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INITIATIVE: Mit Roger Federer gegen Wehrpflicht

Die GSoA spannt Roger Federer in den Abstimmungskampf ein – weil das Tennis-Ass dienstuntauglich ist. Bürgerliche Politiker finden das eine «Frechheit».
Kari Kälin
Gsoa-Anhänger demonstrieren mit Roger Federer für die Abschaffung der Wehrpflicht. (Bild: Keystone)

Gsoa-Anhänger demonstrieren mit Roger Federer für die Abschaffung der Wehrpflicht. (Bild: Keystone)

Heute um 17 Uhr schwingt Roger Federer endlich das Racket. Sein Gegner im Achtelfinal von Gstaad heisst Daniel Brands (ATP 55) aus Deutschland. Bereits heute Mittag könnte der Name Roger Federer abseits des Tennisplatzes für Aufregung sorgen. Um die fünf Mitglieder der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) werden in Gstaad aufkreuzen. Ausgestattet mit Roger-Federer-Masken, werden sie rund um die Tennisarena für die Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht weibeln, über die das Volk am 22. September abstimmt. Den Grund für die Aktion, die ohne das Wissen des 17-fachen Grand-Slam-Siegers erfolgt, liefert ein Befund der medizinischen Untersuchungskommission. Sie stufte Federer vor gut zehn Jahren als militärdienstuntauglich ein. Die Begründung sei vertraulich, schrieb die «Sonntags-Zeitung» im Juli 2003. Es sei bekannt, dass Federer unter Rückenproblemen leide.

«Wir wollen ihm nicht schaden»

Für die GSoA illustriert das Beispiel Federer, «dass die allgemeine Wehrpflicht nicht für alle gilt», wie GSoA-Mediensprecherin Seraina Patzen sagt. Es sei deshalb Zeit, sie aufzuheben. Und: «Es ist nicht plausibel, dass ein Spitzensportler, der seinem Körper allergrösste Belastungen zumutet, keinen Militärdienst leisten können soll.» Die GSoA wird deshalb heute in Gstaad Kleber verteilen, auf denen Federer einen Siegerpokal in die Höhe stemmt (siehe Bild). «Nicht alle haben Zeit, Krieg zu spielen», heisst es auf dem Kleber.

Die GSoA findet es unproblematisch, die nationale Sport-Ikone für Politmarketing zu instrumentalisieren. «Wir wollen ihm nicht schaden. Wir zeigen lediglich auf, dass die Wehrgerechtigkeit heute nicht mehr gegeben ist», sagt Patzen. Was Federer von der Aktion der Armeegegner hält, war gestern von ihm oder seinem Management nicht in Erfahrung zu bringen.

Glanzmann: «Eine Frechheit»

Die Luzerner CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann sitzt im Präsidium des nationalen Gegner-Komitees der Initiative. Dass die GSoA Federer ohne dessen Wissen in einen Abstimmungskampf einspannt, findet sie «eine Frechheit». «Wenn wir als Gegner der Initiative zur Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht Sportveranstaltungen für politische Zwecke missbrauchen würden, würde die GSoA toben», sagt Glanzmann.

Der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler ist Präsident des Vereins für eine sichere Schweiz und bekämpft die Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht. Der Sicherheitspolitiker findet die GSoA-Aktion «total daneben». Er glaubt aber, dass sich die Armeegegner damit ins eigene Knie schiessen. «Die GSoA betreibt auf dem Buckel eines absoluten Sympathieträgers Propaganda.» Das komme bei den Stimmbürgern nicht gut an und sei vermutlich kontraproduktiv. «Das wäre», ergänzt Büchler, «wie wenn wir als Initiativgegner am kommenden Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf Kilian Wenger ohne Rücksprache für politische Zwecke vereinnahmen würden.» Schwingerkönig Wenger ist einer von zahlreichen Schweizer Sportlern, die unlängst die Spitzensport-RS absolviert haben.

Auch viele Natispieler untauglich

Roger Federer ist allerdings nicht der einzige helvetische Sportheld, der nie in eine Rekrutenschule einrückte. Auch der ehemalige Eiskunstläufer Stéphane Lambiel (28), zweifacher Weltmeister, kam als Untauglicher um den Dienst am Vaterland herum. Gemäss dem «Blick» hatte er in der Jugend ein Rückenleiden. Und vor drei Jahren berichtete die Zeitung «Der Sonntag» (heute «Schweiz am Sonntag»), dass die Schweizer Fussballnationalmannschaft aus einem «Heer von Untauglichen» bestehe. Gerade mal zwei der damaligen Stammspieler – Alex Frei und Stéphane Grichting – hätten Militärdienst geleistet. Die meisten Spieler waren untauglich. Franz Frey, Chef des militärischen Dienstes, gab damals zu bedenken, zwischen Spitzensport und Untauglichkeit bestehe nicht zwingend ein Widerspruch. Frey: «Ein Spieler kann Schlafwandler oder Epileptiker sein, das führt zu Untauglichkeit. Oder er kann eine Sehstörung haben und Kontaktlinsen tragen.»

Regionale Unterschiede

Die GSoA stellt die Wehrgerechtigkeit auch aus anderen Grünen in Frage. Nur 62 Prozent der jungen Männer sind heutzutage diensttauglich. In städtischen Kantonen wie Basel, Genf und Zürich liegt der Wert deutlich tiefer, während etwa die Zentralschweizer Männer überdurchschnittlich hohe Werte aufweisen. «Ich glaube nicht, dass ein Zürcher oder Basler weniger gesund ist als ein Schwyzer oder Luzerner», sagt GSoA-Mediensprecherin Seraina Patzen. Sie führt die Unterschiede auf einen armeekritischeren Geist in den urbanen Kantonen zurück.

Für den Zürcher Militärsoziologen Tibor Szvircsev Tresch ist die Wehrgerechtigkeit hingegen nach wie vor gegeben. Er weist darauf hin, dass 2012 neben den 62 Prozent für die Armee auch 14,5 Prozent der Männer als tauglich für den Zivildienst ausgehoben wurden. Und wer weder Militär- noch zivilen Ersatzdienst leiste, müsse schliesslich Wehrpflichtersatz zahlen. Die Abgabe beträgt 3 Prozent des steuerbaren Einkommens.

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