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Informatik-Aufträge des Bundes: Viel Ärger mit billigen Griechen

Bund und Kantone vergaben Informatik-Aufträge an eine griechische Firma – jetzt sind zwei Projekte in Schieflage.
Henry Habegger
Die Verspätung kostet dem Bund rund 1,8 Millionen Franken. (Bild: Keystone)

Die Verspätung kostet dem Bund rund 1,8 Millionen Franken. (Bild: Keystone)

Die Firma sitzt in Athen, Griechenland. Sie heisst European Dynamics und rühmt sich, im «Bereich E-Government international führend» zu sein. In über 40 Ländern rund um die Welt habe sie erfolgreich gewirkt. «Wir liefern Software und Dienstleistungen immer in sehr hoher Qualität», so die Firma auf Anfrage. Das sehen nicht alle so. Bei einem Auftrag des Kompetenzzentrums Amtliche Veröffentlichungen (KAV) der Bundeskanzlei kommt es zu grossen Verzögerungen und Mehrkosten, wie die Eidgenössische Finanzkontrolle in einem Bericht soeben feststellte.

Verspätung kostet 1,8 Millionen

Hier sind Griechen dabei, ein neues Publikationssystem für die amtlichen Veröffentlichungen des Bundes aufzusetzen. Den Zuschlag hatten sie 2016 für rund 10 Millionen Franken erhalten: 1 Million für den Grundauftrag, 9 Millionen als Option für Support, Weiterentwicklung über 16 Jahre. Die Griechen hatten laut Zuschlag qualitativ überzeugt und – vor allem wohl – am günstigsten offeriert. Die Folge ist bitter. «Die bisherige Verspätung von einem Jahr verursachte bei der Bundeskanzlei und dem Bundesamt für Informatik und Telekommunikation bis heute Mehrkosten von rund 1,8 Millionen Franken», heisst es bei der Bundeskanzlei. Die Verspätung führe aber «nicht zu einer Erhöhung der Entschädigung an den Lieferanten, da mit diesem ein Werkvertrag vereinbart wurde». Die günstigen Griechen sind aber noch in ein anderen Fall verwickelt, der im Fiasko zu enden droht.

Auch Simap mit Problemen

Es geht um die bekannte Beschaffungsplattform simap.ch. Hinter ihr steht der Verein Simap, der von Bund und Kantonen getragen wird. 2017 erhielt European Dynamics den Zuschlag für die Modernisierung. Preis: 1,64 Millionen Franken. Dank der neuen, multifunktionalen Software «können die Vergabestellen Aufträge durchgängig elektronisch ausschreiben, Unternehmen können Angebote online eingeben, und die Verwaltung kann sie elektronisch auswerten sowie elektronische Auktionen durchführen», schwärmte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) nach der Auftragsvergabe. Den Firmen winke administrative Entlastung. Daraus wird vorderhand nichts. Wie Recherchen zeigen, fällt der bisher auf 1. Mai 2019 geplante Start des neuen Simap ins Wasser.

Stefan Sutter, Alt-Regierungsrat aus Appenzell Innerrhoden und Präsident des Vereins Simap, bestätigt: «Nach durchgeführten Tests der neuen Lösung» habe der Verein Simap seine Mitglieder im Februar 2019 darüber informiert, «dass sich die Einführung der neuen Beschaffungsplattform simap2019 auf einen noch nicht bestimmten Zeitpunkt verzögert». Weitere Fragen, etwa nach den Mehrkosten, will der Simap-Präsident derzeit nicht beantworten:

«Zurzeit können wegen der laufenden Gespräche mit den am Projekt Beteiligten keine weiteren Informationen bekannt gegeben werden.»

Insider wollen von gravierenden Problemen beim neuen Simap wissen. So werde die einst geplante Anbindung an die DUNS-Nummer (eindeutige Identifikation von Unternehmen) nicht realisiert. Auch geforderte Kriterien wie Bewertung der Angebote könnten nicht umgesetzt werden. Auch das Beschaffungsrecht des Bundes wird kritisiert: Es bilde nur Realitäten im Bausektor ab, nicht jene in der modernen IT. Zudem ist von einer «unsäglichen Ausschreibungspraxis» des Bundes die Rede: «Kleiner Grundauftrag, dafür Riesenoptionen», sagt ein Insider. Anbieter könnten so kaum mehr planen, geschweige denn das Know-how erhalten. Zum konkreten Fall der Griechen sagt ein Bundesinsider, Fragezeichen zu European Dynamics gebe es spätestens seit 2006. Die Griechen von European Dynamics hatten und haben eine ganze Reihe weiterer Aufträge in der Schweiz, nicht nur vom Bund. Die Firma ist bekannt dafür, dass sie tief offeriert, einige sprechen von Dumping-Offerten.

Die Griechen-Firma weist auf Anfrage jegliche Vorwürfe im Zusammenhang mit den Schweizer Projekten «kategorisch» und ohne Erläuterung zurück. Sie verweist auf ihre vielen Kunden.

Tatsächlich machen nicht alle schlechte Erfahrungen. So liess die Stadt Bern von den Griechen eine Beschaffungssoftware bauen. «Wir arbeiten sehr gut mit European Dynamics zusammen», sagt Marietta Weibel von der Stadtberner Fachstelle für Beschaffungswesen. Die Qualität der Lieferungen sei gut, die Kosten würden eingehalten, mit der Projektabwicklung und auch dem Preis-Leistungs-Verhältnis sei die Stadt zufrieden.

Maurers Angst vor zweitem Insieme

Seit Jahren fordert die Finanzdelegation der Räte (Findel), dass die Landesregierung eine bundesweite Informatik-Architektur einführt und dem Gärtchendenken der Departemente ein Ende setzt. Aber auch letztes Jahr bewegte sich wenig bis nichts, wie die Delegation in ihrem Jahresbericht festhält. Zwar versuchte es Finanzminister Ueli Maurer mit einem Vorschlag für eine Gesamtarchitektur, aber er lief im Bundesrat auf. Die Findel fordert den Bundesrat jetzt auf, sich zusammenzuraufen und «baldmöglichst eine gemeinsame Lösung zu finden.»

Kritik äusserte die derzeit von FDP-Nationalrat Albert Vitali (LU) präsidierte Delegation auch an der Art und Weise, wie die Verwaltung das IT-Projekt Superb 23 angeht. Es kostet nach neuesten Schätzungen fast eine Milliarde. Angeblich winken dafür Effizienzgewinne. Weil er daran zweifelt, überwies Maurer die Botschaft bisher nicht dem Bundesrat. Die Findel unterstützt ihn nun: Zuerst müsse die Verwaltung glaubwürdige Zahlen liefern. Der Bundesrat befürchtet, Superb 23 werde ein Fass ohne Boden wie einst das Flop-Projekt Insieme. (hay)

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