entzündungen des Gehirns (1 in 1000 Fällen) seien möglich und besonders gefürchtet. «Bei Erwachsenen verläuft die Krankheit oft schwerer, und es entwickeln sich häufiger Komplikationen als bei Kindern.» Nachimpfungen seien möglich – und empfohlen. Grundsätzlich sollte die zweite Masern-Impfdosis bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr verabreicht werden, rät Harstall.

Kritik an digitalem Impfausweis

Damit Luzern als masernfrei bezeichnet werden kann, darf sich der Kanton nun aber nicht ausruhen. Damit bald 95 Prozent aller Luzernerinnen und Luzerner geimpft oder immun gegen Masern sind, werden die Schulimpfungen auch künftig durchgeführt. Zu einer höheren Impfrate soll auch der elektronische Impfausweis beitragen. Diesen hat der Bund im April 2011 eingeführt, er ist aber noch eher unbekannt. Rund 101 000 Ausweise sind derzeit online erfasst. Patienten können darin selbstständig die durchgeführten Impfungen einschreiben. Zudem sendet die Online-Datenbank automatisch eine E-Mail oder SMS, wenn eine Impfung unvollständig oder überfällig ist und aufgefrischt werden sollte.

Aldo Kramis von der Ärztegesellschaft berichtet allerdings, dass die Handhabung des elektronischen Impfausweises vielen Schwierigkeiten bereite. Auch die Ärzte selber können den Ausweis elektronisch ausfüllen. «Die Hausärzte sind aber bereits überlastet und haben oft keine Zeit, dies für die Patienten einzutragen. Beim herkömmlichen Ausweis reicht hingegen ein Stempel.»

Mitarbeit Yasmin Kunz

Hinweis

Den elektronischen Impfausweis können Sie unter www.meineimpfungen.ch für 10 Franken erstellen.

Masern jucken und sind hoch ansteckend. Wer bereits rote Flecken hat, muss unbedingt zu Hause bleiben. (Bild: Getty)

Masern jucken und sind hoch ansteckend. Wer bereits rote Flecken hat, muss unbedingt zu Hause bleiben. (Bild: Getty)