In Spitälern und Hochschulen nehmen Tierversuche zu

Die absolute Zahl der Tierversuche hat sich in den letzten Jahren nur geringfügig verändert. Während die Industrie immer weniger auf Tierversuche zurückgreift, hat sich die Zahl der an den Hochschulen und Spitälern verwendeten Tiere mehr als verdoppelt.

Dominic Wirth
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614 581: Das ist die Zahl der Tiere, die im Jahr 2017 in der Schweiz für Tierversuche eingesetzt wurden. Meist handelte es sich dabei um Nager, Mäuse fast immer, zum Teil auch Ratten. Daneben wurden jeweils rund 60 000 Fische und Vögel für Tierversuche verwendet.

Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Tiere um rund sieben Prozent zurück, 2011 hatte sie gar noch bei über 760 000 gelegen. Im langjährigen Vergleich ist sie indes stabil geblieben, schon 1997 war sie mit rund 616 000 ungefähr gleich hoch wie heute. In den 1980er- und 1990er-Jahren war es gelungen, die Zahl der benutzten Tiere stark zu reduzieren: Noch im Jahr 1983 hatte sie beinahe zwei Millionen betragen.

Auch wenn die Zahlen auf den ersten Blick stabil geblieben sind, hat sich in den letzten Jahren doch einiges verschoben. Während die Industrie immer weniger auf Tierversuche zurückgreift, passiert das an den Hochschulen und Spitälern heute viel häufiger als noch vor zwanzig Jahren. Die Zahl der dort verwendeten Tiere hat sich mehr als verdoppelt. Das liegt insbesondere am Boom der Versuche mit gentechnisch veränderten Mäusen in der biomedizinischen Forschung. Die Industrie lässt ihre Versuche heute öfter von den Hochschulen durchführen – oder hat sie ins Ausland verlagert.

Dazu kommt, dass dank der 3R-Prinzipien gewisse Versuche ersetzt worden sind. Zwischen 2008 und 2017 sind die Versuche für toxikologische Tests oder die Qualitätssicherung um 60 Prozent zurückgegangen. Hautirritationstests etwa werden heute an Zellkulturen durchgeführt.

Mittlere und hohe Belastungen kommen häufiger vor

Tierversuche sind in vier Schweregrade zwischen 0 und 3 unterteilt. Forscher müssen die vorgesehenen Massnahmen beschreiben, begründen und darlegen, dass keine Alternative zum Tierversuch besteht. In einer Güterabwägung erläutern sie, weshalb Schmerzen oder Schäden der Tiere durch überwiegende Interessen der Gesellschaft gerechtfertigt sind. Die Gesuche werden von den kantonalen Tierversuchskommissionen geprüft. Je höher der Schweregrad, desto höher die Hürden. Welche Versuchsanlage welchem Schweregrad zuzuordnen ist, legt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) in einer Richtlinie fest. Die meisten Tierversuche – 2017 waren es rund 72 Prozent – werden in den Schweregrad 0 und 1, also mit keiner oder leichter Belastung durchgeführt.

Zuletzt hat die Zahl der Versuche mit höherem Belastungsgrad aber zugenommen, gerade jene mit mittlerer Belastung. 2017 war es rund ein Viertel. Auf die höchste Belastungsstufe entfielen knapp 3 Prozent. Eine schwere Belastung bedeutet etwa schwere Schmerzen oder langfristige schwere Angst. Am Ende werden für Versuche eingesetzte Tiere laut dem BLV in der Regel getötet. Nicht getötet werden etwa Wildtiere oder Nutztiere nach Verhaltensstudien.