In Deutschland ist man sich einig: Lucien Favre braucht einen Titel

Der 62-jährige Schweizer Trainer geht mit Borussia Dortmund in seine dritte Bundesligasaison. Die Hoffnung auf weitere Jahre in Westfalen darf er nur hegen, wenn er Meister wird. Doch die Chancen dazu sind klein, denn der FC Bayern erscheint zu stark, um nicht zum neunten Mal in Folge den Titel zu holen.

Markus Brütsch
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Lucien Favre: Führt er Borussia Dortmund mit seiner akribischen Arbeit zu einem Titel?

Lucien Favre: Führt er Borussia Dortmund mit seiner akribischen Arbeit zu einem Titel?

Keystone

Vor ein paar Tagen ist Lucien Favre ziemlich forsch geworden. Zumindest für seine Verhältnisse. «Wir wollen Cupsieger werden», hat der Trainer von Borussia Dortmund vor dem ersten Spiel im Pokalwettbewerb erklärt und damit viele verblüfft.

Weshalb aber ist der für seine Zurückhaltung bekannte 62-Jährige plötzlich in die Offensive gegangen? Hat er vielleicht gemerkt, dass Klappern nun mal zum Handwerk gehört, gerade in Deutschland? Natürlich, für Favre ist Deutsch noch immer eine Fremdsprache und er wird nie so eloquent sein wie die früheren BVB-Trainer Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel, aber ein bisschen besser verkaufen sollte er sich in der Glitzerwelt der Bundesliga schon. Ohne die Authentizität einzubüssen.

In der vorletzten Saison, als die Dortmunder die Rangliste zwischenzeitlich mit neun Punkten Vorsprung angeführt haben, sich Favre aber standhaft geweigert hat, den Titel als Ziel auszurufen, ist ihm dies am Saisonende, als wieder einmal die Bayern feierten, bös um die Ohren geschlagen worden. Der Vorwurf: Er rede seine Mannschaft klein, die Gegner dafür gross.

Jetzt hat er sich zwar aus der Deckung gewagt und den Pokalsieg ins Visier genommen, das Wort «Meistertitel» aber bekommt niemand zu hören. Er weiss, dieser FC Bayern ist für sein Team eine Nummer zu gross; falls bei den Münchnern nicht gleich Lewandowski, Müller, Kimmich, Gnabry und Neuer zusammen für ein halbes Jahr ausfallen. «Die Bayern sind die beste Mannschaft Europas», sagt Favre.

Niko Kovacs Entlassung bei Bayern ist Lucien Favres Pech

In der letzten Saison allerdings ist es ganz einfach sein Pech gewesen, dass dem Rivalen FC Bayern am 2. November 2019 beim 1:5 in Frankfurt so richtig die Lederhosen ausgezogen wurden. Was unlogisch, ja absurd klingt, ist indes die Realität. Das Debakel gegen die Eintracht hat Bayerns Trainer Niko Kovac den Job gekostet und überhaupt erst dazu geführt, dass mit Hansi Flick ein Trainerstern der Superlative aufgehen konnte. Die Folge: Das Triple.

Ohne das Glück der Münchner mit Flick hätten der BVB und Favre gute Titelchancen gehabt. Das klingt zwar bei dreizehn Punkten Rückstand im Schlussklassement seltsam, wird aber mit Flicks ausserirdischer Bilanz von 2,67 Punkten im Schnitt erklärbar. Und so haben sich die Dortmunder seit dem letzten Titelgewinn 2012 zum fünften Mal auf dem zweiten Platz wiedergefunden. Weil zudem die bitteren Achtelfinal-Outs im Cup in Bremen und in der Champions League gegen den PSG in die Bilanz fliessen,
wird in Deutschland auch Favres zweites titelloses Jahr in Dortmund unter dem Strich mit dem Prädikat «mittelmässig» versehen. Vergessen geht, dass auch Messias Klopp drei Jahre brauchte, um Meister zu werden.

Und ausgeblendet wird ebenso, dass kein anderer Dortmunder Trainer in der Bundesligageschichte einen so hohen Punkteschnitt wie der Schweizer mit 2,13 vorweist. Tuchel mit 2,09 und Klopp mit 1,91 werden auf die Plätze verwiesen. Der Romand weiss wie kein Zweiter mit Talenten umzugehen. Den damals 19-jährigen Erling Haaland hat er im Winter blendend integriert, die Entwicklung von Jadon Sancho, 20, ist so atemberaubend wie jene von Giovanni Reyna, 17; und beim 5:0-Sieg im Cupspiel in Duisburg hat er zuletzt den 17-jährigen Jude Bellingham ins kalte Wasser geworfen – der Engländer spielte überragend.
Favres Herausforderung ist es nun, die Balance zwischen Talent und Routine (Roman Bürki, Mats Hummels, Axel Witsel) zu finden. Seine Akzeptanz bei den Spielern ist unbestritten, sie wissen, was sie an ihrem bisweilen kauzigen Tüftler haben und zollen ihm jeden Respekt. Selbst Weltmeisterheld Mario Götze hat nie ein schlechtes Wort über den Trainer verloren.

Favres Vertrag läuft noch bis 2021. Über eine vorzeitige Verlängerung ist bis jetzt nicht gesprochen worden. Klar ist: Diese bekommt er nur, wenn er Meister wird. Sein Team dürfte einen Tick stärker als zuletzt zu sein, Achraf Hakimi ist der einzige gewichtige Abgang, Bellingham, Reinier und der belgische Nationalspieler Thomas Meunier sind dazugekommen.

Schon nach der ersten Niederlage wird es gefährlich

Schon bevor der erste Ball rollt, haben sich jedoch die Kritiker in Stellung gebracht. Nach dem Motto: Nach der ersten Niederlage wirds ungemütlich. Der «Kicker» schreibt: «So unbestritten seine Fachkompetenz auch sein mag, ohne die Kunst, Emotionen in Energie für sein Team umzuwandeln, bleibt sein Repertoire begrenzt.» Lothar Matthäus behauptet, Favre setze Sancho falsch ein, weil nicht immer. Der allgemeine Tenor ist eindeutig: Favre verliere zu viele der wichtigen Spiele und sich zu oft im Detail und sei emotional ein Anti-Klopp. Doch Favre weiss schon: «Es geht um Resultate, wir sind keine geschützte Werkstatt.» Die deutschen Medien verlangen: Favre muss nun liefern. Will heissen: Einen Titel holen. In der Schweiz ist ihm das vier Mal gelungen, im Ausland noch nie. «Wir wollen den Cup gewinnen», hat er nun gesagt und zumindest verbal einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

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Es haben auch schon mal mehr Schweizer Profis in der Bundesliga gespielt. Statt der einst 25 Spieler sind derzeit nur noch deren 17 und die beiden Trainer Lucien Favre (Dortmund) und Urs Fischer (Union Berlin) dort beschäftigt. Erstaunlicherweise bildet Österreich mit 33 Akteuren und den beiden Trainern Adi Hütter (Frankfurt) und Oliver Glasner (Wolfsburg) die grösste Auslandsfraktion.
Markus Brütsch